Freundschaft


Es war ein kleiner Junge, der am Wegrand mit einer Plastikflaschenrakete spielte. Sie zischte, sie schlitterte durch den Schnee. Der Junge war glücklich, weil seine neue Formel funktionierte.
Das war der Zeitpunkt, wo drei Hipster-Jugendliche ihn sahen. Es wurmte sie, dass dieser kleine Knilch sie schon jetzt übertraf. Was würde er erst in zehn Jahren machen?
Den musste man eindeutig eine Abreibung erteilen. Der Junge erkannte sofort und rannte um sein Leben. Doch die düster grinsende Jugendlichen kamen immer näher. Plötzlich lief er in etwas weiches, ein Mädchen.
„Keine Angst, Kleiner. Ich hab dich vorher gesehen.“, flüsterte sie ihm sanft zu und nahm seine Flasche mit der Raketenflüssigkeit.
„Ich hoffe nur sie taugt was.“, seelenruhig schüttete sie die Flüssigkeit in ihre leere Trinkflasche und steckte einen Stock hinein. Die Jugendlichen waren mittlerweile fast da. Das Mädchen legte an und zielte.
„Ey stell dich nicht in unseren Weg, Hübsche.“, pöbelte einer der Jugendlichen.
Die Flasche schoss einen der Jugendlichen mitten durch die Brust. Ungläubig wankend, langsam realisierend, dass seine Zeit abgelaufen war, wankte er noch zwei Schritte, bevor er mausetot zu Boden stürzte. Die anderen Jugendlichen begannen schreiend zu rennen.
„Hier, hast du wieder.“, das Mädchen gab dem Jungen seine Flüssigkeit wieder, „Es ist immer gut einen guten Freund zu haben.“
Die beiden wurden von dem Augenblick an unzertrennliche Freunde. Während andere Kinder Fußball spielten, bauten sie an Raketen und ritten auf Roboterpferden durch die Nacht.

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Der Bäcker ohne Brötchen


Es war einmal ein reicher Bäcker. Er besaß eine riesige Bäckerei und war weltbekannt für seine Brötchen. Einen Sohn hatte er, einen fleißigen Schüler, Studenten und bald fähigen Geschäftsmann.
Hand in Hand erwirtschafteten sie sich Millionen.
Bis zum traurigen Tag als der Vater starb…

Der Sohn erbte, voll Vorfreude an einen boomenden Geschäft. Und die Kunden kamen. Aßen bei ihm mit Genuss. Doch sein Geschäftsinstinkt sagte ihn, es sei nicht genug.
So bot er zusätzlich edle Schokoladen an, die weggingen wie seine warme Semmeln.
Zu seinem eigenen Unglück war der Profit ihm immer noch nicht groß genug und so erweiterte er sein Sortiment um Haushaltsmittel. Immer mehr und mehr, bis ihm keine Zeit mehr zum Backen blieb.

Zuerst waren noch immer viele staunende Kunden in seiner Bäckerei. Doch es wurden immer weniger. Nach ein paar Jahren konnte er seine Besucher an der Hand abzählen, Ausnahme eine Touristengruppe verirrte sich zu seinem Geschäft.
Die Einnahmen sanken dramatisch. Zum ersten mal im negativen Bereich. Doch er ließ sich nicht beirren. Immer größer wurde sein Sortiment.
Gegenüber eröffnete eine andere Bäckerei.
Und die Kunden blieben fast ganz weg, nur ein paar neugierige Touristen kamen noch zu ihm.
Die Einnahmen fielen fast auf 0. Nur das angesparte Geld half ihm solvent zu bleiben.
Eines Tages kamen zwei Journalisten vorbei, die ihn nach allerhand fragten, auch seinem Geschäftsmodell.
„Stimmt es, dass Sie keine Brötchen mehr backen?“, fragte einer der Journalisten.
„Ja. Ich hab keine Zeit mehr dazu. Das Sortiment will erweitert werden.“

Zwei Tage passierte nichts, dann auf einmal war der Laden voll,
mit Schaulustigen, die nichts zahlten, die nichts nutzten.
Immer wieder wurde er gefragt, ob er wirklich keine Brötchen mehr backen würde.
Einer der Schaulustigen, setzte dem die Krone auf:
Er kam mit einem Brötchen, von dem Bäcker gegenüber, zu ihm.

Eines war klar: Die Journalisten waren schuld und der gegenüberliegende Bäcker, der Konkurrent.
Klagen würde helfen, niemand würde seinen Genius in Frage stellen.
Der Bäcker setzte sich an seinen Schreibtisch,
seine Füller war bereit, die ruinösen Klagen zu schreiben,
seine Gedanken voller Rache,
als sein Blick auf einen angestaubten Ordner fiel.
Geschäftsgeheimnisse, die Rezepte für die Brötchen.
Als ein Strahl der Erkenntnis sein Gehirn durchfuhr.
Er wollte Brötchen backen…
er brauchte Gehilfen…

Die konkurrierende Bäckerei schloss, wie vereinbart. Die Einnahmen waren so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Und Brötchen aus seiner Bäckerei Verkaufsschlager. Sollte…
Sein Konkurrent oder besser gesagt Mitarbeiter schlug ihm kräftig auf die Schulter.
„Komm jetzt. Sinniere nicht über Finanzen. Die Brötchen…“

Der Wolfsmensch


Er kam aus dem Nichts, aus der Wildnis und stank erbärmlich als er sich als „Tnarrrr von Gor“ dem Einwohneramt von Farnheim meldete.
Man konnte ihn schwer verstehen, als wäre er aus einer anderen Kultur, trotzdem er wie es den Anschein hatte, in Farnheim aufgewachsen war. Viele Details erzählte er, von über sechzig Jahren, die er als sein Alter angab. Doch so alt sah er nicht aus. Er schien noch sehr jung zu sein.

Und noch rätselhafter war es, woher er die Besitzerurkunde von einer verfallenen Hütte im Wald hatte.
Geerbt, so sagte er. Sein Großvater wäre ausgewandert und sei vor kurzem gestorben.
Man glaubte ihn und gab ihm einen Ausweis, als Staatsbürger, als stolzer Einwohner von Farnheim.
Anfangs fürchteten noch einige Einwohner, Tnarrrr wäre ein Betrüger und wolle Sozialleistung erschleichen, ein Argument, dass sich schnell entkräftete, als er eine Stelle als Lagermitarbeiter annahm.
Seine Kollegen wussten von ihm nur Gutes zu berichten, dass er Kraft hatte wie ein Tier und mit Muskelkraft alleine ganze Paletten schleppen konnte.

So vergingen die Jahre. Mittlerweile war die Hütte renoviert und gepflegt und der seltsame Mann hatte sich sehr viele Wölfe angeschafft. Man konnte kaum einen Schritt in seinen Garten wagen, ohne freudig beschnüffelt zu werden.
„Ob das gut geht?“, fragten sich einige Einwohner besorgt. Doch das Tierschutzamt konnte nur vorbildliche Haltung attestieren. Selbst der Kot seiner Wölfe lag nirgendwo herum, nicht einmal auf den Waldwegen.
Doch noch immer schien eine Mauer zwischen Tnarrrr, dem „Wolfsmann“, und den Bürgern zu liegen. Nur selten traute sich jemand zu seiner Hütte, was meist der Postbote war.
Und der Postbote erzählte von befremdlichen Dingen: von einer Freundin, von magischen Runen und von befremdlichen Geschichten über die Hölle.
Die Priester war sofort Ohr, wollte schon Alarm schlagen, als sie bemerken musste, dass Tnarrrr überhaupt nicht aktiv in Erscheinung trat. Jede Mühe wäre vergebens, höchstens schädlich.
Abenteuerliebende Jugendliche könnten elektrisiert von Warnpredigten vom rechten Weg abweichen und den Sünder besuchen kommen, geschweige denn, der Ärger der Atheisten. Einfach nur totschweigen, die seltsame Erscheinung.

