Die Wahrheit von Babylon


Es begab sich vor langer Zeit, als die Menschen noch klüger waren. Zu einer Zeit als Babylon eine Wissensoase war. Wo Nomaden durch die Wüste streifte, ragten die Türme von Babylon in die Luft. Nachts brannte von jeder Zinnen Licht, während tagsüber Flugobjekte den Himmel bevölkerten.
Ein Material namens BaStahl war der Exportschlager. Es war fester als jeder Stahl, den alle umliegende Königreiche produzieren vermochten.
Nicht selten durchschnitten BaStahl Schwerter herkömmliche Schwerter wie Butter.
Doch dieses Wundermaterial hatte einen Preis: es war ein hohe Menge an Elektrizität nötig.
Und die Babyloner wollten nicht auf ihre Maschinen verzichten, also war nur eine geringe Produktion von BaStahl möglich.
Nach etlichen Klagen, wegen Stromausfällen ersannen die Gelehrten von Babylon ein riesiges Windrad, mit einer gigantischen Leistung. Es würde sämtliche Energieprobleme von Babylon lösen, sowie eine Verachtfachung der Produktion von BaStahl zulassen.
Kaum geplant, wurde das gigantische Projekt in Angriff genommen. Niemand der Babyloner wollte die Lebensverbesserungen durch das Projekt missen.
Und weil nicht genügend babylonische Arbeiter zur Verfügung standen, wurden Bauarbeiter anderer Städte angeworben. Bald, so war in der Mitte von Babylon eine riesige Baustelle, aus der ein gigantischer Turm wuchs. Immer höher, immer größer. Irgendwann war er bereits von Ferne sichtbar.
Die umliegenden Städte wunderten sich was Babylon mit den Turm denn bezwecke. Man munkelte, sie wollten eine Treppe zu Gott. Diese Gerüchte verbreiteten sich, selbst in Babylon.
Priester in Babylon schreckten plötzlich auf. Konnte das sein? Hatten die Gelehrten sie angelogen? Sie rannten erbost zu den Gelehrten, die sie dann überzeugten, dass alles seine Richtigkeit hatte. Gott konnte nicht so tief wohnen. Flugzeuge hätten dies experimentell ermittelt.
Mittlerweile war der Turmbau abgeschlossen und man war daran die Turbine zu montieren. Doch immer häufiger rumorte es im Volk, auch unter den Gelehrten, die Gerüchte, dass das Windrad als Treppe zu Gott diene, führte zu Demonstrationen.
Die Gelehrten, die den Turm planten, erklärten verzweifelt, dass der Turm fertig sei und Gott nicht so tief wohne. Dass selbst die Flugzeuge höher flogen, als der Turm mit Turbine und noch kein Gott gesehen wurde.
„Es ist wirklich alles experimentell gesichert.“, versicherten die Gelehrten. Die Wogen glätteten sich, ein bisschen.
Das Windrad nahm den Betrieb auf. Sein Warnblinken war weit sichtbar über die Wüste. Und verunsicherte die umliegenden Städte noch mehr.
War der Turm eine Kommunikationsstation mit Gott? Oder gar den Teufel? Und die Flügel, die sich im Leeren drehten. Wurde mit ihnen göttliche Energie abgezapft?
Als die Gerüchte durch Reisende in die Stadt schwappten, war für die Gelehrten die Hölle los:
es hatte sich eine riesige Menschenansammlung um das Windrad gebildet.
„Was wollt ihr?“ fragten die eilig angeflogen Gelehrten. Sie erkannten entsetzt, dass in der Menschenmasse einige ihrer Kollegen waren.
„Stoppt die Nutzung göttlicher Energien!“, schrie der Pöbel.
„Wir nutzen keine göttliche Energien. Wir nutzen Wind.“
„Wind ist göttlich!“, entgegnete der Pöbel.
Zum ersten mal trauten sich die Gelehrten was zu sagen, worüber sie taktisch schwiegen:
„Euer Gott ist eine Illusion, eine Konstruktion, die euren Wahnsinn legitimiert.“
Steine flogen. Menschenmassen drangen den Turm nach oben, während der andere Teil des Mobs die Gelehrten jagte. Zum Glück waren ihre Flugmaschinen einsatzbereit, sonst hätte es eine Massenexekution gegeben. So konnten sie in die Luft entfliehen. Und sich auf die Suche nach ihren Familien machen, um diese in Sicherheit zu bringen. Zwar war Sippenhaft in Babylon verboten, doch dieser Mob würde sich an keine Regeln halten.

