Der Hexenmeister


Es war einmal ein Schriftsteller, der berühmt für seine Werke und berüchtigt für seine Belesenheit war. Bücher von Goethe, Schiller und vielen anderen Schriftstellern säumten die Wände seines runden Schreibzimmers, in dessen Mitte er seine eigenen Werke an einem mächtigen Eichenschreibtisch verfasste.
Man pries seine Werke, wegen der Gewitztheit und doch der Einfachheit, die es jedem ermöglichte sie zu verstehen.
Aber noch geschätzter war er wegen seiner Sanftheit, mit der er eine einzigartigen Form der Kritik formulieren vermochte, die Demokratien wie Diktaturen, die Arme wie Reiche wie Schaum umschmeichelte, aber zum Guten antrieb. Hunger und Elend wurden so bald zu Gruselgeschichten von Eltern und Großeltern.
Die Zeit verging.
Und mit der Zeit verging der einst so blühende Schriftsteller. Graues Haar statt der goldenen Locken zierten nun den alten Greis.
Er hätte sich zu Ruhe setzen können, umringt von Bewunderern, aber das tat er nicht, er schrieb weiter und weiter, er wollte mehr von seinen Honig schaffen, nach dem die Menschheit lechzte.
Und dementsprechend war der Lob der Nachbarn, der Mitmenschen, seiner Stadt.
Jeder pries ihn bis zu jenem Tage…
Es war ein strahlender Montag einer neuen Woche, als der alte Schriftsteller sinnend die sonnengefluteten Straßen betrat, ein herrlicher Tag.
Doch irgendwas war anders, die Straßen waren leerer. Als wäre ein Feiertag.
Kopfschüttelnd schlenderte er weiter, sich im Kopf eine Einkaufsliste zurechtlegend.

Es schepperte ein Gitter neben ihm runter, schreckte ihn aus den Gedanken.
Der Laden hatte vor seinen Augen geschlossen. Wieso?
Und es war nicht das einzige Geschäft. Überall gingen die Gitter runter, der Platz leerte sich, zur Mittagszeit, nur er blieb zurück. Und von irgendwo vernahm er ängstlich kauernden Menschen.
„Was ist los?“, fragte er erstaunt.
Ein Kind traute sich zitternd hervor und sprach: „Die neue Religion sagt, dass du ein Dämon bist. Du Verführer!“, das Kind spuckte ihm vor die Füße.
Vollständig erschüttert fragte der alte Schriftsteller die versteckte Menschenrunde:
„Ich euch verführen? Wozu? Zum Frieden?“
Schweigen.
Der alte Mann setzte erneut an: „Was habe ich euch getan? Ich habe Frieden geschaffen, eine Welt des Glückes.“
Stille. Mit schnellen Schritte, fast schon ein Rennen, floh der alte Mann nach Hause. Vergessen war der Einkauf, vergessen war die Sanftheit, die sonst ihn leitete. Panik durchflutete sein Herz, als er die Bücher zusammenpackte. Seiten wurden geknickt, Buchdeckel beschädigt, aber es war keine Zeit für Sorgsamkeit. Er schaffte es gegen Abend einen Umzugshelfer, ein großer Fan von ihm, für den morgigen Tag zu organisieren und legte sich ins Bett. Doch der Schlaf wollte nicht kommen, so wälzte er umher. Was wenn das alles nur ein grobes Missverständnis war? Konnte er seine Nachbarn, seine Stadt wirklich so sträflich im Stich lassen? Etwas klopfte. Vielleicht der Wind. Das Klopfen wurde stärker. Verwundert stand er auf und schaute durch das Guckloch. Es war der Umzugshelfer und dieser war schwer verwundet. Der Greis öffnete elektrisiert.
„Danke Meister.“, kicherte der nächtige Besucher mit irrem Blick.
„Was ist passiert?“, die Unruhe im alten Mann wurde größer.
„Folter und Elend stehen unserem Land bevor. Tod und Vernichtung werden folgen. Hol deine Sachen, wir fahren sofort!“, antwortete der Umzugshelfer. Bei jeden Wort blitzten seine zerbrochenen Zähne.