Und so vergingen weitere 20 Jahre. Tnarrrr arbeitete noch immer als Lagerarbeiter, hatte nicht einmal nach einer Gehaltserhöhung gefragt.
Er war körperlich jung wie vor Jahren, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die schon vor Jahren in Rente gingen oder als Greise Brotkrumen dazuverdienten.
Auf seine Rentenansprüche hatte er sogar gänzlich verzichtet.
Doch wie die Zeit verging, so verging auch die Toleranz. Die Tierschutzbehörden waren misstrauisch geworden, nachdem sie Jäger-Gerüchte hörten, die Wölfe seien, wie der Wolfsmann, jung geblieben und dann von einem ehemaligen Pfarrer über die Satanismusgerüchte unterrichtet wurden.

Sie kamen nachts, um Tnarrrr auf frischer Tat zu ertappen, schlichen sich heimlich in seinen Garten. Und tatsächlich, es flackerten Kerzen im Inneren der Hütte, während eine seltsame Sprache gesprochen wurde. Dann erblickten die Tierschutzmitarbeiter eine seltsame Rune an der Gartenpforte. Die Gerüchte schienen wahr zu sein.
Sie riefen die Polizei zur Verstärkung und klopften heftig. Plötzlich Stille im Inneren. Ein Trappen, Rennen. Die Polizei rammte die Tür auf und erstarrte vor Unglauben:
zwar hingen überall Kerzen, aber die Hütte war kein Satanistentempel, nur eine normale Wohnung mit vielen Wölfen. Doch Tnarrrr fehlte.
„Moment.“, rief seine Stimme vom Bad her, „Ich komme…“
Die Polizisten wollten nicht warten und rammten die Tür ein, wo sie einen nackter Tnarrrr und eine Wölfin vorfanden.
„Sodomie also.“, staunten die Tierschutzmitarbeiter. Man zerrte Tnarrrr hervor, der daraufhin die Eindringlinge wütend zur Tür zu Schleifen begann.
„Eindringen und mich der Sodomie zu beschuldigen, das ist die Höhe! Komm Farna!“, rief Tnarrrr empört. Etwas tapste, aus dem Bad kam auf einmal eine wunderschöne Frau.
„Seht ihr!“, schnauzte Tnarrrr die Tierschutzmitarbeiter an, „Ihr könnt einfach nicht richtig sehen. Und nun verschwindet!“
„Das wäre zu schön! Beweisen Sie, dass Sie und Ihre Freundin keine Sodomisten sind. Mitkommen! Ab ins Gefängnis!“, antworteten die Polizisten kaltherzig und legten die Handschellen um die Arme des Paares.
„Und was machen wir mit den Wölfen?“, fragte ein Tierschutzmitarbeiter.
„Einschläfern!“, bellte ein Polizist.
„Und die Hütte?“, ein weiterer Mitarbeiter
„Der Kirche schenken. Sie wird sie für gemeinnützige Zwecke nutzen.“
„Wisst ihr warum es den Ort erst seit 200 Jahren gibt?“, knurrte Tnarrrr kochend vor Wut.
„Nein, aber das interessiert uns auch herzlich wenig.“, fauchte der Polizeihauptmann, drehte sich zu den Tierschutzamtmitarbeitern:
„Und ihr passt auf die Wölfe auf.“

„Es gab einen Krieg. Alle Menschen wurden vernichtet.“, diese Worte spukten in dem Ohr des ehemaligen Postboten. Warum hatte er nur soviel geredet? Schnell packte er seine letzten Habseligkeiten in den Umzugswagen ein und fuhr los. Nur schnell weg. Weg von seiner Heimat. Seine Familie war schon gerettet, sicher in einer Nebenstadt mit mehr als nur 200 Jahren Geschichte. Der Mond ging auf, eine rote Schönheit, die von hunderten Wölfen begrüßt wurde. Wunderschön, aber… nun ja, der Krieg hatte begonnen. Seine alten Knie begannen zu Schlottern.
Er mochte den Wolfsmann. Warum hatte er sich nie wieder zu ihm hingetraut? Ein kleiner Abstecher konnte ja nicht schaden. Und so bog er zum Gefängnis ab…

Frieden lag über den Wald. Nur das Rascheln von Tieren durchbrach die Stille. Es war zu friedlich, keine Menschenseele, obwohl es ein Sonntagmorgen war.
Leise und freundlich läuteten die Kirchglocken, automatisch angesteuert. Die Gläubigen kamen aus ihren Häusern und waren die Ersten, die das Massaker betrachten konnten. Polizisten, Hundebesitzer, die verschwundenen Tierschutzamtmitarbeiter, Kinder, ihre Kinder, ihre Kinder, die sie auf den neuen Kirchcampingplatz geschickt hatten.
Ein arg zerfleischtes Kind lebte sogar noch, atmete und wiederholte: „Die Wölfe!“
Doch die Straßen boten nicht nur den Anblick zerfetzter Leichen, sondern auch der sauber zusammengefalteter Kleidung von Bettlern, Nachtspaziergängern, Dieben und anderen finsteren Gesindel als hätten Aliens diese entführt.
Das überlebende Kind winselte, als es die leere Kleidung sah: „In die Nacht verschwunden, zu Wolf geworden.“
Mehr brauchten die Gläubigen nicht wissen.
Die Grenzen waren klar abgesteckt, Schuldige und Kollaborateure gegen den rechten Glauben, sie. Das bedeutete Krieg!

„Bitte habt Erbarmen mit meiner Freundin. Sie ist schwanger!“, flehte Knarrrr vor Gericht, doch der Richter war steinern vor Trauer. In seiner Hand lag das Foto seines toten Sohnes.
„So.“, höhnte er, „So viel Erbarmen hattet ihr mit unseren Kindern. Mein Sohn…“, er warf verächtlich ein Fleischstück auf Tnarrrr, das dieser fing und behaglich zu essen begann.
Stille.
„Mein Sohn… sie fressen meinen Sohn…“, der Richter wurde bleich, bevor er sich fing.
„Schafft das Monster weg! Lebenslang Einzelhaft und getrennt von seiner Freundin. Und sie…, sie soll ins Männergefängnis, Gruppenhaft. Sie soll erfahren, wie sich Sodomie anfühlt, bei der sie beigeholfen hat.“
„Ich plädiere auf befangen.“, zitterte der Verteidiger. Das Dorf lachte, bis auf einen Postboten am Rande der Versammlung. Er wiederholte nur die Worte, die sich ewig in seinen Kopf wiederholten: „Das gibt Krieg.“
In seiner Hand Tnarrrrs Abschiedsgeschenk: das Zeichen des Wolfes.

Es wunderte keinen der verbliebenen Einwohner, dass alle die nur irgendwie zu den näheren Bekannten des Wolfsmannes gezählt hatten, wegzogen waren. Und wenn auch nur um ein Dorf. Stattdessen rüsteten die Bürger die Jäger auf, es galt: ein guter Bürger zahlt die Wolfsjagd.
Besonders die Kirche zweckentfremdete ihre Kollekten für Waffen.
Und dann kam der Tag.
Hunderte von Jägern, marschierten am Morgen vollgerüstet in den Wald…
…um am Abend, nicht zurückzukehren.
Die Handys der Jäger: tot. Verängstigt sahen die verbliebenen Einwohner den neuen Blutmond aufgehen. Plötzlich verkündeten die Nachrichtensender, dass alle zuhause bleiben sollten, denn es gab ein Massenbruch im Gefängnis nach der Geburt eines Babys. Und als in der Stadt, ein Wolfsheulen aus tausenden Kehlen ausbrach, da wussten sie: es war um sie geschehen.

Feine Asche der Zivilisation rieselte ins feuchte Moos. Nichts deutete mehr auf Dorf oder Kleinstadt hin. Außer ein paar Einträge im Telefonbuch und Erinnerungen der Verbliebenen. Und die Regierung? Als sie sah, dass nichts außer Leichenstücke und Staub übrig war, ließ sie lieber ab weiter nachzuforschen. Denn was kam schlechter im Wahlkampf, als wenn öffentlich wurde, dass die eigenen Leute durch einen sinnlosen Krieg mit einer übermächtigen Macht, eine ganze Kleinstadt ausradiert hatten.

