Menschenleben


Sie schlichen von Baum zu Baum von Graben zu Graben. Der Mond, ihr Feind, war voll. Immer näher kamen sie dem Kernkraftwerk. Dem Wissenschaftler, der Leiter der dreiköpfigen Gruppe, schlotterten die Knie. Was wenn sie versagten und das Kernkraftwerk morgen in Betrieb genommen wurde? Das Kraftwerk war eine einzige Katastrophe, wegen den drohenden Bankrott der Betreiberfirma, war kein Preis zu hoch es ans Netz zu bringen.
Schnell kletterten sie über die Absperrung, rannten im Schatten der Nebengebäude Richtung Zentralgebäude.
„Vorsicht!“, flüsterte jemand.
Der Wissenschaftler schaffte es gerade noch über eine Pfütze unbekannter Herkunft zu springen. Interessiert hielt er den Geigerzähler an das Wasser. Es knatterte heftig.
„Wer da?“, rief ein Wachmann.
Die freie Hand des Wissenschaftlers zitterte, die Härchen standen ihm zu berge.
„Was ist mit Ihnen?“, fragte die Naturschützerin in seinen Team. Er schluckte eine weiße Pille..
„Nachwirkungen meiner Experimente. Immer wenn ich mit Strahlung in Berührung komme.“
Harte Schläge gegen ihre Köpfe raubten ihnen das Bewusstsein.
Der Täter, ein Vorstandsmitglied des Konzerns, stand erleichtert daneben. Man würde einen guten Preis für sie bezahlen.
Falsch gedacht, es kam eine Frau und zog ihn mit ihrem wunderschönen Körper über den Tisch. Die Nacht war schön, doch sie währte nicht ewig, bemerkte er mit seinen unterentwickelten Gehirn entsetzt im Morgengrauen.

„Wo sind wir?“, war die erste Frage, die die Naturschützerin stellte, als sie aufwachte.
„Ihr wurdet an unser Forschungsprojekt gegen Krebs verkauft.“, antwortete ein Lautsprecher mit verzerrter Stimme. Etwas tropfte, Schatten von vorbeihuschenden Passanten fielen durch ein Kellerfenster, streiften über die Betten und den klinisch weiß gekachelten Boden. Nur das Licht des Kellerfensters beleuchtete ihr Gefängnis
„Wie weit seid ihr?“, fragte der Wissenschaftler neugierig.
„Entweder beschleunigt das Mittel den Krebswachstum oder der Patient wird verkrüppelt.“
„Ja ja.“, sinnierte der Wissenschaftler. Plötzlich schrie die Naturschützerin panisch auf.
„Was ist los?“, fragte die unbekannte Stimme.
„Ihr habt meinen Freund in Stücke gerissen.“
„Was?“
Strahlend helles Licht wurde angeschaltet. Der Freund der Naturschützerin war reduziert auf einen tropfenden Kopf unter dem sich eine Blutpfütze gebildet hatte. Sofort stürmten die Ärzte rein, eine Ärztin war dabei.
„Herr Goldmann?“, fragte sie erstaunt als sie den Wissenschaftler sah.
„Ja, Frau Cabal.“
„Und Sie.“, er türmte sich vor seinem ehemaligen Chef auf, „Wenn Sie erst soweit sind, sind Sie eine Niete. Ich bin schon dabei eine neue Art zu schaffen.“
„Wenigstens habe ich keine Persönlichkeitsstörungen, weil ich Gedanken an Moral verschwendet habe.“
„Zu fein für Selbstversuche. Dafür durfte ich vorkosten wie es sich als eine unverwüstliche Kriegerart lebt. Leider verwandelt sich mein Körper immer wieder in einen Menschen zurück.“
„Deshalb habe ich Sie auch rausgeworfen. Sie sind ein Spinner. Was, wenn Ihre Art ausbricht? Die Menschheit wäre tot.“
„Tot, tot.“, murmelte der Wissenschaftler, „Tod, der ewige Schlaf.“
„Wir müssen ihn zu erst als Forschungsobjekt hernehmen. Er wird sonst auch seine Begleiterin umbringen.“, flüsterte sein ehemaliger Chef.