„Seht nur!“, rief der Anführer des Mobs, „Die Feiglinge sind in die Luft entflohen. Kameraden! Lasst uns den Spuk beenden!“
Eilig kamen zehn Mann mit Brechwerkzeugen an, die eine Sicherung nach der anderen vom Windrad zerstörten.
„Werft die Blasphemie hinab!“, rief der Anführer. Das Windrad knirschte als es gewaltsam aus seiner Verankerung gerissen wurde. Kabel und Öl spritzten, doch die Fanatiker merkten es nicht. Selbst als zwei drei Leute von den heftigen Stromstößen gegrillt wurden. Selbst als die Spitze des Windrades in Flammen stand. Noch bevor das mächtige Rad den Boden berührte.

Die Erde bebte heftig beim Aufschlag, selbst aus sicherer Höhe konnten Gelehrten den Aufschlag spüren. Sie kreisten über Babylon, über den brennenden Turm. Bald wäre es soweit. Sie sahen den Turm schon leicht schwanken.

Wo der Mob sich befand, war ein Schlachtfeld. Das Windrad hatte eine mächtige Schneise geschlagen. Unter seinen Flügeln lagen tausende Tote. Die meisten Überlebenden lagen am Boden, der Aufschlag hatte sie umgeworfen. Über ihnen hörten sie einen herzerschütternden Schrei. Ihr Anführer fiel brennend vom Turm in seinen Tod.
„Ihr Schweine!“, rief ein Aufrührer gen Flugzeuge, „ Seid verdammt, Drecksschweine!“
Man warf symbolisch Steine, die aber nicht annähernd hoch genug kamen.
„Aua!“, schrie wer. Ihn hatte ein Stein getroffen.
„Sei kein Weichei!“, ein anderer, „Wir haben eine göttliche Aufgabe!“

Der Turm fiel. Er stürzte längs über Babylon. Seine Schneise der Verwüstung war nichts, gegen die Verwüstungen durch seinen Staub. Staub presste unter Hochdruck durch jede von Babylons Gassen, zerriss die Stadtmauer komplett.
Es gab kaum Überlebende und die es gab, fielen alsbald in feindliche Hände.
Die Gelehrten machten traurig einen letzten Kreis über Babylon. Nicht wenige weinten über die einst so blühende Trümmerstadt. Warum hatten die Menschen ihnen nicht vertraut?
Sie wollten doch nur das Beste.
„Kursroute: Atlantis.“, meldete ein Bordcomputer.
Mit den Atlantern würden sie fliehen, weit weg von dieser Welt.

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Der Hexenmeister


Es war einmal ein Schriftsteller, der berühmt für seine Werke und berüchtigt für seine Belesenheit war. Bücher von Goethe, Schiller und vielen anderen Schriftstellern säumten die Wände seines runden Schreibzimmers, in dessen Mitte er seine eigenen Werke an einem mächtigen Eichenschreibtisch verfasste.
Man pries seine Werke, wegen der Gewitztheit und doch der Einfachheit, die es jedem ermöglichte sie zu verstehen.
Aber noch geschätzter war er wegen seiner Sanftheit, mit der er eine einzigartigen Form der Kritik formulieren vermochte, die Demokratien wie Diktaturen, die Arme wie Reiche wie Schaum umschmeichelte, aber zum Guten antrieb. Hunger und Elend wurden so bald zu Gruselgeschichten von Eltern und Großeltern.
Die Zeit verging.
Und mit der Zeit verging der einst so blühende Schriftsteller. Graues Haar statt der goldenen Locken zierten nun den alten Greis.
Er hätte sich zu Ruhe setzen können, umringt von Bewunderern, aber das tat er nicht, er schrieb weiter und weiter, er wollte mehr von seinen Honig schaffen, nach dem die Menschheit lechzte.
Und dementsprechend war der Lob der Nachbarn, der Mitmenschen, seiner Stadt.
Jeder pries ihn bis zu jenem Tage…
Es war ein strahlender Montag einer neuen Woche, als der alte Schriftsteller sinnend die sonnengefluteten Straßen betrat, ein herrlicher Tag.
Doch irgendwas war anders, die Straßen waren leerer. Als wäre ein Feiertag.
Kopfschüttelnd schlenderte er weiter, sich im Kopf eine Einkaufsliste zurechtlegend.