Angenehme Reise


Lasst mich von meiner Reise mit der Eisenbahn erzählen. Unglaublich, was mir dort widerfahren ist. Zunächst musste der Zug auf offener Strecke halten, eine Schafherde lief über die Gleise. Nach ungefähr einer halben Stunden waren die Schafe eingefangen, die Strecke kontrolliert und der Zug konnte weiterfahren. Dementsprechend war die Stimmung. An der nächsten Haltestelle setzten sich eine lauthals auf die Eisenbahn schimpfende Frau mit ihren dreijährigen, quengelnden Kind, ein glatzköpfiger, tätowierter junger, aber blasser Mann und ein alter Mann in mein Abteil. Mir war von Anfang an der Glatzkopf sympathisch; er strahlte eine deprimierte Ruhe aus.
Sekunden nach der höflichen Begrüßung ging der Terror los. Die Frau nahm ihre Zeitung heraus, während ihr Sohn mit seiner lärmenden Spielkonsole daddelte. Sie las einige Zeilen, bevor sie lauthals schimpfte:
„Dieses Islamistenpack, warum wirft man sie nicht alle raus? Muslim, Islamist ist alles das Gleiche.“
Der alte Mann nickte mit den Kopf, ich überlegte mir etwas zu sagen, hatte aber zuviel Angst vor dem Glatzkopf. Zu meinem Überraschen, hob der Glatzkopf seinen Kopf und antwortete mit einem starken polnischen Akzent:
„Mit der Sicherheit wird hier eindeutig übertrieben. Stattdessen solltet ihr euch um eure Kinder kümmern. Motiviert sie zur Schule, lasst sie nicht in die Gosse abgleiten!“
Eine Sekunde war Stille abgesehen von der Musik der Spielkonsole im Hintergrund. Ein triumphierende Geräuschfolge erklang aus dem Spielgerät. Das Kind war ein Level weiter, die Mutter auch mit ihren Gedanken
„Von Ihnen Mister Superschlau lasse ich mir keine Erziehungstipps geben!“, fuhr sie den Glatzkopf wie eine Furie an.
„Es war nicht böse gemeint. Meine Kindheit, ich war wie Ihr Sohn, so unschuldig.“, stammelte der Glatzkopf sichtlich erschrocken. Die Hand des alten Mannes klatschte auf die Glatze des Glatzkopfes, während er sich empörte:
„Unverschämtheit! Ein Nazi schiebt alles auf eine böse Kindheit! Das ist ja die schönste Ausrede für die ganzen Vergasungen.“
„Ich bin kein Nazi!“, der junge Mann stand wütend auf, er war ein Hüne, „Seit Jahren hackt man nur auf mir herum! Ich kann Klavier und Geige spielen, dichten, singen, aber man sieht immer nur mein Äußeres. Außerdem bin ich Pole!“
„Polen haben den Nazis beim Judenvergasen geholfen.“, murmelte der alte Mann und fuhr auf. Dabei stieß er dem Jungen die Spielkonsole aus der Hand. Sie rutschte zu mir. Ich hob sie auf, damit sie nicht unter den Füßen der Wütenden zertrampelt würde.
„Scheiß Autodiebe!“, krakeelte die Frau, „Geh zurück wo du hingehörst: ins Gefängnis.“
Dem jungen Mann kamen die Tränen. Das kleine Kind sprang plötzlich auf meinen Schoß, um den Glatzkopf auf die Glatze zu schlagen.
Es sprang unerlässlich, um die Glatze zu erreichen und rief „Glatzen klatschen! Glatzen klatschen!“ dabei. Es tat mir zweimal weh. Einmal wenn die spitzen Stiefelchen sich nach einem Sprung in meine Beine bohrten, ein anderes Mal wie mit dem Ausländer umgegangen wurde. Mir reichte es und ungehalten, wie ich war, fuhr ich hoch.
„Das ist also deutsche Gastfreundschaft? Pfui über euch alle und erzieht eure Kinder, bitte richtig!“
Ich war giftig, richtig giftig. Es war ein Triumph meiner Vernunft die Spielkonsole auf ein Tischchen abzulegen anstatt sie fallen zu lassen, bevor ich nach meiner Tasche griff.
„Haben Sie Gepäck?“, fragte ich den Polen. Dieser schüttelte den Kopf. Hatte der Pole überhaupt eine Fahrkarte? Ich spürte plötzlich meine Hand eine Fahrkarte entwenden, ein schön-rächend und unschön-was-wenn-erwischt-werden Gefühl. Aber das wurde ich nicht, es erschallte ein Weinen. Als ich aufgestanden war, war das Kind mit dem Kopf gegen die Mülltonne geknallt und war kurze Zeit mit einer Platzwunde bewusstlos gewesen.
„Du Bestie…“, wir verließen schnell das Abteil. Ich wählte eines am anderen Ende des Zuges. Mir fiel auf, dass die Gesichtszüge des Polen langsam versteinerten. Als wir uns setzten, hatte ich das Gefühl einen Massenmörder gegenüber zu sitzen.
„Danke“, murmelte der Glatzkopf, „Ich bin Tomek. Sieben Jahre, sieben Jahre und sie höhnen immer noch. Wann werden die Geister endlich Ruhe geben?“
„Welche Geister?“, fragte ich erschrocken.
„Geister ist der falsche Ausdruck. Die Gesellschaft. Ich bezeichne sie gerne als Geister, weil sie überall ist. Die sieben Jahre. Ich saß wegen Mord.“, Tomek wurde apathisch, „Ich will mich bessern, ich will mich bessern! Hoffentlich hat meine Schwester Verständnis.“
„Warum haben…“
„Du“, fuhr mir der Pole dazwischen, „Ich bin es nicht wert gesiezt zu werden.“
„Ok, warum hast du gemordet?“
„Mein Herz wurde kalt von Demütigung. Du musst wissen, ich bin in einen Ghetto geboren, als Sohn einer geizigen Karrierefrau. Sie war so herzlos in der trostlosesten Gegend zu wohnen, um Geld zu sparen und dann war sie nie für uns da. Die Gang wurde mein zweites Heim. Dann mit sechs ging ich in die Grundschule, ja ich ging dorthin und hatte schlechte Noten. Schließlich saugte die Gang an meinen Kräften. Ich fühlte mich schwach und verhöhnt bis zu jenen Tag. Die Gang hatte mir Drogen verabreicht, Alkohol. Ja, es war der Tag an dem ich das Morden und Lügen kennenlernte. Sie waren vier zu eins, die Flasche an meinen Mund. Nach wenigen Zügen fühlte ich die Befreiung. Ich zerschlug die Flasche und tötete sie alle mit den Scherben . Keine Zeugen, kein Ärger und ein Gefühl der Zufriedenheit. Meiner Gang erzählte ich, dass es eine gegnerische Gang gewesen sei und dann konnte das Spiel beginnen. Meine Gang merkte schnell wie ich zum Töten stand. Es war meine Droge, sie puschte mich und meine Noten. Bald ging ich aufs Gymnasium, war angesehen und verrufen zugleich. Dann letzte Klasse, kurz vor dem Abitur, verriet mich meine Gang, ich sollte untergehen und werden wie sie.“, der Pole schlug die Faust in seine Hand, „Das haben sie nicht geschafft. Und so soll es bleiben. Kein Mord mehr! Nie wieder!“
Der Pole hatte mein Mitleid erregt.
„Wie viel Geld hast du?“, fragte ich. Er zeigte mir einen Zehner.
„Gut dann lege ich hundert drauf.“
Es waren zwei Scheine, hoffentlich eine gute Investition in der Kittung dessen Lebens. Er sollte kein Misanthrop werden.
Mit Tränen in den Augen nahm er das Geld an, dann saßen wir schweigend gegenüber. Der Schaffner kontrollierte uns nach einer Weile. Zu meiner Überraschung zog Tomek eine eigene Fahrkarte, anstatt die ihm heimlich Zugeschobene zu benutzen. Kaum war der Schaffner verschwunden, zwinkerte er mir zu und lächelte verschmitzt:
„Lektion Nummer 1 eines Meistermörders: Nie auffallen. Ich habe extra von dem wenigen Geld aus dem Kerker mir eine Fahrkarte gekauft.“
„Und Lektion 2?“, ich war gespannt.
„Schärfe deine Emotionen wie ein Messer. Sei nicht emotional, aber habe Spaß. Projektiere deinen ärgsten Feind in dein Opfer.“
Wir unterhielten uns anschließend über die tausenden Möglichkeiten einen Menschen umzubringen, ich weiß, etwas suboptimal für einen Mörder auf Abstinenz, aber ich war zu neugierig.
Stunden vergingen. Zufälligerweise mussten wir an der gleichen Haltestelle raus und es war nur noch eine Station hin bis wir ankommen würden, als wir plötzlich in einem Bauernkaff hielten. Schwere Schritte erklangen, unser Abteil schwang auf. In der Tür standen Polizisten.
„Was ist los?“, fragte der Pole mit Engelszunge.
„Sie haben eine Frau belästigt, sowohl sexuell als auch mit Naziideologie. Raus!“, brüllte einer der Polizisten. Ich wollte mich aufregen über die Lüge, aber der Glatzkopf bedeutete mir still zu sein.
„Ich bin Pole und leicht verstimmt über den Umgang von Deutschen mit Fremden.“
Daraufhin schlugen die Polizisten zu, Tomek wich gekonnt aus und floh aus dem Zug.
Er telefonierte gestern mit mir und berichtete mir, dass auch seine Schwester ihn verstoßen hat.
Ich werde ihn demnächst aufnehmen.