Cabal nickte, Goldmann kam lammfromm mit. Man schnallte ihn auf eine Liege, injizierte ihm etwas. Andere Wissenschaftler kamen angerannt, um das Schauspiel zu betrachten
Cabal sah traurig, dass das neue Serum immer noch nichts taugte. Das Röcheln ihres Opfer schwächer und schwächer, während schwarze Flecken sich auf der Haut bildeten, dort wohin der Krebs seine Tentakel ausstreckte. Das Röcheln verschwand samt Herzschlag. Sie wunderte sich über die Gleichzeitigkeit und warf ihn auf den Boden.
„Der Nächste bitte.“
Man trug die kreischende Naturschützerin in den Raum, schnallte sie fest. Das zweite Serum war an der Reihe. Nur leicht unterschiedlich vom ersten, hoffte sie, dass die Patientin den Krebs besiegen konnte. Falsch gedacht. Tentakel bohrten durch die Haut der Patientin. Für Cabal war es als schaue sie in ihr Spiegelbild, zerfressen von Krebs. Übelkeit überkam sie, man trug sie raus. Die Naturschützerin krümmte sich vor Schmerzen.
„Nicht verzweifeln. Ich lebe noch, meine böse Menschenseite ist tot. Gibt es hier irgendwo ein Spiegel?“, Goldmann stand fröhlich wieder vom Boden auf. Die Naturschützerin zeigte mit angstgeweiteten Augen hinter ihn, er drehte sich um und bewunderte seinen neuen Körper.
Sein Körper war einen Meter gewachsen, seine Finger waren Krallen, seine Haut war kugelfestes Leder, aus dem grau-braunes Fell spross, sein Gesicht glich eher einem Wolf als einen Menschen.
„Mach mich frei.“
„Ein Vergnügen.“, er ritzte die Bänder mit seinen Krallen auf, hinterließ dabei blutige Kratzer.Die Frau schrie auf als sie ihre Hände betrachtete. Die Wolfshaut verdrängte den Krebs wanderte zu ihren Kopf.
„Was ist?“
„Ich will kein Monster werden.“, keuchte sie. Ihr Herz stockte kurz.
„Halte durch. Ganz ruhig.“
„Ich will nicht!“, brüllte sie und schlug ihre Arme gegen einen Tisch. Ihre Atmung setzte zeitweise aus.
„Sie sind krank. Sie sind am genesen. Beruhigen Sie sich!“
„Nein. Tötet mich!“, forderte sie die anrasenden Ärzte auf, „Er hat mich infiziert.“
Eine Spritze später lag sie tot am Boden.
„Sie Bestie, sind infektiös. Tötet ihn im Namen der Menschheit!“, schrie der Vorgesetzte von Cabal.
„Ich bin lieber eine Bestie als ein Mensch.“, mit diesen Worten zermatschte Goldmann dessen Kopf an der Wand, brach in Kampfgebrüll aus. Die Ärzte zückten ihre Spritzen, ein Schlag, die Nadeln waren weg, ein Zweiter, die Köpfe folgten. Cabal trat gerade ins Zimmer ein, wich dann angsterfüllt wieder zurück.
„Sie brauchen keine Angst haben. Es ist nur ein kleiner Kratzer“
„Ich möchte Mensch bleiben. Meine Schönheit…“, vorsichtig betrat sie das Zimmer.
„Keine Angst. Ich finde Wolfsmenschen schön.“
„Ich möchte Mensch bleiben. Für die Menschheit!“, sie fiel ihren Chef um seinen kopflosen Hals und schluchzte: „Mein Mann. Wir haben vor kurzem geheiratet.“
Der Wissenschaftler schnaubte verächtlich: „Menschen, diese widerlichen Kreaturen. Ich konnte nur im Schlaf raus, verwandeln, töten, zerfleischen. Diese Menschen haben mir eingeredet ich sei Mensch. Nur nachts, wenn der Körper zu mir sprach, erfuhr ich meine wahre Natur, konnte sie entfesseln. Heute wird ein glorreicher Tag für die Wildnis.“, er brach in einen Kampfgeheul aus.
„Du bist verrückt.“
„Verrückt? Verrückt ist Abweichung von der Norm. Du bist verrückt, wenn der Tag zu Ende geht. Du wirst vor Einsamkeit um Hilfe schreien, doch nur ein Heulen wird dir antworten. Ich komme wieder, überleg es dir gut.“, er schnupperte einem Tier gleich um den Ausgang zu finden. Der Geruch von vielen Menschen drang von einer Treppe. „Diese war die Richtige.“, wusste Goldmann instinktiv und rannte hinauf. Die Treppe endete in der Eingangshalle eines Krankenhauses. Dichtes Gedränge herrschte, man hielt ihn sogar für ein Werbegag.