Es schepperte ein Gitter neben ihm runter, schreckte ihn aus den Gedanken.
Der Laden hatte vor seinen Augen geschlossen. Wieso?
Und es war nicht das einzige Geschäft. Überall gingen die Gitter runter, der Platz leerte sich, zur Mittagszeit, nur er blieb zurück. Und von irgendwo vernahm er ängstlich kauernden Menschen.
„Was ist los?“, fragte er erstaunt.
Ein Kind traute sich zitternd hervor und sprach: „Die neue Religion sagt, dass du ein Dämon bist. Du Verführer!“, das Kind spuckte ihm vor die Füße.
Vollständig erschüttert fragte der alte Schriftsteller die versteckte Menschenrunde:
„Ich euch verführen? Wozu? Zum Frieden?“
Schweigen.
Der alte Mann setzte erneut an: „Was habe ich euch getan? Ich habe Frieden geschaffen, eine Welt des Glückes.“
Stille. Mit schnellen Schritte, fast schon ein Rennen, floh der alte Mann nach Hause. Vergessen war der Einkauf, vergessen war die Sanftheit, die sonst ihn leitete. Panik durchflutete sein Herz, als er die Bücher zusammenpackte. Seiten wurden geknickt, Buchdeckel beschädigt, aber es war keine Zeit für Sorgsamkeit. Er schaffte es gegen Abend einen Umzugshelfer, ein großer Fan von ihm, für den morgigen Tag zu organisieren und legte sich ins Bett. Doch der Schlaf wollte nicht kommen, so wälzte er umher. Was wenn das alles nur ein grobes Missverständnis war? Konnte er seine Nachbarn, seine Stadt wirklich so sträflich im Stich lassen? Etwas klopfte. Vielleicht der Wind. Das Klopfen wurde stärker. Verwundert stand er auf und schaute durch das Guckloch. Es war der Umzugshelfer und dieser war schwer verwundet. Der Greis öffnete elektrisiert.
„Danke Meister.“, kicherte der nächtige Besucher mit irrem Blick.
„Was ist passiert?“, die Unruhe im alten Mann wurde größer.
„Folter und Elend stehen unserem Land bevor. Tod und Vernichtung werden folgen. Hol deine Sachen, wir fahren sofort!“, antwortete der Umzugshelfer. Bei jeden Wort blitzten seine zerbrochenen Zähne.
Schnell warfen sie die Koffer mit Büchern in den Umzugswagen. Scheppern erklang wie von einer kaputten Maschine. Der Umzugshelfer sprang in den Wagen. Der alte Schriftsteller wollte folgen, doch etwas hielt ihn an seinem Bein fest. Es war der Junge, der ihm vor die Füße gespuckt hatte. Mit dümmlichen Lächeln verkündete der Junge: „Brenne! Brenne! Brenne!“. Und tatsächlich! Die Nacht schien zu leuchten vor Fackelträgern. Sie hatten sie umzingelt, doch vielleicht wollten sie nur ihn.
„Fahr ohne mich los! Bewahre das Wissen!“, der alte Mann schlug die Beifahrertür zu und trat auf das Kind ein. Es war eine Wut, die seine Engelsseele entzündete. Irgendwann löste sich der Griff, das Kind war tot, aber das „Brenne!“, war nahe, sehr nahe. Der Umzugshelfer war mittlerweile durch den Menschenring gebrochen und hatte einige Verletzte hinterlassen. Doch die Menschen, wenn man diese Fanatiker noch so nennen konnte, ließen sich nicht beirren.
Die Lücke wurde sofort wieder geschlossen. „Rückzug!“, dachte der alte Mann, „Gegen Wahnsinn hat nur List eine Chance.“
Er rannte in sein Haus, öffnete den Gashahn seines Herds, eilte anschließend in den Keller, um sich in ihm zu verbarrikadieren.
Das „Brenne“ war nahe, direkt vor seinem Haus. Kamen sie nicht weiter? Er wollte erleichtert aufatmen, als Glas klirrte. „Hoffentlich nicht das Küchenfenster. Ansonsten entweicht das schöne Gas ungezündet.“, dachte er erschrocken, während die Schritte der Häscher im Haus erklangen. Einer von ihren rüttelte vergeblich an der Klinke der Kellertür.
„Da ist er.“, hörte er den Fanatiker rufen. Plötzlich ließ eine Explosion das Haus erbeben, das Gas hatte gezündet. Stille. Hatte es geklappt? Ein schwacher „Brenne!“, Ruf erklang von Neuem und wurde von einigen weiteren Angreifern erwidert.
Genug war genug. Sein Blick fiel auf seinen alten Baseballschläger. Man hatte ihn ihm zum zwölften Geburtstag geschenkt.
Doch seine wahre Liebe galt der Schriftstellerei und so lag er noch völlig unbenutzt im Keller.
Bis jetzt! Die Hände des Alten griffen ihn fest.
Stille. Plötzliche ein Brummen, ein Auto fuhr vor. Er hörte erregte Stimmen. War es die Polizei? Würde sie den Spuk beenden? Die Kellerfenster klirrten, brachen. Verdammt! Sie wollten rein! Er holte mit seinen Schläger aus, doch nur das monotone Brummen eines Autos im Leerlauf erklang.
Das war es? Auf einmal musste er husten. Die Luft wurde von Abgas verpestet.
„Wir werden das Schwein vergiften! Wir werden das Schwein vergiften!“, hörte der alte Mann Stimmen oben singen. Kriegstrommeln wurden geschlagen und so fühlte sich sein Herz an. Bald schien es vollends in Flammen stehen. Seine Adern wollten bersten.
„Wir werden das Schwein vergiften!“
Seine rechte Hand öffnete die Kellertür, seine Füße stürmten voller Wut die Treppe hoch. Er fühlte den Baseballschläger auf- und niederfahren, er spürte Blut spritzen und als er aufsah:
es waren alles Kinder. Friedlich tot, lagen sie um ihn herum. Wie konnte das sein?
Er sah sich in seiner zerstörten Wohnung um. Nur der Schreibstube war noch intakt,
der Rest in Trümmern.
Trümmer, waren Trümmer nicht perfekt für Kinderspiele? Bevor seine Leidenschaft für die Schreiberei erwachte, war er auch gerne in Ruinen herumgetollt. Schuldbewusst schaute der alte Mann auf seine blutbefleckte Waffe und die Leichen der Kinder daneben. Plötzlich strömten von überall Kinder, versammelten sich um ihn. Sein Unbehagen wuchs.