Schnell warfen sie die Koffer mit Büchern in den Umzugswagen. Scheppern erklang wie von einer kaputten Maschine. Der Umzugshelfer sprang in den Wagen. Der alte Schriftsteller wollte folgen, doch etwas hielt ihn an seinem Bein fest. Es war der Junge, der ihm vor die Füße gespuckt hatte. Mit dümmlichen Lächeln verkündete der Junge: „Brenne! Brenne! Brenne!“. Und tatsächlich! Die Nacht schien zu leuchten vor Fackelträgern. Sie hatten sie umzingelt, doch vielleicht wollten sie nur ihn.
„Fahr ohne mich los! Bewahre das Wissen!“, der alte Mann schlug die Beifahrertür zu und trat auf das Kind ein. Es war eine Wut, die seine Engelsseele entzündete. Irgendwann löste sich der Griff, das Kind war tot, aber das „Brenne!“, war nahe, sehr nahe. Der Umzugshelfer war mittlerweile durch den Menschenring gebrochen und hatte einige Verletzte hinterlassen. Doch die Menschen, wenn man diese Fanatiker noch so nennen konnte, ließen sich nicht beirren.
Die Lücke wurde sofort wieder geschlossen. „Rückzug!“, dachte der alte Mann, „Gegen Wahnsinn hat nur List eine Chance.“
Er rannte in sein Haus, öffnete den Gashahn seines Herds, eilte anschließend in den Keller, um sich in ihm zu verbarrikadieren.
Das „Brenne“ war nahe, direkt vor seinem Haus. Kamen sie nicht weiter? Er wollte erleichtert aufatmen, als Glas klirrte. „Hoffentlich nicht das Küchenfenster. Ansonsten entweicht das schöne Gas ungezündet.“, dachte er erschrocken, während die Schritte der Häscher im Haus erklangen. Einer von ihren rüttelte vergeblich an der Klinke der Kellertür.
„Da ist er.“, hörte er den Fanatiker rufen. Plötzlich ließ eine Explosion das Haus erbeben, das Gas hatte gezündet. Stille. Hatte es geklappt? Ein schwacher „Brenne!“, Ruf erklang von Neuem und wurde von einigen weiteren Angreifern erwidert.
Genug war genug. Sein Blick fiel auf seinen alten Baseballschläger. Man hatte ihn ihm zum zwölften Geburtstag geschenkt.
Doch seine wahre Liebe galt der Schriftstellerei und so lag er noch völlig unbenutzt im Keller.
Bis jetzt! Die Hände des Alten griffen ihn fest.
Stille. Plötzliche ein Brummen, ein Auto fuhr vor. Er hörte erregte Stimmen. War es die Polizei? Würde sie den Spuk beenden? Die Kellerfenster klirrten, brachen. Verdammt! Sie wollten rein! Er holte mit seinen Schläger aus, doch nur das monotone Brummen eines Autos im Leerlauf erklang.
Das war es? Auf einmal musste er husten. Die Luft wurde von Abgas verpestet.
„Wir werden das Schwein vergiften! Wir werden das Schwein vergiften!“, hörte der alte Mann Stimmen oben singen. Kriegstrommeln wurden geschlagen und so fühlte sich sein Herz an. Bald schien es vollends in Flammen stehen. Seine Adern wollten bersten.
„Wir werden das Schwein vergiften!“
Seine rechte Hand öffnete die Kellertür, seine Füße stürmten voller Wut die Treppe hoch. Er fühlte den Baseballschläger auf- und niederfahren, er spürte Blut spritzen und als er aufsah:
es waren alles Kinder. Friedlich tot, lagen sie um ihn herum. Wie konnte das sein?
Er sah sich in seiner zerstörten Wohnung um. Nur der Schreibstube war noch intakt,
der Rest in Trümmern.
Trümmer, waren Trümmer nicht perfekt für Kinderspiele? Bevor seine Leidenschaft für die Schreiberei erwachte, war er auch gerne in Ruinen herumgetollt. Schuldbewusst schaute der alte Mann auf seine blutbefleckte Waffe und die Leichen der Kinder daneben. Plötzlich strömten von überall Kinder, versammelten sich um ihn. Sein Unbehagen wuchs.
„Entschuldigung, für das Unentschuldbare. Ich wurde angegriffen. Und…“, Tränen rollten über seine Wange. Er wischte sich mit seiner freien Hand die Tränen aus den Augen. Die Kinder kamen näher, er legte den Schläger nieder.