Ende

Fiktion, nicht Realität.
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Wie sie Kinderseelen zerfetzen


An einen schönen Herbstabend stand die Polizei vor der Tür. Man führte seinen Vater ab und nahm ihn fest im Arm und sagte: „Du armes Kind, wurdest von deinen Vater vergewaltigt.“
Der vierzehnjährige Junge namens Valentin war verwirrt. Sein Vater hatte ihn niemals unanständig angefasst.
„Was?“
„Komm mit! Jetzt bist du in Sicherheit.“, die Pflegerinnen nahmen ihn bei den Armen und zogen ihn an seiner weinenden Mutter vorbei in einen Lieferwagen.
Der Junge begann zu weinen.
„Ist schon gut.“, trösteten die Frauen.

Man brachte ihn in ein Waisenhaus über dem ganz groß: „NewDawn“ stand.
„Hier bist du sicher und denke an deine Kurse zur Angstbewältigung.“, verabschiedeten sich die Frauen.
Die ganze Umgebung machte Valentin Angst; er wollte zurück.
„Ich will nach Hause. Es ist alles eine Lüge.“, schrie er die Pflegerinnen an.
„Typisches Stresssymptom. Ich hoffe du wirst dich einleben.“
Ende, die Pflegerinnen verschwanden. Er alleine unter narkotisiert wirkenden Jugendlichen. Ihr Gleichschritt machte ihm Angst. Er wollte Freiheit, drehte um und rannte Richtung Straße. Sofort packten ihn Hände und zerrten ihn in das Gebäude.
„Du wirst dich anpassen.“, zischte eine männliche Stimme. Sie zog ihn weiter in eine Abstellkammer und vergewaltigte ihn dort. Es war der Direktor, er konnte nichts gegen ihn unternehmen und musste es über sich ergehen lassen.
Dann wurde er, aus dem After blutend, in ein Schlafsaal gezogen, musste sich ausziehen und einen blau-grau gestreiften Einheitsschlafanzug anziehen.
Alles schauten auf ihn, und er auf sie.
„Willkommen in der Hölle. Mein Name ist Franz.“, meinte ein kleiner Jugendlicher mit Brille auf seinen rundlichen Gesicht.
„Das werden wir noch sehen!“, knurrte Valentin, wie ein verletztes Tier.

Peitschenschläge erklangen auf seinen nackten Rücken. Er hatte nach seiner Mutter gefragt.
„Tut mir leid wir müssen dich entwöhnen. Du musst deine schreckliche Vergangenheit hinter dir lassen.“, hatte der Direktor geantwortet und die Peitsche herausgeholt.
Und da zerbrach was in seiner Seele. War er höflich und freundlich gewesen, so erfüllte ihn nun ein Schwelbrand aus Hass und Angst. Man schickte ihn nach seiner Züchtigung in ein Verdrängungsseminar. Die Mädchen und Jungen weinten, als ihnen schonungslos ausgemalt wurde, wie ihre Väter sie vergewaltigt hatten. Alle mussten sie an den pädophilen Direktor denken.
Betäubt und weinend taumelte Valentin heraus. Er konnte nicht mehr sagen, ob sein Vater ihn angerührt hatte. Doch schon schleifte ihn sofort in ein Verhörzimmer, wo mehrere Polizisten ihn zu seinen Vater befragten. Und nicht nur das: er sollte seine Hose ausziehen. Er weigerte sich, es setzte eine Ohrfeige. Man entnahm ihm triumphierend Sperma aus den After.
„Das stammt vom Direktor!“, schrie Valentin auf, riss sein Hemd von der Brust, „Und die Striemen von der Peitsche des Direktors.“
Die Polizisten liefen wutrot an: „Dr. Fratzen ist ein ehrenwerter Mann. Wie kommt es sonst, dass keiner seiner Zögling straffällig geworden ist?“
Der pädophile Direktor blieb ruhig: „Nur die Ruhe, meine Herren. Ich werde ihn zurechtbiegen. Er wird braver Bürger.“
Und so bog man an ihn.
Vormittags musste an einen christlich orientierten Schulunterricht teilnehmen. So wurde statt Darwin eine skurrile Schöpfungstheorie durch Gott gelehrt. Schlimmer war der Nachmittag mit seinen Religionsunterricht und den Verdrängungskurs.
Der Religionsunterricht war, wie der Verdrängungskurs, reinste Gehirnwäsche einer fanatisch-esoterischen aber christlichen Sekte.
Nach anfänglichen Widerstand, ging er in die innere Emigration. Er schrieb grausame Gedichte, biss sich absichtlich auf die Zunge und ging kaum einer Schlägerei aus dem Weg, auch wenn er dabei mit vielen Schrammen versehrt herauskam. Im Laufe von Wochen wurden es immer weniger, da er immer besser im Kämpfen wurde.
Eines Tages hörte er den Jugendlichen namens Franz ausrasten: „Ich halt es hier nicht mehr aus. Mobbing und ich will wieder einen Computer sehen.“
Franz kletterte stöhnend über den Maschenzaun, die Kinder schauten ihn gespannt zu. Valentin spürte einen sanften Stöhner auf seiner Wange. Er schaute sich um. Es war ein Mädchen, um die fünfzehn. Und sie sahen sich in ihre leidenden jugendlichen Augen. Es war Liebe auf den ersten Blick, doch Valentin war vorsichtig und schaute weiter auf den fliehenden Jugendlichen. Ein paar Wachen sprangen hervor, der Jugendliche schlängelte sich hindurch. Plötzlich schubste ihn eine der Wachen auf die Straße. Er fiel schreiend, Autos zermatschten den klugen Kopf, verteilten die glibbrige Masse Wissen auf alle Häscher. Das Mädchen packte seine Hand und flüsterte: „Mein Name ist Mina. Lass uns gehen.“
Zunächst war es nur eine geistige Liebe, nach einiger Zeit kuschelten sie versteckt in einen der tausenden Anstaltsräume. Praktisch war Valentins Beschaffungsmethode. Selbst Pfleger rückten Kondome raus, wenn er mit der Faust drohte.
Die anderen Jugendlichen hingegen freute es, dass sie sich nun ungestört sich prügeln konnten und unterstützten die Beziehung der Beiden nach Kräften, schließlich wollte keiner unter Valentins Faust kommen.
Schließlich stand Halloween vor der Tür, die Jugendlichen durften sich Kostüme aussuchen, wobei Valentin und Mina Vorrang hatten. Sie gingen als Vampirpaar, weil Valentin beim lernen zufällig auf Vlad Dracula gestoßen war. Er vergötterte ihn fast und spielte seine Rolle gut. Hingegen Mina schlotterte in ihren knapp bemessenen Vampiraufzug.
„Und nun geht heraus und habt Spaß. Holt euch viele Süßigkeiten.“, befahl der Direktor.
Es war das erste Mal das Valentin die Waisenanstalt verließ. Wie leicht hätte er mit seiner Freundin fliehen können, doch unsichtbare Ketten hielten sie alle fest.