„Entschuldigung, für das Unentschuldbare. Ich wurde angegriffen. Und…“, Tränen rollten über seine Wange. Er wischte sich mit seiner freien Hand die Tränen aus den Augen. Die Kinder kamen näher, er legte den Schläger nieder.
„So jetzt muss niemand mehr was befürchten, es ist vorbei.“, flüsterte er zitternd.
Da zerrten mehrere Kinder einen Jungen herein.
„Töte sie! Sie sind böse!“, schrie der Junge schwach. Hatten die Kinder die Fanatiker gestoppt und das war das Letzte? Ein verwirrtes Zögern erpackte den Alten, ein Zögern, dass er für immer bereuen würde. Plötzlich wurden ihm von hinten Handschellen angelegt und ein Mädchen trat aus den Reihen der Kinder und prügelte den Jungen mit seinen Baseballschläger zu Tode.
Der alte Mann spürte wie man ihm hinwegzerren wollte, ein letzter Widerstand regte sich noch in ihm, doch als er die Kindergesichter seiner Fänger sah, brach auch dieser.
Es war vorbei! Sie hatten die Kinder, die Zukunft. Die Zukunft war verloren! Und wegen seiner Schwäche hatte man einen Unschuldigen umgebracht, sogar die Waffe hatte er den Mördern geliefert.
Man zerrte ihn in seine Schreibstube. Die leeren Regale wurden ehrfürchtig von Erwachsenen begafft, an seinem Schreibtisch saß ein Mann in schwarzem Umhang.
Unter ihm trug der Fremde ein rotes Hemd, auf dem ein eingerahmtes Kreuz prangte.
„Mach, dass die Bücher erscheinen. Ich möchte wissen was ich verbrenne.“, verkündete der Mann am Schreibtisch.
„Welche Bücher? Die sind schon längst weg.“, verteidigte sich der alte Schriftsteller. Ach, mochten diese Dämonen ihm ein schnelles Ende bereiten.
„Lass sie erscheinen, Hexenmeister! Ich weiß, dass du sie unsichtbar gemacht hast.“
Plötzlich gongte die Standuhr, zwölf mal. Mitternacht.
„Hexerei!“, brüllte der Mann in Kutte. Sofort schlugen zig Fäuste die Uhr kaputt. Die Zeiger fielen. „Hexerei!“ Langsam begann der grauhaarige Schriftsteller an seinen Sinnen zu zweifeln. Wieso waren Menschen plötzlich solche Bestien geworden? Das war unmöglich! Er konnte sogar mit Diktatoren gut reden und leben. Jemand zerriss sein Hemd und brandmarkte ihn mit einem Pentagramm.
„Hexerei!“, krakeelte der Kuttenmann, „Das Pentagramm wurde von deinem Körper angenommen, Hexenmeister!“
Es reichte dem Alten: „Wer bist du mich Hexenmeister zu nennen? Und welcher Religion gehörst du überhaupt an? Bist du der Teufel persönlich? Wäre überhaupt mal interessant mit ihm ein paar Worte zu wechseln.“
„Ich gehöre der einzig wahren Religion an und ich werde das heidnische Wissen aus der Welt schaffen.“, erwiderte der Kuttenmann.
„Also Inquisitor?“, riet der alte Schriftsteller.
„Genau.“, zischte der Inquisitor, „Und den Frevel mich des Teufelswerk zu bezichtigen, wirst du mit dem Leben bezahlen. Verbrennt ihn!“
Erst Benzin, dann allumfassende Flammen. Und in ihnen brannten all seine zukünftigen Geschichten. Rauchwolken der Liebe, Rauchwolken des Friedens, Rauchwolken aus Seifenblasenträumen. Nur noch dunklere, düstere Geschichten kamen in seinen Sinn und auch diese fielen den Flammen zum Opfer. Blut wollte er schmecken, Menschen zertreten wie Maden und seine Schmerzen sollten sie leiden.
„Hexerei!“, schrie der Inquisitor. Der alte Schriftsteller spürte seine Hände in etwas Weiches eintauchen.
Die Flammen verstummten als hätten sie ihren Meister gefunden. Menschen schrien um Hilfe. Und er spürte wie der Boden vibrierte, rauschende Flammen spie, ein allumfassendes Feuer, welches die umherstehenden Fanatiker folterte und vernichtete.
Der Inquisitor kreischte noch einmal: „Hexer!“, doch es war dem ehemaligen Schriftsteller gleich. Alle Abgründe seiner Seele waren geöffnet und aus ihnen strömte schwarze Magie statt schöner Worten. Seine Hand tauchte tiefer in den Körper des Inquisitors ein und riss das Herz aus dessen Brust. Interessiert und angewidert zugleich sah der Alte dem Herz beim Pochen zu. Plötzlich juckte sein Kopf, er wollte sich kratzen, doch zuckte zurück als seine Hand sein Haar berührte. Es war kräftig und jung. Erschrocken warf er einen Blick in einen zerbrochenen Spiegel. Sein Haar war tiefstschwarz. Aschfarbene, junge Haut spannte über seine mächtigen Muskeln. Seine blitzenden Zähne und grünen Augen waren die eines Raubtieres. Und erst seine Hände, Klauen. Jede Nacht würde er Menschenfleisch fressen, für immer auf der Jagd.
Sein Blick wanderte flehend gen Himmel. Was hatte man aus ihm gemacht?
Ein Monster! Ein Hexer!
Wo war der Frieden? Sein Verstand war zu verdorrt, nicht mehr eine Geschichte würde er schreiben können.
Voller Verzweiflung verschlang er das menschliche Herz, ach mochte es seinen Hunger nach Glück und Frieden stillen. Und tatsächlich er fühlte sich ein bisschen besser danach. Er wollte mehr. Gier ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Plötzlich sah er am Horizont eine Lichterkarawane, die sich näherte. War es Nachschub der Fanatiker? Nein, er spürte es, es waren seine wahren Freunde,
waghalsige Menschen, die gekommen waren, um ihn zu retten.
Dichter, Denker, Techniker, Wissenschaftler, Soldaten alle alarmiert durch seinen Umzugshelfer, ein Held wie aus seinen Geschichten.
Doch was sollte er ihnen sagen? Dass er ein Monster geworden war?