Krallenschlag links, Krallenschlag rechts, er bahnte sich seinen Weg ins Freie, Menschen rannten schreiend davon. Einige von ihnen trugen jetzt sein Mal, die Infektion.
Schilder, die den x-ten Fachkongress der Atomindustrie würdigten, der noch bis zum Ende des Tages gehen würde.
Ein riesiger Polizeiaufgebot war am Ende in der Straße vor seiner Nase. „Es musste eine Antikernkraftwerkdemonstration sein. Wahrscheinlich die Kesselformation.“, dachte der Wissenschaftler. Es kam ihm gelegen, denn er würde sie überreden können bei seinem Kreuzzug gegen die Menschheit mitzumachen.
Er brach in ein Kampfgeheul aus, dann stürmte er los. Polizeiwagen, Polizisten, Journalisten, all das flog aus seinen Weg. Krallenschlag links, Krallenschlag rechts. Ein Aufschrei verkündete ihm, dass er durch den Kessel der Polizisten gebrochen war.
„Erschießt ihn!“, brüllte jemand. Kleine,harmlose Geschosse piekten in seine Oberhaut. Die Polizei erregte seinen Ärger. Der Helm von ihnen taugte nicht zum Abwehren ihrer Schläge, ebenso wenig deren Schilde. Zwei Schläge das Schild war kaputt, weitere zwei der Polizist. Man konnte bald nicht mehr von einen Kessel reden, sondern nur von einen Haufen schreiend fliehender Polizisten. Die Demonstranten jubelten ihm zu, er antwortete mit einen Kampfgebrüll. Der Jubel wurde lauter.
„Wollt ihr zurück in die Natur?“, fragte Goldmann mit seiner rauen, wilden Stimme.
„Ja“, ertönte es einstimmig.
„Spürt ihr die Kraft der Wildnis in euren Herzen?“
„Ja.“
„Wollt ihr sie entfesseln?“
„Ja.“
„Kommt zu mir. Es ist nur ein Kratzer.“
Die Demonstranten schmissen sich förmlich in seine Krallen. Ein Freudengeheul brach aus, kaum war der letzte Mensch verwandelt.
„Wer Lust auf Dämme hat, kommt mit mir. Wer Lust auf Straßensperren hat, der isoliert die Stadt. Und wer Lust auf die Jagd hat, bewacht diese.“
„Und wer übernimmt die Stadt?“, fragte jemand.
„Die Menschen selbst. Sie werden sich gegenseitig verraten. Verrat, ja das schmerzt.“, Goldmann brach in triumphierendem Geheul aus.
Eine kleine Gruppe von Ingenieuren kam mit ihm. Sie trampelten über die Wiese mit den vereinzelten Bäumen, sprangen über die Gräben und den Zaun des Kernkraftwerks.
„Stehen bleiben!“, rief eine Wache, geköpft mit einen Schlag. Eine Stange wollte seinen Kopf treffen, Goldmann parierte instinktiv. Das entsetzte Gesicht des Vorstandsmitlied, als er ihm die Stange entriss, befeuerte seine Blutgier. Auf und ab flog die Stange, sein Opfer war zur Unkenntlichkeit entstellt. Er brach in Blutgeheul aus. Von überall stimmte man mit an.
„Ihr staut den Fluss über dem Ansaugrohr des Kernkraftwerks, ich entfessele das Uran.“, befahl er.
Betonmauern von Nebengebäuden wurden zum Dammbau niedergerissen. Er stürmte ins Reaktorgebäude. Alarmsirenen heulten. „Bewacht den Kontrollraum! Ein Wahnsinniger!“, wurde durchgesagt. Völlig falsch hatte man ihn eingeschätzt. Er öffnete lächelnd gewaltsam den Zugang in den Sicherheitsbehälters. Die Steuerstäbe wurden gerade in den Reaktordruckbehälter versenkt als er behände über die Stangenkonstruktion zu ihnen sprang und sie einzeln aus dem Reaktor riss.