„So jetzt muss niemand mehr was befürchten, es ist vorbei.“, flüsterte er zitternd.
Da zerrten mehrere Kinder einen Jungen herein.
„Töte sie! Sie sind böse!“, schrie der Junge schwach. Hatten die Kinder die Fanatiker gestoppt und das war das Letzte? Ein verwirrtes Zögern erpackte den Alten, ein Zögern, dass er für immer bereuen würde. Plötzlich wurden ihm von hinten Handschellen angelegt und ein Mädchen trat aus den Reihen der Kinder und prügelte den Jungen mit seinen Baseballschläger zu Tode.
Der alte Mann spürte wie man ihm hinwegzerren wollte, ein letzter Widerstand regte sich noch in ihm, doch als er die Kindergesichter seiner Fänger sah, brach auch dieser.
Es war vorbei! Sie hatten die Kinder, die Zukunft. Die Zukunft war verloren! Und wegen seiner Schwäche hatte man einen Unschuldigen umgebracht, sogar die Waffe hatte er den Mördern geliefert.
Man zerrte ihn in seine Schreibstube. Die leeren Regale wurden ehrfürchtig von Erwachsenen begafft, an seinem Schreibtisch saß ein Mann in schwarzem Umhang.
Unter ihm trug der Fremde ein rotes Hemd, auf dem ein eingerahmtes Kreuz prangte.
„Mach, dass die Bücher erscheinen. Ich möchte wissen was ich verbrenne.“, verkündete der Mann am Schreibtisch.
„Welche Bücher? Die sind schon längst weg.“, verteidigte sich der alte Schriftsteller. Ach, mochten diese Dämonen ihm ein schnelles Ende bereiten.
„Lass sie erscheinen, Hexenmeister! Ich weiß, dass du sie unsichtbar gemacht hast.“
Plötzlich gongte die Standuhr, zwölf mal. Mitternacht.
„Hexerei!“, brüllte der Mann in Kutte. Sofort schlugen zig Fäuste die Uhr kaputt. Die Zeiger fielen. „Hexerei!“ Langsam begann der grauhaarige Schriftsteller an seinen Sinnen zu zweifeln. Wieso waren Menschen plötzlich solche Bestien geworden? Das war unmöglich! Er konnte sogar mit Diktatoren gut reden und leben. Jemand zerriss sein Hemd und brandmarkte ihn mit einem Pentagramm.
„Hexerei!“, krakeelte der Kuttenmann, „Das Pentagramm wurde von deinem Körper angenommen, Hexenmeister!“
Es reichte dem Alten: „Wer bist du mich Hexenmeister zu nennen? Und welcher Religion gehörst du überhaupt an? Bist du der Teufel persönlich? Wäre überhaupt mal interessant mit ihm ein paar Worte zu wechseln.“
„Ich gehöre der einzig wahren Religion an und ich werde das heidnische Wissen aus der Welt schaffen.“, erwiderte der Kuttenmann.
„Also Inquisitor?“, riet der alte Schriftsteller.
„Genau.“, zischte der Inquisitor, „Und den Frevel mich des Teufelswerk zu bezichtigen, wirst du mit dem Leben bezahlen. Verbrennt ihn!“
Erst Benzin, dann allumfassende Flammen. Und in ihnen brannten all seine zukünftigen Geschichten. Rauchwolken der Liebe, Rauchwolken des Friedens, Rauchwolken aus Seifenblasenträumen. Nur noch dunklere, düstere Geschichten kamen in seinen Sinn und auch diese fielen den Flammen zum Opfer. Blut wollte er schmecken, Menschen zertreten wie Maden und seine Schmerzen sollten sie leiden.
„Hexerei!“, schrie der Inquisitor. Der alte Schriftsteller spürte seine Hände in etwas Weiches eintauchen.
Die Flammen verstummten als hätten sie ihren Meister gefunden. Menschen schrien um Hilfe. Und er spürte wie der Boden vibrierte, rauschende Flammen spie, ein allumfassendes Feuer, welches die umherstehenden Fanatiker folterte und vernichtete.