Ein Jahr später kamen Tests, wo Valentin kläglich versagte. Hatte er Jahre zuvor nur die besten Noten gehabt, so war alles verflogen.
„Weniger kuscheln, mehr arbeiten.“, riet die Lehrerin unter Getuschel der anderen Schüler. Er fühlte sich schwach und versagte bei Schlägereien, etwas was ihm lange nicht passiert war. Seine Freundin wurde sich von einen anderen Schüler geschnappt, ohne dass sie Einwände einlegen konnte, denn der Direktor stand drohend mit einer Peitsche in der Hand hinter ihnen.
Trübe Gedanken tobten in seinen Kopf, seine Leistungen wurden schlechter und schlechter, er schleppte sich durch die Schule. Zu seinem Geburtstag bekam er einen geöffneten Geburtstagbrief seiner Mutter; in ihm: eine Karte.
„Alles gute zum Geburtstag. Ich hoffe, es geht dir gut. Hier etwas Geld. Hast du meine Briefe bekommen?“, in den Briefkuvert war kein Geld, geschweige denn hatte er Briefe bekommen. Wie Vlad III hatte man ihn entführt, aber warum? Das hatte nichts mehr mit Vergewaltigung zu tun, das war… Valentin fehlten die Worte.
Aus Trauer wurde Wut, der Schwelbrand entzündete seine Seele: er musste töten. Leise, unauffällig, hinterhältig; am besten würde ein anderer Schuld bekommen. Mit einen gemeinen Lächeln schritt er zu Tat. Er beobachtete die anderen sorgfältiger als je zuvor. Sehr sorgfältig, so entdeckte er ein Mädchen, das ein Messer besaß, ein perfekter Täter. Nun die Opfer. Ein Mädchen, eine Freundin von dem „Täter“, am liebsten hätte er auch Peiniger von Mina auf seiner Mordliste aufgenommen, doch das wäre zu offensichtlich, aber wie stand es mit ein paar Pflegern?
In der Nacht schlich er auf leisen Sohlen zum Mädchenschlafsaal. Niemand hörte ihn, niemand sah ihn durch die schlafenden Reihen tasten. Dann sah er das Zielobjekt. Sein Herz schlug schneller, er griff zu. Niemand rührte sich, lautlos zog er das Messer und tastete sich an das Bett seines ersten Opfers. Es schlief unruhig, wälzte sich. Kein gutes Ziel, doch auf einmal hielt es inne, als es auf den Rücken lag. Perfekt. Langsam hob er die Bettdecke über die Brust des Opfers hoch. Er konnte die Brüste durch das dünne Schlafhemd durchdrücken sehen, ein Anfall von Bedauern, dann stach er zu.
Noch weitere fünf Opfer, zwei Jungen, zwei Pfleger, eine Pflegerin und schon war er wieder bei dem Mädchen, welches er zum Täter machen würde.
Leise flüsterte er im Tonfall, wie er es vom Verdrängungsseminar gewohnt war: „Du hast fünf Menschen umgebracht. Du hast fünf Menschen umgebracht, verstehst du?“, das Mädchen nickte, „Nimm das Messer.“, das Mädchen nahm das Messer, „Und nun gehe zur Dusche. Du wirst dich versuchen reinzuwaschen.“
Das Mädchen stand wie ein Zombie auf und folgte seinen Befehlen. Er verschwand hingegen mit einen dämonischen Lächeln im Gesicht. Dracula würde stolz auf ihn sein.

Es geschahen auf ähnliche Weise noch weitere zwanzig Morde, dann musste Valentin eine Abstinenzpause einlegen. Es wäre zu auffällig, denn die Polizei ermittelte mit Hochdruck, suchte nach dem missing-link bei den Morde. Auch bedauerte er, nur mittelmäßige Noten schreiben zu dürfen. Seine Intellekt war mit seiner Selbstbestätigung von den Morde zurückgekehrt, wenn nicht sogar über das vorherige Maß geschärft worden, doch er durfte nicht auffallen. Jeder absichtliche Fehler schmerzte und würde später mit Blut gerächt werden.
Eines Tages bemerkte er einige Anwälte, die mit den Wachposten vor dem Waisenhaus stritten. Erstaunt ging er zu ihnen heraus und fragte, was los sei.
„Sind Sie Valentin Kut?“, fragten die Anwälte ihn.
„Ja.“
„Gut, dass wir Sie treffen. Ihr Vater hat Selbstmord verübt. In seinem Abschiedsbrief steht, dass wir Ihnen eine Botschaft ausrichten sollen.“
„Und die wäre?“
„Ich war es nicht.“
Tränen rollten Valentin aus den Augen. Hände wurden auf seine Schultern gelegt
„Wann hätten Sie Zeit für die Beerdigung und die Vollstreckung des Testaments?“, fragte ihn einer der Anwälte.
„In zwei Jahren. Er ist noch nicht soweit mit seiner Mutter in Kontakt zu treten. Er hat noch immer posttraumatische Störungen.“, der Direktor war angeeilt gekommen. Valentin und er sahen sich tief in die Augen. Feindschaft blitzte, Mordlust stand ihnen beiden in den Augen.
„Jetzt.“, antwortete Valentin, sein Blick durchbohrte den Direktor, „Ich komme wieder, Doktor Fratzen.“
„Dann wird Mina, aber traurig sein.“
Valentin musste lächeln. Der Direktor hatte ihn unterschätzt, behandelte ihn noch wie ein kleines Kind. Hatte Dr. Fratzen seine Verwandlung nicht mitbekommen?
„Sie wird mir schon verzeihen.“
„Das glaube ich kaum.“, konterte Dr. Fratzen. Mochte sein, dass Mina was zustoßen würde, aber er brauchte erst Distanz für eine fundierte Entscheidung, so wandte er sich an seine Anwälte:
„Kann es losgehen? Ich habe seit Jahren nur dieses Waisenhaus gesehen.“
Diese nickten, er stieg in das Auto, sie hörten noch ein: „Das wirst du bereuen!“, dann schlug die Wagentür zu und das Auto setzte sich in Bewegung.
„Seltsamer Kauz, dieser Dr. Fratzen.“, wunderte sich einer der Anwälte. Valentin war sich unsicher, ob es erlaubt war frei zu reden. War er denn in Sicherheit oder war es nur ein Trick?
„Dr. Fratzen hat seinen Titel nicht verdient.“, stocherte Valentin vorsichtig. Erstaunt fragten die Anwälte nach: „Warum?“
Die Anwälte schienen in Ordnung zu sein.
„Gehirnwäsche gegen wehrlose Waisenkinder. Ist das nicht genug?“
Sofort zog der nichtfahrende Anwalt einen Block.
„Erzählen Sie weiter. Wir vertreten Ihre Mutter im Prozess gegen das Waisenheim. Sie sagt, sie hätte keinen Kontakt mehr zu Ihnen gehabt. Stimmt das?“
„Ja. Briefe werden systematisch abgefangen und durchsucht. Außerdem lässt die Gehirnwäsche die Vergangenheit verblassen und unwichtig erscheinen. So weiß ich nicht einmal den Namen meiner Mutter.“
„Steht der Direktor in Zusammenhang mit den zwanzig Morden?“
Valentin erblasste: „Nur indirekt. Sie sind ein Ausdruck von Widerstand der Insassen. Mein vollstes Verständnis, wenn Kinder in dieser Hölle ausrasten.
Vielleicht hilft das: der Unfall vom dicklichen Jugendlichen Franz. Die Wachen vom Waisenhaus schubsten ihn auf die Straße, nachdem sie erfolglos versucht hatten ihn zu fangen.“
Der Anwalt schrieb nieder, schaute auf, fragte:
„Warum?“
„Es gibt so viel zu verbergen in dem Waisenhaus. Esoterischer Unterricht, Pädophilie des Direktors, Fälschung von Beweisen. Apropos hat man das Sperma, das man bei mir fand, auf seinen Ursprung überprüft? Es stammt vom Direktor.“
„Nein. Aber wir werden das sofort angehen.“, der Anwalt zückte ein Mobiltelefon, telefonierte kurz, bekam einen ungläubigen Gesichtsausdruck, legte auf, schüttelte den Kopf:
„Ich fasse es nicht. Die Beweise wurden vernichtet. Es scheint einen tiefen Sumpf zu geben.“
„Die zerbrochenen Kinderseelen folgen widerstandslos Autoritäten, daran liegt es. Das Gleiche in Afrika mit den Kindersoldaten.“