„Der Teufel ist im Reaktorgebäude.“, schrien die Lautsprecher, völlig unwichtig. Sein Werk war vollendet. Zufrieden verließ er das Reaktorgebäude. Der umgeleitete Fluss umspülte seine Beine kniehoch.
„Tut mir leid Freunde. Ich muss noch jemanden abholen.“, brüllte der Wissenschaftler gegen das tosen der Natur stromaufwärts und ließ sich samt viel Unrat ins Krankenhaus treiben.
Cabal war einsam schluchzend im ersten Stockwerk, den kopflosen Körper ihres Mannes in der Hand haltend.
„Du bist verrückt, umarmst einen Toten. Schau dich um: lebt hier noch irgendein Mensch?“
„Sie herzloser Mörder.“, schrie sie.
„Höre auf dein Herz!“
„Es sagt: Sie Mörder, lassen Sie mich allein.“
„Nein. Höre auf die dunkle, wilde Seite. Hörst du nicht wie es mit jeden Herzschlag das Blut eines Mörders durch deine Adern schießt? Hörst du nicht wie die Pulsschläge denen deiner Opfern ähneln, welche du kaltblütig für die Wissenschaft geopfert hast?“
„Ich gebe zu, dass ich ein Mörder bin. Aber ich mache es für einen guten Zweck.“
„Ich auch. Ich bin deine wilde Seite, ich bin das Einzige was dir noch bleibt. Komm mit.“
Es gab eine Explosion, die die Fenster klirren ließ.
„Was war das?“, fragte Cabal panisch.
„Die erste Explosion im Kernkraftwerk, der Überdruck ließ den Reaktor platzen. Geh zum Fenster, genieße das Schauspiel.“
Eine Staubwolke von tödlicher Eleganz wehte zu ihnen Richtung Stadt. Die Fenster erbebten erneut, sie konnten beobachten wie das Reaktorgebäude zusammenbrach.
„Und diese Explosion?“
„Das Brennmaterial hat sich zum Grundwasser durchgebrannt. Die Temperatur des Grundwassers stieg schlagartig und mit ihm dessen Volumen.“
„Heißt das, dass das Wasser unter uns nun radioaktiv ist?“
„Ja. Du bist Gefangene.“
„Ich will als Mensch leben.“, Tränen flossen über ihre Wangen.
„Leb wohl.“, er wandte sich zur Treppe, stieg sie langsam hinab.
„Warten Sie!“
Er ließ ein Heulen erklingen, das von überall beantwortet wurde, ging dann weiter.
„Lassen Sie mich nicht allein!“
Der Wissenschaftler watete ungerührt ins Wasser.
„Bitte! So reden Sie wenigstens.“
Mittlerweile reichte das Wasser ihm bis zu den Knien. Sie rannte ihm hinterher, hielt ihn fest.
„Warten Sie! Ich habe es mir anders überlegt.“
Der Wissenschaftler kratzte sie grinsend an der Stirn, dann schwammen sie hinaus in die Freiheit. Horden von Wolfsmenschen trieben stromabwärts wie sie. Einige von ihnen weinten, eine Wolfsfrau schluchzte: „Mein Mann wollte mich umbringen. Ich musste ihn töten.“
„Hat er Radio gehört?“, fragte ein männlicher Wolfsmensch.
„Ja. Man hat durchgesagt, dass Wolfsmenschen um jeden Preis eliminiert werden sollen. Jeder Lebende sei Verrat an der Menschheit. Ich will Rache, blutige Rache.“

Die Mitglieder des Atomkongress erstarrten bei den Anblick der Staubwolke über den Atomkraftwerk. Sofort stiegen sie in ihre Autos und flohen in einer Karawane, bis eine Straßensperre sie aufhielt.
„Was soll das?“, schrien sie entsetzt.
„Rache. Tod den Verrätern!“, knurrten paar Wolfsmenschen hinter den Barrikaden.
„Was zum Teufel ist das?“
„Herren, oh eure Not ist groß.
Uns Geister, die ihr wecktet
werdet ihr nie wieder los.“, mit diesen Worten erreichte der Fluss den Straßenabschnitt und fegte ihn leer. Die Wolfsmenschen genossen die Kühle des Wassers, während die Herren der Atomkonzerne wegen der Strahlung rot anliefen. Noch eine halbe Stunde hätten sie zu leben. Doch so lange lebten sie nicht, denn die Wolfsmenschen waren auf der Jagd. Das Wasser färbte sich rot, blutrot.