Und so stand er mit gebeugten Kopf vor ihnen, als die Karawane ihn erreichte. Es waren dreizehn gepanzerte Autos. Dreizehn, seine Magie spielte mit ihm… er war Hexenmeister.
„Verschwindet lieber! Ich habe sie alle umgebracht.“, murmelte der ehemalige Schriftsteller verstört.
„Du hast das Richtige getan: Verstand gegen Wahnsinn verteidigt.“, entgegnete der Umzugshelfer mit Groll in der Stimme.
„Wo ist mein Verstand? Ich bin ein Monster; schaut mich doch an. Ich muss töten, ich kann nicht mehr schreiben. Alles Schöne ist im Feuer des Wahnsinns vergangen, nur die Bestialität überlebte. Man hat mich zum Hexenmeister gemacht.“
„Mit Verlaub: Magie ist was Schönes. Worte des Wissens, Worte mit Macht. Ich will sie lernen!“, in des Umzugshelfers Augen glimmte ein Feuer.
War er nicht doch ein Verführer? Hatten die Fanatiker recht? Schwachsinn!
Nicht noch mehr Unschuldige, die durch seine moralischen Bedenken starben. Er war Hexenmeister, es war seine Bestimmung. Und seine Freunde… nein, Adepten – ein bitteres Lächeln stahl sich auf das Gesicht des frischgeborenen Hexenmeisters.