Seine Mutter weinte, seine Großeltern weinten, Valentin weinte im Kreise seiner Liebsten. Kaum war er wieder zu Hause, erzählte er seine Geschichte, verschwieg aber seine Morde. Dann, als alle schon zu Taschentüchern gegriffen hatten, packte er den Hammer aus: „Ich glaube mein Vater hat sich nie an mir vergangen. Wer könnte ihn so etwas antun wollen?“
Stille, Todesstille.
„Was hat er verbrochen, außer zu leben?“
Stille. Seine Mutter packte zitternd eine Zigarette aus. Valentin sah, dass die ganze Wohnung Spuren exzessiven Rauchens trug. Früher war seine Mutter strikte Nichtraucherin gewesen, was nur Grausamkeit aus Menschen machte… Sie zündete ein Streichholz zischend an, hielt es an ihre Zigarette. Wie ein Höllenfeuer, das Leben vernichten wollte, griff die Flamme gierig nach den Papier und verschlang es, langsam und genüsslich.
Plötzlich krähte ein Rabe. Stille. War es seine Schuld, die ihn zur Verantwortung ziehen wollte? War es Dracula, der ihn entführen sollte? Valentin zitterte. Wieder krächzte der Rabe, ohrenbetäubend laut. Es klingelte an der Haustür.
Valentin öffnete die Tür; es war Mina. Sie war bleich und blutig an tausenden Stellen ihres schönen Körpers.
„Was ist passiert?“, fragte Valentin entsetzt.
„Ich sollte Selbstmord begehen.“, ihr Blick glich dem eines Raubtieres, „Ich sollte glauben, du seist tot. Idiot!“, dann brach sie in seine Arme zusammen und schluchzte: „Ich habe sie alle umgebracht, alle, Mädchen, Jungen, Pfleger inklusive natürlich Dr. Fratzen, den Teufel.“, auf ihren Mund zauberte sich ein verrücktes Lächeln, „Alle aufgespießt auf Pfählen.“
Valentin schaute sie tief an. Während sie ihre Freudenstränen für Entsetzen über ihre wahre Natur verschwendete, legte er sanft seinen Arm um sie und flüsterte:
„Es ist vorbei. Es ist vollbracht.“

Nie würde der Massenmord aufgeklärt werden, nie Mina verhaftet, zu tief waren die Polizisten selbst in der Sache verwickelt. Ein Feuer in der Asservatenkammer begnadigte Mina, sowie viele Polizisten. Die Mütter der ermordeten Kinder waren zwar weniger erquickt über dieses Ereignis, aber hatten sich zu sehr von ihren Kindern entfremdet, als dass sie eine Neuaufrollung des Falls beantragen würden.
Mina und Valentin verbrachten ihre letzten Jahre als Jugendliche unter der fürsorglichen Hand von Valentins Mutter, wo sie zu einem stattlichen Paar heranwuchsen, das, kaum waren sie beide volljährig, eine pompöse Hochzeit feierte.

Ende

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Der Attentäter und der Polizist


(Straße, Gedränge, Attentäter läuft an sein Opfer vorbei. Kurz nachdem er es passiert hat, kippt dieses zu Boden. Die Menge gerät in Panik, der Attentäter geht weiter, betritt ein Gebäude und versteckt sich dort in einem dunklen Abstellraum hinter verstaubten Möbeln. Das Licht wird gedimmt ausschließlich auf den Raum fokussiert. Kurze Zeit später erscheint ein Polizist in den Raum. Er richtet sich seine Uniform, plötzlich richtet er sich auf und durchsucht den Raum. Er entdeckt den Attentäter und dieser ihn.)
Polizist (entschlossen): Sie sind verhaftet
(Attentäter und Polizist ziehen gleichzeitig ihre Pistolen.)
Attentäter: Patt. Regeln wir das ohne Waffen.
Polizist. Einverstanden. Legen wir die Waffen auf den Boden und entfernen uns vier Schritte.
(Sie legen die Waffen auf den Boden und entfernen sich die vier Schritte)
Attentäter: Wollen wir wirklich stehen?
(Holt zwei verstaubte Stühle aus den Gerümpel der herumstehenden Möbel hervor. Beide setzen sich.)
Polizist: Wieso morden Sie überhaupt? Sie sind ein anständiger Kerl.
Attentäter: Und Sie? Warum führen Sie das Gesetz aus ohne es zu hinterfragen? Denken Sie doch mal an die Gewaltenteilung. Sie sind kein Werkzeug der Herrschenden sondern ein freier Mensch.
Polizist (verlegen): Geld.
Attentäter: Bei mir das Gleiche. Wir sind beide die Exekutive, die armen Schweine, die den Geldgebern gehorchen müssen.
Polizist: Aber ich höre nur auf das Gesetz, ich bin nicht bestechlich.
Attentäter: Aber dieses wird von Reichen geschrieben. Also sind Sie indirekt bestechlich.
Polizist (erbost): Ich verbitte es mir. Wir sind eine Demokratie.
Attentäter (höhnisch): Und wer bedankt sich bei den Politikern mit riesigen Geldsummen? Also Oligarchie der Unternehmen.
Polizist: Mag sein, dennoch töte ich nicht im Gegensatz zu Ihnen.
Attentäter: Würden Sie Leute töten, wenn das Gesetz es befiehlt?
Polizist: Ich würde mich herausreden. Ich könnte dieses nicht verdrängen.
Attentäter: Würden Sie Bürger dingfest machen, wenn Sie wüssten, dass diese misshandelt, wenn gar getötet werden?
Polizist: Wie weit liegt Ihr Polizeiwissen zurück? Das ist heute Standard. Deshalb sollte das Gesetz in der Hand einer vertrauenswürdigen Institution liegen. Ich wähle aus diesen Grund eine solche Randpartei. Hoffentlich kommt sie irgendwann an die Macht.
Attentäter: Das kann dauern. Benutzen Sie lieber rechtsstaatliche Grundsätze als Verweigerungsgrund.
Polizist: Spinnen Sie? Dann bin ich meinen Job los.
Attentäter (seufzt): Leider. Wir sind beide Auftragskiller, die den Befehl unseres Meisters mit unseren Leib und ohne Einspruchsrechte ausführen.
Polizist (zerknirscht): Sie haben Recht.
Attentäter: Mein nächstes Opfer wird übrigens die Lobby, die Sie manipuliert. (Hebt seine Pistole auf. Geht bitter lachend ab.)
(Der Polizist dreht sich zum Publikum und hebt hilflos die Arme. Der Vorhang fällt.)

Ende

Mackie Messer lässt grüßen ^^.