Bomber umkreisten und bombardierten die überflutete Stadt mit Atombomben.
„Für die Menschheit!“, feierten die Piloten die Abwürfe. Was sie nicht wussten war, dass sie damit nur die letzten menschlichen Überlebenden der Atomkatastrophe verrieten. Den Damm, der einzige Posten der Wolfsmenschen innerhalb der Stadt, hatten diese längst für umliegenden Ortschaften aufgegeben, wo sie nun wüteten und sich immer mehr Verzweifelte ihnen anschlossen.

Ende

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Wirtschaft – eine Geschichte des Grauens


Es begann ganz harmlos mit Kaffee. Die Menschen tranken es immer mehr, immer mehr als die Arbeitsbedingungen immer schlechter wurden. Bis sie schließlich zu Leistungsmittel übergingen, da die Konkurrenz Kaffee trank und sie besser sein mussten. Anfang waren es harmlose Medikamente, dann schuf ein ruchloser Wissenschaftler Leistungsdrogen. So knirschten die Zahnräder und niemand nahm es wahr. Man merkte nur, dass es seit den Leistungsmedikamenten mehr Tote gab. Und man fand heraus: die Mörder nahmen keine Drogen, tranken noch nicht einmal Kaffee, waren schlecht in der Schule.
Nach einigen Jahren fand ein Wissenschaftler die Antwort: die ungedopten Kinder hatten keine Chance, weil in den Leistungsberechnungen die Gedopten eingeflossen waren.
So schnell er konnte, wandte er sich an die Öffentlichkeit. Mit viel Eile trug er sein Anliegen vor, doch am Ende des Vortrages klappte er zusammen. Die Zuschauer sahen entsetzt wie ein maskierter Attentäter aus den Saal floh und dann sahen sie sich an. Sie waren nur wenige hundert. Man würde sie jagen, würden sie nichts unternehmen, weil Profit von großen Konzernen auf dem Spiel stand. Nach kurzer Beratung gründeten sie Kommunen, um sich von der Gesellschaft zu möglichst separieren. Kein Attentäter wäre wahnsinnig genug dort einzudringen. Jeder kannte jeden und Besucher wurden genauestens überwacht.
Währenddessen wuchsen drei Firmen durch die Entwicklung von Leistungsdrogen, der Rest dieser Branche starb aus oder wurde aufgekauft.
Dann kam der große Sprung nach vorne: genetische Verbesserungen. An der Spitze der Forschung: die großen Drei. Schnell wurde der Patentschutz des Leben aufgehoben, die Würde des Menschen vergessen. Es gab nun fast ausschließlich proprietäre genetische Verbesserungen. Mit Ausnahme von einer kleinen Minderheit auf den Markt, die von den Kommunen zu kommen schien. Diese hüteten sich ins Leistungsgeschäft einzusteigen, da Konkurrenz von den großen drei Firmen ausgelöscht würde und konzentrierten sich auf ihr nacktes Überleben. Natürlich gab es auch Leistungsverbesserungen und anderen Mainstream, aber das alles wurde im Geheimen innerhalb der Kommunen praktiziert. Und plötzlich verschwand auch der kleine Marktanteil, alle Öffentlichkeitsarbeit der Kommunen wurde eingestellt.
Den Großen war es recht, da nun die kleine Konkurrenz auch verschwand. Zwar gab es einige hundert Übertritte in die Kommunen, aber mit Einschüchterung und Gesetzen wurden es auch weniger, stoppte vollständig. Dabei hätte jemand das Kreischen der Zahnräder vernehmen müssen.
Die Produktion wurde auf eine Dreiklassengesellschaft umgestellt. Die Reichen konnten sich die Mittel für die besten Arbeitsplätze leisten, die Mittleren konnten sich gerade mal Bürojobs erkaufen, während die Untersten Mittel für Arbeiten wie als Müllmann gegen einen Schwur von Treu und Gehorsam gegenüber dem Staat bekamen. Der Rest verreckte auf der Straße oder floh in die Kommunen.
Plötzlich gab es barbarische Berichte über diese: Arenen wären dort, in denen Menschen ihren Geist aushauchten. Die großen Drei waren froh, dass die Gesellschaft verängstigt war, so mussten sie sich die Hände nicht schmutzig machen. Ja, selbst die Verkürzung der Lebenszeit auf die produktiven 50 Jahre und die Eliminierung der Arbeitsunfähigen nahmen die unteren Schichten ohne Widerrede hin.