Wie ein Krebsgeschwür fraßen sich die ketzerischen Zauberer in ihr schönes Reich. Orte wurden entvölkert, Männer, Frauen und Kinder zerstückelt auf den Altären zerschmetterter Tempel aufgefunden. Doch die Priester der neuen Religion sah tatenlos zu. Schon eine Kompanie hatte sie verloren, eine Zweite zu schicken wäre unrentabel. Frühstens in hundert Jahren würden die Hexer sie ausgelöscht haben und stattdessen konnte man Sinnvolleres mit Armeen machen: expandieren. Überall waren reformfreudige Gläubige, die nur der rechten Unterstützung bedurften. Revolutionen stürzten ein Land nach dem anderen ins Verderben, selbst auf der anderen Seite des Meeres. Toleranz, Liebe und Freiheit wurden Fremdworte, die Religion die einzige Wahrheit. Und inmitten dieser menschgemachten Lüge schlemmten die Hexer bis ans Ende aller Tage.

Ende

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Die Armee der Idioten


Es war einmal eine Affenart namens homo sapiens. Schon ihre Verwandten, die Schimpansen, gebärdeten sich aggressiv, doch ihr Verhalten trieb dieses auf die Spitze. Sie setzten sich zur Wehr, gegen fremde Meinungen und andere Länder. Sie zerschossen deshalb die Anonymität, sodass bald jeder nackt war. Ihre Landesbrüder wurden durch ihre Hände vernichtet, weil sie andere Meinungen äußerten oder kriminalisierte Handlungen begangen. Das Ausland verbreitete und praktizierte diese immer noch. Unvorstellbar, weshalb sie vernichtet werden mussten. Stolze arbeitsfähige Männer und Frauen zogen in den Krieg. Sie beschossen sich aufs Ärgste, weil nur ihre Meinung die Richtige war. Bomben wurden eingesetzt, alles in die Luft gejagt. Zerzaust kämpften sie weiter für ihre Ideologie. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel, plötzlich ging ihnen die Nahrung aus. Sie mussten vor Hunger kapitulieren, welcher sie in ihre Heimat zurücktrieb. Doch dort fanden sie nur Leichen. Der Boden war zu verwüstet, der Himmel zu düster für Landwirtschaft. Hunger zwang sie dazu Leichen zu fressen, doch sie waren zu viele hungrige Individuen. Kannibalismus an Lebenden flammte auf. Man kämpfte um sein Leben. Der Stärkere fraß den Verlierer. Immer weniger Menschen, noch wenige, einer alleine. Dieser überlebte einen Tag, dann folgte er den anderen in den Tod.
Bakterien schlüpften aus den Mägen ihrer toten Wirte. Sie tauschten mit ihren wildlebenden Artverwandten Erbgut. Fremde Informationen flossen durch ihr Cytoplasma, passten sie an ihre unwirtliche Umgebung an. Sie wuchsen und wuchsen. Immer mehr Bakterien bevölkerten die Erde. Riesige Kolonien bildeten sich. Langsam verzogen die Wolken und gaben den Blick auf die Sonne frei. Photosynthese begann erneut. Und so belebten die Bakterien die Erde wieder, glücklich bis ans Ende der Erdtage.