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Der Hexenmeister


Es war einmal ein Schriftsteller, der berühmt für seine Werke und berüchtigt für seine Belesenheit war. Bücher von Goethe, Schiller und vielen anderen Schriftstellern säumten die Wände seines runden Schreibzimmers, in dessen Mitte er seine eigenen Werke an einem mächtigen Eichenschreibtisch verfasste.
Man pries seine Werke, wegen der Gewitztheit und doch der Einfachheit, die es jedem ermöglichte sie zu verstehen.
Aber noch geschätzter war er wegen seiner Sanftheit, mit der er eine einzigartigen Form der Kritik formulieren vermochte, die Demokratien wie Diktaturen, die Arme wie Reiche wie Schaum umschmeichelte, aber zum Guten antrieb. Hunger und Elend wurden so bald zu Gruselgeschichten von Eltern und Großeltern.
Die Zeit verging.
Und mit der Zeit verging der einst so blühende Schriftsteller. Graues Haar statt der goldenen Locken zierten nun den alten Greis.
Er hätte sich zu Ruhe setzen können, umringt von Bewunderern, aber das tat er nicht, er schrieb weiter und weiter, er wollte mehr von seinen Honig schaffen, nach dem die Menschheit lechzte.
Und dementsprechend war der Lob der Nachbarn, der Mitmenschen, seiner Stadt.
Jeder pries ihn bis zu jenem Tage…
Es war ein strahlender Montag einer neuen Woche, als der alte Schriftsteller sinnend die sonnengefluteten Straßen betrat, ein herrlicher Tag.
Doch irgendwas war anders, die Straßen waren leerer. Als wäre ein Feiertag.
Kopfschüttelnd schlenderte er weiter, sich im Kopf eine Einkaufsliste zurechtlegend.

Es schepperte ein Gitter neben ihm runter, schreckte ihn aus den Gedanken.
Der Laden hatte vor seinen Augen geschlossen. Wieso?
Und es war nicht das einzige Geschäft. Überall gingen die Gitter runter, der Platz leerte sich, zur Mittagszeit, nur er blieb zurück. Und von irgendwo vernahm er ängstlich kauernden Menschen.
„Was ist los?“, fragte er erstaunt.
Ein Kind traute sich zitternd hervor und sprach: „Die neue Religion sagt, dass du ein Dämon bist. Du Verführer!“, das Kind spuckte ihm vor die Füße.
Vollständig erschüttert fragte der alte Schriftsteller die versteckte Menschenrunde:
„Ich euch verführen? Wozu? Zum Frieden?“
Schweigen.
Der alte Mann setzte erneut an: „Was habe ich euch getan? Ich habe Frieden geschaffen, eine Welt des Glückes.“
Stille. Mit schnellen Schritte, fast schon ein Rennen, floh der alte Mann nach Hause. Vergessen war der Einkauf, vergessen war die Sanftheit, die sonst ihn leitete. Panik durchflutete sein Herz, als er die Bücher zusammenpackte. Seiten wurden geknickt, Buchdeckel beschädigt, aber es war keine Zeit für Sorgsamkeit. Er schaffte es gegen Abend einen Umzugshelfer, ein großer Fan von ihm, für den morgigen Tag zu organisieren und legte sich ins Bett. Doch der Schlaf wollte nicht kommen, so wälzte er umher. Was wenn das alles nur ein grobes Missverständnis war? Konnte er seine Nachbarn, seine Stadt wirklich so sträflich im Stich lassen? Etwas klopfte. Vielleicht der Wind. Das Klopfen wurde stärker. Verwundert stand er auf und schaute durch das Guckloch. Es war der Umzugshelfer und dieser war schwer verwundet. Der Greis öffnete elektrisiert.
„Danke Meister.“, kicherte der nächtige Besucher mit irrem Blick.
„Was ist passiert?“, die Unruhe im alten Mann wurde größer.
„Folter und Elend stehen unserem Land bevor. Tod und Vernichtung werden folgen. Hol deine Sachen, wir fahren sofort!“, antwortete der Umzugshelfer. Bei jeden Wort blitzten seine zerbrochenen Zähne.
Schnell warfen sie die Koffer mit Büchern in den Umzugswagen. Scheppern erklang wie von einer kaputten Maschine. Der Umzugshelfer sprang in den Wagen. Der alte Schriftsteller wollte folgen, doch etwas hielt ihn an seinem Bein fest. Es war der Junge, der ihm vor die Füße gespuckt hatte. Mit dümmlichen Lächeln verkündete der Junge: „Brenne! Brenne! Brenne!“. Und tatsächlich! Die Nacht schien zu leuchten vor Fackelträgern. Sie hatten sie umzingelt, doch vielleicht wollten sie nur ihn.
„Fahr ohne mich los! Bewahre das Wissen!“, der alte Mann schlug die Beifahrertür zu und trat auf das Kind ein. Es war eine Wut, die seine Engelsseele entzündete. Irgendwann löste sich der Griff, das Kind war tot, aber das „Brenne!“, war nahe, sehr nahe. Der Umzugshelfer war mittlerweile durch den Menschenring gebrochen und hatte einige Verletzte hinterlassen. Doch die Menschen, wenn man diese Fanatiker noch so nennen konnte, ließen sich nicht beirren.
Die Lücke wurde sofort wieder geschlossen. „Rückzug!“, dachte der alte Mann, „Gegen Wahnsinn hat nur List eine Chance.“
Er rannte in sein Haus, öffnete den Gashahn seines Herds, eilte anschließend in den Keller, um sich in ihm zu verbarrikadieren.
Das „Brenne“ war nahe, direkt vor seinem Haus. Kamen sie nicht weiter? Er wollte erleichtert aufatmen, als Glas klirrte. „Hoffentlich nicht das Küchenfenster. Ansonsten entweicht das schöne Gas ungezündet.“, dachte er erschrocken, während die Schritte der Häscher im Haus erklangen. Einer von ihren rüttelte vergeblich an der Klinke der Kellertür.
„Da ist er.“, hörte er den Fanatiker rufen. Plötzlich ließ eine Explosion das Haus erbeben, das Gas hatte gezündet. Stille. Hatte es geklappt? Ein schwacher „Brenne!“, Ruf erklang von Neuem und wurde von einigen weiteren Angreifern erwidert.
Genug war genug. Sein Blick fiel auf seinen alten Baseballschläger. Man hatte ihn ihm zum zwölften Geburtstag geschenkt.
Doch seine wahre Liebe galt der Schriftstellerei und so lag er noch völlig unbenutzt im Keller.
Bis jetzt! Die Hände des Alten griffen ihn fest.
Stille. Plötzliche ein Brummen, ein Auto fuhr vor. Er hörte erregte Stimmen. War es die Polizei? Würde sie den Spuk beenden? Die Kellerfenster klirrten, brachen. Verdammt! Sie wollten rein! Er holte mit seinen Schläger aus, doch nur das monotone Brummen eines Autos im Leerlauf erklang.
Das war es? Auf einmal musste er husten. Die Luft wurde von Abgas verpestet.
„Wir werden das Schwein vergiften! Wir werden das Schwein vergiften!“, hörte der alte Mann Stimmen oben singen. Kriegstrommeln wurden geschlagen und so fühlte sich sein Herz an. Bald schien es vollends in Flammen stehen. Seine Adern wollten bersten.
„Wir werden das Schwein vergiften!“
Seine rechte Hand öffnete die Kellertür, seine Füße stürmten voller Wut die Treppe hoch. Er fühlte den Baseballschläger auf- und niederfahren, er spürte Blut spritzen und als er aufsah:
es waren alles Kinder. Friedlich tot, lagen sie um ihn herum. Wie konnte das sein?
Er sah sich in seiner zerstörten Wohnung um. Nur der Schreibstube war noch intakt,
der Rest in Trümmern.
Trümmer, waren Trümmer nicht perfekt für Kinderspiele? Bevor seine Leidenschaft für die Schreiberei erwachte, war er auch gerne in Ruinen herumgetollt. Schuldbewusst schaute der alte Mann auf seine blutbefleckte Waffe und die Leichen der Kinder daneben. Plötzlich strömten von überall Kinder, versammelten sich um ihn. Sein Unbehagen wuchs.
„Entschuldigung, für das Unentschuldbare. Ich wurde angegriffen. Und…“, Tränen rollten über seine Wange. Er wischte sich mit seiner freien Hand die Tränen aus den Augen. Die Kinder kamen näher, er legte den Schläger nieder.
„So jetzt muss niemand mehr was befürchten, es ist vorbei.“, flüsterte er zitternd.
Da zerrten mehrere Kinder einen Jungen herein.
„Töte sie! Sie sind böse!“, schrie der Junge schwach. Hatten die Kinder die Fanatiker gestoppt und das war das Letzte? Ein verwirrtes Zögern erpackte den Alten, ein Zögern, dass er für immer bereuen würde. Plötzlich wurden ihm von hinten Handschellen angelegt und ein Mädchen trat aus den Reihen der Kinder und prügelte den Jungen mit seinen Baseballschläger zu Tode.
Der alte Mann spürte wie man ihm hinwegzerren wollte, ein letzter Widerstand regte sich noch in ihm, doch als er die Kindergesichter seiner Fänger sah, brach auch dieser.
Es war vorbei! Sie hatten die Kinder, die Zukunft. Die Zukunft war verloren! Und wegen seiner Schwäche hatte man einen Unschuldigen umgebracht, sogar die Waffe hatte er den Mördern geliefert.
Man zerrte ihn in seine Schreibstube. Die leeren Regale wurden ehrfürchtig von Erwachsenen begafft, an seinem Schreibtisch saß ein Mann in schwarzem Umhang.
Unter ihm trug der Fremde ein rotes Hemd, auf dem ein eingerahmtes Kreuz prangte.
„Mach, dass die Bücher erscheinen. Ich möchte wissen was ich verbrenne.“, verkündete der Mann am Schreibtisch.
„Welche Bücher? Die sind schon längst weg.“, verteidigte sich der alte Schriftsteller. Ach, mochten diese Dämonen ihm ein schnelles Ende bereiten.
„Lass sie erscheinen, Hexenmeister! Ich weiß, dass du sie unsichtbar gemacht hast.“
Plötzlich gongte die Standuhr, zwölf mal. Mitternacht.
„Hexerei!“, brüllte der Mann in Kutte. Sofort schlugen zig Fäuste die Uhr kaputt. Die Zeiger fielen. „Hexerei!“ Langsam begann der grauhaarige Schriftsteller an seinen Sinnen zu zweifeln. Wieso waren Menschen plötzlich solche Bestien geworden? Das war unmöglich! Er konnte sogar mit Diktatoren gut reden und leben. Jemand zerriss sein Hemd und brandmarkte ihn mit einem Pentagramm.
„Hexerei!“, krakeelte der Kuttenmann, „Das Pentagramm wurde von deinem Körper angenommen, Hexenmeister!“
Es reichte dem Alten: „Wer bist du mich Hexenmeister zu nennen? Und welcher Religion gehörst du überhaupt an? Bist du der Teufel persönlich? Wäre überhaupt mal interessant mit ihm ein paar Worte zu wechseln.“
„Ich gehöre der einzig wahren Religion an und ich werde das heidnische Wissen aus der Welt schaffen.“, erwiderte der Kuttenmann.
„Also Inquisitor?“, riet der alte Schriftsteller.
„Genau.“, zischte der Inquisitor, „Und den Frevel mich des Teufelswerk zu bezichtigen, wirst du mit dem Leben bezahlen. Verbrennt ihn!“
Erst Benzin, dann allumfassende Flammen. Und in ihnen brannten all seine zukünftigen Geschichten. Rauchwolken der Liebe, Rauchwolken des Friedens, Rauchwolken aus Seifenblasenträumen. Nur noch dunklere, düstere Geschichten kamen in seinen Sinn und auch diese fielen den Flammen zum Opfer. Blut wollte er schmecken, Menschen zertreten wie Maden und seine Schmerzen sollten sie leiden.
„Hexerei!“, schrie der Inquisitor. Der alte Schriftsteller spürte seine Hände in etwas Weiches eintauchen.
Die Flammen verstummten als hätten sie ihren Meister gefunden. Menschen schrien um Hilfe. Und er spürte wie der Boden vibrierte, rauschende Flammen spie, ein allumfassendes Feuer, welches die umherstehenden Fanatiker folterte und vernichtete.
Der Inquisitor kreischte noch einmal: „Hexer!“, doch es war dem ehemaligen Schriftsteller gleich. Alle Abgründe seiner Seele waren geöffnet und aus ihnen strömte schwarze Magie statt schöner Worten. Seine Hand tauchte tiefer in den Körper des Inquisitors ein und riss das Herz aus dessen Brust. Interessiert und angewidert zugleich sah der Alte dem Herz beim Pochen zu. Plötzlich juckte sein Kopf, er wollte sich kratzen, doch zuckte zurück als seine Hand sein Haar berührte. Es war kräftig und jung. Erschrocken warf er einen Blick in einen zerbrochenen Spiegel. Sein Haar war tiefstschwarz. Aschfarbene, junge Haut spannte über seine mächtigen Muskeln. Seine blitzenden Zähne und grünen Augen waren die eines Raubtieres. Und erst seine Hände, Klauen. Jede Nacht würde er Menschenfleisch fressen, für immer auf der Jagd.
Sein Blick wanderte flehend gen Himmel. Was hatte man aus ihm gemacht?
Ein Monster! Ein Hexer!
Wo war der Frieden? Sein Verstand war zu verdorrt, nicht mehr eine Geschichte würde er schreiben können.
Voller Verzweiflung verschlang er das menschliche Herz, ach mochte es seinen Hunger nach Glück und Frieden stillen. Und tatsächlich er fühlte sich ein bisschen besser danach. Er wollte mehr. Gier ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Plötzlich sah er am Horizont eine Lichterkarawane, die sich näherte. War es Nachschub der Fanatiker? Nein, er spürte es, es waren seine wahren Freunde,
waghalsige Menschen, die gekommen waren, um ihn zu retten.
Dichter, Denker, Techniker, Wissenschaftler, Soldaten alle alarmiert durch seinen Umzugshelfer, ein Held wie aus seinen Geschichten.
Doch was sollte er ihnen sagen? Dass er ein Monster geworden war?