Der Inquisitor kreischte noch einmal: „Hexer!“, doch es war dem ehemaligen Schriftsteller gleich. Alle Abgründe seiner Seele waren geöffnet und aus ihnen strömte schwarze Magie statt schöner Worten. Seine Hand tauchte tiefer in den Körper des Inquisitors ein und riss das Herz aus dessen Brust. Interessiert und angewidert zugleich sah der Alte dem Herz beim Pochen zu. Plötzlich juckte sein Kopf, er wollte sich kratzen, doch zuckte zurück als seine Hand sein Haar berührte. Es war kräftig und jung. Erschrocken warf er einen Blick in einen zerbrochenen Spiegel. Sein Haar war tiefstschwarz. Aschfarbene, junge Haut spannte über seine mächtigen Muskeln. Seine blitzenden Zähne und grünen Augen waren die eines Raubtieres. Und erst seine Hände, Klauen. Jede Nacht würde er Menschenfleisch fressen, für immer auf der Jagd.
Sein Blick wanderte flehend gen Himmel. Was hatte man aus ihm gemacht?
Ein Monster! Ein Hexer!
Wo war der Frieden? Sein Verstand war zu verdorrt, nicht mehr eine Geschichte würde er schreiben können.
Voller Verzweiflung verschlang er das menschliche Herz, ach mochte es seinen Hunger nach Glück und Frieden stillen. Und tatsächlich er fühlte sich ein bisschen besser danach. Er wollte mehr. Gier ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Plötzlich sah er am Horizont eine Lichterkarawane, die sich näherte. War es Nachschub der Fanatiker? Nein, er spürte es, es waren seine wahren Freunde,
waghalsige Menschen, die gekommen waren, um ihn zu retten.
Dichter, Denker, Techniker, Wissenschaftler, Soldaten alle alarmiert durch seinen Umzugshelfer, ein Held wie aus seinen Geschichten.
Doch was sollte er ihnen sagen? Dass er ein Monster geworden war?

Und so stand er mit gebeugten Kopf vor ihnen, als die Karawane ihn erreichte. Es waren dreizehn gepanzerte Autos. Dreizehn, seine Magie spielte mit ihm… er war Hexenmeister.
„Verschwindet lieber! Ich habe sie alle umgebracht.“, murmelte der ehemalige Schriftsteller verstört.
„Du hast das Richtige getan: Verstand gegen Wahnsinn verteidigt.“, entgegnete der Umzugshelfer mit Groll in der Stimme.
„Wo ist mein Verstand? Ich bin ein Monster; schaut mich doch an. Ich muss töten, ich kann nicht mehr schreiben. Alles Schöne ist im Feuer des Wahnsinns vergangen, nur die Bestialität überlebte. Man hat mich zum Hexenmeister gemacht.“
„Mit Verlaub: Magie ist was Schönes. Worte des Wissens, Worte mit Macht. Ich will sie lernen!“, in des Umzugshelfers Augen glimmte ein Feuer.
War er nicht doch ein Verführer? Hatten die Fanatiker recht? Schwachsinn!
Nicht noch mehr Unschuldige, die durch seine moralischen Bedenken starben. Er war Hexenmeister, es war seine Bestimmung. Und seine Freunde… nein, Adepten – ein bitteres Lächeln stahl sich auf das Gesicht des frischgeborenen Hexenmeisters.

Wie ein Krebsgeschwür fraßen sich die ketzerischen Zauberer in ihr schönes Reich. Orte wurden entvölkert, Männer, Frauen und Kinder zerstückelt auf den Altären zerschmetterter Tempel aufgefunden. Doch die Priester der neuen Religion sah tatenlos zu. Schon eine Kompanie hatte sie verloren, eine Zweite zu schicken wäre unrentabel. Frühstens in hundert Jahren würden die Hexer sie ausgelöscht haben und stattdessen konnte man Sinnvolleres mit Armeen machen: expandieren. Überall waren reformfreudige Gläubige, die nur der rechten Unterstützung bedurften. Revolutionen stürzten ein Land nach dem anderen ins Verderben, selbst auf der anderen Seite des Meeres. Toleranz, Liebe und Freiheit wurden Fremdworte, die Religion die einzige Wahrheit. Und inmitten dieser menschgemachten Lüge schlemmten die Hexer bis ans Ende aller Tage.

Ende

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