Ende

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Der Aufstieg der Verbrecher


Es war einmal eine Stadt in dem die Menschen keine Straftaten mehr verübten. Das letzte Auftreten einer solchen lag einige Jahre zurück. Die Polizei wurde zu einen Helfer der Bevölkerung in kleineren Missgeschicken und als solcher auch hoch geachtet.
Eines Tages gab es eine Gasexplosion, die mehrere Menschen in den Tod riss. Der Schuldige war schnell gefunden: ein kleines Kind hatte sich in dem Kontrollzentrum des Gaswerks verirrt.
Die Mutter war schrecklich entsetzt als sie erfuhr was ihr Kind angestellt hatte, entschuldigte sich und versprach besser auf es aufzupassen. Man wollte das kontrollieren und warf wütend prüfende Blicke auf Kind und Mutter.
Dann brach ein Baugerüst inmitten eines starken Sturm zusammen und erschlug ein, darunter verstecktes, jugendliches Liebespaar. Keiner sah es, keine Zeugen waren anwesend, denn erst am nächsten Tag, als der Sturm vorbei war, trauten sich die Menschen wieder auf die Straße, sahen die Toten und riefen entsetzt: „Wir brauchen bessere Kontrollen.“
Und so beschloss man neue Gesetze einzuführen. Die Rohre von Baugerüsten mussten nun dünner sein, damit sie niemanden mehr erschlagen konnten. Zudem wurde das Schlafen außerhalb von offiziellen Schlafstellen verboten.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren gab es jetzt Demonstrationen. Eine von Hochhausbauherren, die nun nicht mehr so hoch bauen konnten und eine der Camper und der Jugend.
„Wir bekennen uns schuldig.“, verkündete der Sprecher der Jugendlichen, „Unsere toten Altersgenossen waren unvorsichtig. Es ist nicht gerecht, dass andere dafür bestraft werden.“
„Er hat Recht. Wieso sollten wir wegen der Unvorsicht Einiger leiden?“, schrien die Camper und die Bauherren im Chor.
„Tut mir leid. Das Gesetz ist nun Gesetz. Und nun geht.“, verkündete der Bürgermeister. Die Demonstranten verzogen sich enttäuscht von ihrer Stellung. Es wurde eine harte Nacht.
Die Bauherren entließen einige Arbeiter, welche zum ersten Mal in ihren Leben Sorgen verspürten. Sie bekämpften diese mit Alkohol, was Vandalismus und Prügeleien zur Folge hatte. Die überraschten Polizisten schafften es mit Müh und Not die Unruhestifter festzunehmen.
Die Camper wiederum zogen enttäuscht weg von der Stadt, was Einkommenseinbußen zur Folge haben würde.
Die Jugendlichen hingegen waren relativ ruhig. Sie bestatteten ihre toten Kameraden mit viel Tränen. Einige jugendliche Liebespaare gingen nach der Bestattung zu offiziellen Schlafstellen: ihren Bett
Am nächsten Morgen war die Stadt entsetzt. Mehr Kontrollen forderte sie. Die Eltern waren ein Schritt weiter. Sie wollten den Sittenverfall unter der Jugend stoppen. Eine Stunde später wurden strenge Gesetze zur Ausweisung von Kriminellen und zur Regulation von Sex erlassen. Die Stadt leerte sich. Jugendliche flohen in rauen Massen, während die verhafteten Arbeitslosen hinausgeworfen wurden. Und sie waren nicht alleine. Die Bauunternehmer bauten noch ihre Gerüste ab, dann waren auch sie, ein paar Stunden später, mit den restlichen Arbeitern verschwunden.
Totenstille trat in der Stadt ein. Trostlose Skelette von unfertigen Hochhäusern ragten in den Himmel. Die Bewohner der Stadt waren schockiert über den Bevölkerungsverlust und verboten den verbliebenen Jugendlichen den Ausgang, sowie Kommunikation mit der Außenwelt, um wenigstens diese zu behalten. Einige Tage später wurden die Jugendlichen, mit stabilen, metallenen Peilsenderarmringen versehen, in die Freiheit der Stadt entlassen.
Es stank den verbliebenen Jugendlichen enorm, dass sie nicht zu den Schnellen gehörten, die merkten was hier geschah. Sie wollten sich versammeln und Entschlüsse fassen, doch wurden bei Häufung von GPS-Sendern immer wieder auseinander getrieben. Sklavenringe wurden die GPS-Geräte von ihnen spöttisch genannt.
Ein kluger Jugendlicher hatte die Idee, die GPS-Geräte durch Starkstrom zu zerstören. Er kletterte dazu auf einen Starkstrommasten, erdete den Sklavenring mit einen langen Draht und hielt ihn an einen der Starkstromdrähte.
Es knackte, es knisterte im Armring, als plötzlich eine Hand seinen Fuß packte und wegzog.
Er fiel, hielt sich an einen der Starkstromdrähte fest. Seine Hand verkrampfte, doch die Erdung schützte ihn vor weiteren Schaden.
„Du wirst dein schönes, teures Gerät nicht zerstören!“, schrie seine Mutter und riss zu ihren Unglück den nackten Draht aus dem Boden. Sofort sprang ein Funke auf sie über. Ein Schrei, dann fiel sie, es knirschte. Der Jugendliche ließ sich fallen, fiel weich auf der Leiche seiner Mutter und floh hinaus in die Welt.
Seitdem blieben in der Stadt die Lichter aus. Elektrizität wurde verboten, die Fabriken wanderten ab.