Und so stand er mit gebeugten Kopf vor ihnen, als die Karawane ihn erreichte. Es waren dreizehn gepanzerte Autos. Dreizehn, seine Magie spielte mit ihm… er war Hexenmeister.
„Verschwindet lieber! Ich habe sie alle umgebracht.“, murmelte der ehemalige Schriftsteller verstört.
„Du hast das Richtige getan: Verstand gegen Wahnsinn verteidigt.“, entgegnete der Umzugshelfer mit Groll in der Stimme.
„Wo ist mein Verstand? Ich bin ein Monster; schaut mich doch an. Ich muss töten, ich kann nicht mehr schreiben. Alles Schöne ist im Feuer des Wahnsinns vergangen, nur die Bestialität überlebte. Man hat mich zum Hexenmeister gemacht.“
„Mit Verlaub: Magie ist was Schönes. Worte des Wissens, Worte mit Macht. Ich will sie lernen!“, in des Umzugshelfers Augen glimmte ein Feuer.
War er nicht doch ein Verführer? Hatten die Fanatiker recht? Schwachsinn!
Nicht noch mehr Unschuldige, die durch seine moralischen Bedenken starben. Er war Hexenmeister, es war seine Bestimmung. Und seine Freunde… nein, Adepten – ein bitteres Lächeln stahl sich auf das Gesicht des frischgeborenen Hexenmeisters.

Wie ein Krebsgeschwür fraßen sich die ketzerischen Zauberer in ihr schönes Reich. Orte wurden entvölkert, Männer, Frauen und Kinder zerstückelt auf den Altären zerschmetterter Tempel aufgefunden. Doch die Priester der neuen Religion sah tatenlos zu. Schon eine Kompanie hatte sie verloren, eine Zweite zu schicken wäre unrentabel. Frühstens in hundert Jahren würden die Hexer sie ausgelöscht haben und stattdessen konnte man Sinnvolleres mit Armeen machen: expandieren. Überall waren reformfreudige Gläubige, die nur der rechten Unterstützung bedurften. Revolutionen stürzten ein Land nach dem anderen ins Verderben, selbst auf der anderen Seite des Meeres. Toleranz, Liebe und Freiheit wurden Fremdworte, die Religion die einzige Wahrheit. Und inmitten dieser menschgemachten Lüge schlemmten die Hexer bis ans Ende aller Tage.

Ende

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