„Die Arenen waren nur eine temporäre Lösung der Kommunen zur Handhabung der Ströme von Flüchtlingen. Sie wurde inzwischen eingestellt.“, vermerkte ein Ethnologe zehn Jahre später, als er sich der Erforschung der weißen Kommunenflecken widmete. „Die Eingeborenen leben arm, haben jedoch unendlichen Reichtum durch Feldfrüchte.“
Echte Feldfrüchte war inzwischen eine Kost für Millionäre geworden. Auch bemerkte er ein paar genetische Veränderungen. Viele waren mit einer schwarzen Lederhaut bedeckt, andere hatten Chamäleonschuppenhaut. Außerdem aßen sie nur sehr wenig, meist nur in seinen Beisein. Einige Geräte entdeckte er, aber ihre Form war so abartig, dass deren Funktionen ihm unverständlich blieben. Kaum veröffentlichte er seine Arbeiten, wurden Werbewände um die Kommunen hochgezogen. Am nächsten Tag zierten die Werbewände den Sockel der Kommunen. Man hatte sie auch angehoben. Verärgert erhöhten die Marketingagenturen erneut ihre Wände. Am nächsten Tag waren sie eingerissen, signiert mit: „Wir brauchen nichts.“
„Schadensersatz“, schrien die Agenturen, „Ihr habt uns Sonne gestohlen“, verteidigten sich die Kommunen. Der Rechtsstreit wurde mit etwas Salat und Baustopp beigelegt, doch die Agenturen gaben nicht auf. Vertreter wurden in Massen hineingesendet, kamen vollbepackt wieder raus.
„Die haben alles.“, stammelten sie verlegen.
„Dann nehmen wir es ihnen. Wozu gibt es sonst Patente?“, schrien die Agenturen fuchsteufelswild und wandten sich an die großen Drei. Die Zahnräder hielten mit letzter Kraft die Stellung, während Ächzen und Stöhnen unüberhörbar schienen. Polizisten wurden gesendet, die massenhaft Patentverletzungen feststellten. Triumphierend trug ein Polizisten eine Maschine aus einer Kommune als plötzlich etwas von hinten ihn erstach. Das war das Titelblatt, einen weiteren „mutigen“ Polizisten gab es nicht.
Anklage wegen Patentverletzungen und Mord sollten zumindest Waren von den Kommunen zu den gierigen Spekulanten treiben, wenn auch der Überfall nicht geklappt hat. Außerdem musste ja die Witwe des toten Polizisten entschädigt werden.
Auch diesmal fügten sich die Kommunen, doch nur halbherzig. Die Reichen, die, statt ihrer üblichen Lebensmittelpaste, von den teuren Gemüse kosteten, bekamen schrecklichen Durchfall.
„Unser Essen ist ungenießbar. Lasst uns in Ruhe! Wir wollen euch nicht!“, schrien die Kommunen per Funk in die Welt. Die Antwort: Krieg. Panzer verwüsteten die Felder, Soldaten durchsuchten, die hastig geräumten Gebäude. Keine Spur von Leben, außer kleine Gänge, die tief in den Untergrund führten. Soldaten drangen in Strömen in sie ein, drangen tiefer und tiefer in die Unterwelt. Plötzlich zischte es, sie bekamen keine Luft mehr. Ein Brausen, ein Tösen, Feuer schoss ihnen entgegen. Sie hatten die Abgastunnel, von Kommunenraumschiffen gestürmt, welche sich nun mit Grazie gen Himmel erhoben.
„Auf das sich die Menschheit selbst auslöscht.“, braune Gläser der Kommunenmitglieder klirrten feierlich. Sie hatten nicht vor den nahenden Krieg militärisch zu verhindern, dazu waren sie zu friedfertig. Sie wollten aber auch nicht ausgelöscht oder versklavt werden.
Die Zahnräder krachten auseinander und mit ihr die Maschine, wozu die menschliche Gesellschaft sich degradiert hatte. Chaos und Krieg tobten sieben Jahre lang, dann wurde es still, totenstill. Die Erde war verwüstet, gar schwarz vor atomaren Feuern. Nur kleine, grüne Triebe triumphierten über dem Massaker des Menschen.

Ende

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