Zerlumpt waren sie nun alle. Kein Geld mehr. Alle arbeitslos, bis auf Polizei und Bürgermeister, welche nun täglich die meuternde Massen unter Kontrolle hielten und fliehende Jugendliche gewaltsam zurückholten. Sie waren die Einzigen mit Strom, was sie für ihre Überwachung auch brauchten. Neid blühte, alles Schöne wurde bei Diebstählen beschädigt, Fabriken und andere Bauten als Schutt verwertet.
Einer der Arbeitslosen floh, floh hinaus in die Welt und fand die Jugend und fand sein Leben in deren Armee wieder.
„Wir werden die Stadt zurückerobern und wieder zu einen Paradies machen.“, pries man ihm an.
Gesagt getan. Einen Monat später eroberten sie die Stadt zurück. Provisorische Galgen säumten die Straßen, an ihnen hingen alle über 25. Kein Kompromiss mit jungen Kritikern wurde gemacht, sie wurden verstoßen, wenn nicht gar umgebracht. Motto wurde: „Freiheit durch Gleichheit“. Nie wieder sollten Andersdenkende ihre Stadt mit verrückten Ideen verwüsten. Die Bauunternehmer kamen zurück, die Fabriken wurden wiederaufgebaut, nur einer blieb fern: der Jugendliche, der sein GPS-Gerät zerstörte.
Gerüchten zufolge hatte er sich eine Firma aufgebaut.
So lebte die Jugend einige Jahre glücklich. Hinrichtungen von Andersdenkenden lagen einige Zeit zurück, selbst die Zahl der Verstoßenen pro Jahr ging zurück.
Eines Tages kam ein reicher Mann in die Stadt. Sie erkannten ihn sofort als den Jugendlichen, der den Strom stoppte. Eigentlich wollten sie ihn als Helden feiern, doch er war anders. Sofort formierten sich Mobs um ihn, doch er blieb still, er wartete. Mittlerweile hatte sich die ganze Stadt um ihn versammelt. Jetzt sprach er: „Merkt ihr nicht, dass ihr versagt habt? Gleichheit ist nicht Freiheit. Ihr wollt mich loswerden, weil ich anders bin.“
Die erwachsenen Jugendlichen traf es wie ein Schlag. Nur einer bewahrte die Ruhe:
„Seht ihr? Die Anderen sind Schlangen in Worten. Tötet ihn!“
„Und was bringt es? Wieder und wieder werden wir zerstören. Wir sind Bestien.“, entgegnete ein anderer Bewohner.
„Schlange!“, zischte die tobende Masse, der Eine grinste zufrieden, als plötzlich tausende Messer seinen Körper durchbohrten. Es war sein letztes Grinsen, denn die Bewohner wurden erwachsen. Sie erwachten aus ihren Traum vom Paradies und schauten hoffnungsvoll ihren heimgekehrten Kameraden an.
„Meine Lösung ist die Abkehr von der Menschlichkeit.“, er riss sich die Haut vom Gesicht, darunter die eines Reptils, „Folgt mir oder lebt wohl.“
Die Erwachsenen sahen traurig mit an wie ein Großteil ihrer Kinder den Heimkehrer an der Kleidung packten, aber sie wussten: Was sie nicht vermochten, das würden jene schaffen. Der Heimkehrer gab jeden ein Bonbon, ein letztes „Lebwohl“, gefolgt von einen Lichtblitz, sie waren fort. Die Erwachsenen weinten, alle, ob Mann oder Frau, denn Scham und Reue brannten tief in ihren harmoniebesessenen Seelen.
Eine Frau warf plötzlich wütend einen Taschenspiegel auf den Boden, nachdem sie sich darin gesehen hatte. Sie ertrug ihr Anlitz nicht mehr, ein Phänomen, das nach und nach auf die Stadt übergriff. Bald war die Stadt spiegellos, doch keiner empfand Glück, weil sie wussten: Immer wieder würden sie morden, denn sie waren alle Verbrecher, obwohl es keine gab, denn sie kriminalisierten sich.

End

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