Einen Tag auf der Brücke


Das Donnern von berstenden Gebäuden klang ohrenbetäubend in meinen Ohren, das Ende einer Ära, einer langen Ära von verlorener Hoffnung und Krieg, von Pein und Angst.
Und noch immer betäubt lief ich mit dem Strom. Die Bürger hatten sich in ihre beste Kleidung geworfen, nur für den Weg. Für den Weg über die Brücke. Ich musste staunen, noch nie hatte ich so viele fröhliche Menschen gesehen.
„Geh weiter, die Zukunft wartet!“, rief jemand hinter mir. Erstaunt stellte ich fest, dass ich stehengeblieben war und setzte meinen Weg zur Brücke fort.
Die Morgensonne ging langsam auf und brachte die regen- und tränennassen Straßen zum Glitzern in allen Regenbogenfarben. Ich war wie geblendet, konnte nicht mehr den Weg fortsetzen, begab mich zur Seite, abseits des Stroms und bemerkte, dass ich mich auf der Mitte der Brücke befand. Unter mir rauschte der Fluss mit kristallklaren Wasser. Irgendwie hatte ich Lust hineinzuspringen.
Und so verharrte ich an der Stelle, genoss die Mittagssonne, die fröhlichen Massen, die an mir vorbeizogen.
Plötzlich musste ich an meine Familie denken, sie waren doch schon sicher am Ziel. Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Ach wie ich sie mochte. Sie waren das Einzige im Leben was ich hatte. Ich hatte nie Freunde gefunden, denn ich hatte nur mich und meine Fantasie.
Und so schaute ich verträumt hinab ins Wasser, es glitzerte so verlockend kühl, nass, einfach schön.
„Was warten Sie noch?“, rief ein Soldat mir zu, „Die Zukunft liegt am Ende der Brücke, Sie sind schon fast da.“
Mit Erschrecken bemerkte ich, dass die Menschenmassen die Brücke schon längst passiert hatten. Ich und der Soldat, wir waren alleine auf ihr. Jeder Schritt von ihm klang hohl und mechanisch, fast wie ein Skelett. Ich musterte ihn näher. Er war kein Mensch mehr, er war ein Cyborg, eine Menschmaschine.
Klack, klack, der Soldat ging an mir vorbei Richtung Vergangenheit, wo ich herkam, ließ mich alleine. Sollte ich nun weitergehen?
Aber es war so ein schöner Tag, außerdem würde niemand das andere Ende der Brücke als das verlassen, als das er die Brücke betrat.
Und so sinnierte ich noch einige Zeit, über das, was ich sein würde und ließ die Sonne auf mich brennen. Langsam merkte ich wie sie sich die Sonne gen Abend bewegte. Reinigungstrupps betraten die Brücke und spritzten sie mit schillernden Wasser ab. Der Cybot-Soldat kehrte mit seinen klackenden Schrittgeräusch zurück.
Es war Zeit.
Ich nahm Anlauf und sprang. Die Welt kippte, ich fühlte mich fallen und wie eine Kerze in das kühle, sprudelnde Nass eintauchen.
Unter Wasser öffnete ich meine Augen und erblickte eine fantastische, klare Welt. Fische umschwammen mich neugierig, nubbelten an meinen nackten Armen, an meinen Gesicht, begleiteten mich auf den Weg zur Wasseroberfläche.
Das Wasser um mich sprudelte kitzelnd, während ich kräftig keuchend Luft holte.
Was für ein schöner Tag.
„Was für ein schöner Sprung.“, eine plötzlich auftauchende Nymphe strich sanft und neugierig um mich. Sie war schön, so wunderschön, sie glitzerte wie ein Regenbogen. Ich zögerte, versuchte zu sprechen, doch ich war sprachlos.
Plötzlich fühlte ich mich sinken, fallen.

„Was hast du so lange gebraucht?“, fragte mich meine Mutter überglücklich als ich am nächsten Tag zu ihnen stieß. Sie musterte meinen nassen, tangbedeckten Körper mit ihren Katzenaugen, „Und wo zum Teufel hast du dich rumgetrieben? Warum bist du nicht einfach über die Brücke gegangen?“
„Ich habe einen anderen Weg genommen. Ich genoss den Tag, sprang ins Wasser zu den Nymphen, genoss das Leben.“
„Und was machst du morgen?“, unterbrach mich mein Bruder, dessen Haut der eines Wolfes glich.
„Mit den Nymphen schwimmen.“
„Und übermorgen?“
Ein Funken funkelte in den forschenden Fuchsaugen meiner Schwester. Sie wusste es.
„Und übermorgen?“, bohrte sie nach.
Ich lächelte mit meinen Seeteufelzähnen. Denn da war meine Hochzeit…