Der Arme


Franz wusste schon bevor er die Schulaufgabe ausgeteilt wurde, dass es eine Sechs war. Dabei hatte er doch alle Antworten zu den Fragen aufgeschrieben. Bloß leider schweifte er ab. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Sein, von den Dauerstress erschöpftes, Gehirn konnte keine Leistungen mehr hergeben. Egal wie lange er büffelte beziehungsweise gründlich Hausaufgaben machte, er schaffte es nicht mehr psychisch. Vor drei Jahren hatte er noch nur Einsen und Zweier. Auch sein Gesicht hatte sich verändert: Ringe unter den Augen, weil er alles erledigen wollte. Einmal hatte ihn ein Mitschüler erklärt, dass es nicht schlimm sei, wenn man die Hausaufgaben nicht mache, schließlich gäben die Lehrer extra viel auf, damit auch die Faulpelze was lernten. Wahrscheinlich hatte sein Mitschüler recht, doch es war zu spät, er würde das Jahr nicht mehr schaffen. Seine Wiederholungschance war abgelaufen, er war draußen. Warum nicht gleich die Schule schmeißen? Auf jeden Fall würde er es ruhiger angehen. Er machte gleich im Unterricht ein Nickerchen. Zwar störte ihn seine Lehrerin, doch mit: „Ich schaffe es eh nicht mehr.“, rührte er sogar ihr Herz. Von der Schule gleich ins Bett, die Hausaufgaben warteten, doch nie mehr würden sie gemacht.
Er wachte erst am nächsten Schulmorgen auf. Endlich ausgeschlafen. Seine Eltern waren bestürzt und traurig zugleich: „Wir haben dich gefördert. Warum hast du es versaut?“
„Wisst ihr? Ich fühle eine gigantische Last von mir genommen.“
„Die Schule ist wichtig, nimm sie nicht auf die leichte Schulter.“
„Oh doch.“
Dieser Morgen war anders, sie schrieben eine Stegreifaufgabe. Entgegen zu der in der letzten Woche, ratterten die Antworten durch sein Hirn aufs Papier. Bei der Hälfte der verfügbaren Zeit war er bereits fertig, der Lehrer stutzte: „Was ist mit dir los? Warum nicht gleich so“
„Ich habe Ballast abgeladen.“, grinste Franz.
Doch sein neuer Lebensstil half nicht mehr. Er fiel durch, trotz schlagartiger Besserung der Leistungen. Warum hatte er sich nicht wie der Mainstream verhalten? Es ging in der Schule nicht um Intelligenz, sondern um angepasstes Verhalten. Warum hatte er es nicht schon früher gemerkt?
Dachte er, Schule wäre Horror? Der Horror ging am Tag nach dem Zeugnis los. All seine Zeit wurde durch eine spezielle Ausbildung zum Juristen geopfert. Man förderte ihn bis zum Biegen und Brechen, es war als würde ein Loch sich auftun und ihn verschlingen. Er galt als Sonderling, sein Verhalten war gezwungen und er verpatzte natürlich Prüfungen. Als er seinen Abschluss unter Gelächter der anderen in die Hand gedrückt bekam, wusste er schon, dass er nicht bestanden hatte. Die Anderen hatten etwas namens Freundschaft, wofür er leider keine Zeit hatte. Wieder war er unangepasst gewesen, warum nur? Wie ein streuender Hund schlenderte er zurück nach Hause. Es war ein strahlender Tag an denen Andere feiern würden, doch er musste in Schweiße seines Angesichts nach Hause latschen und Rüge bekommen. Nur noch zwei Kilometer. Er sah einen herrlich breiten Schatten unter einer Eiche. Warum nicht kurz ausruhen? Gesagt getan. Es war so schön.

Freundlich schien die Sonne auf ihn hinab. Hatte er verschlafen?
„Aufstehen!“, brüllte eine harte Stimme. Die Sonne wurde zum warmen Licht einer Deckenlampe. Er lag nackt auf einer Pritsche, eingezäunt durch weiße Mauern eines… Gefängnis! Schnell zog er sich die herumliegende Kleidung an, dann wurde schon seine Zellentür geöffnet.
„Na du Pussy. Mach gefälligst dein Bett!“, schrie ihn der menschliche Wecker an. Es war als wäre Vakuum. Seine Hände ballten sich zu Fäusten um einfach zuzuschlagen. Schlagen, schlagen, treten. Etwas verpasste ihn einen elektrischen Schock.

Wieder erwachte er durch ein: „Aufwachen!“. Schnell machte er das Bett, nachdem er sich angezogen hatte.
Diesmal war es das Duschen. Eigentlich wollte er nicht, doch Wärter zwangen ihn. Vorsichtig ging er mit seinen Handtuch zu den Duschen. Es war ein gefliester Raum, in dem ausnahmsweise keine Wärter waren. Wieso? War das nicht gefährlich? Kaum war der Gedanke zu Ende, stürzte er schon. An die fünfzig Gefangene auf ihn.

Diesmal erwachte er in einen Gerichtssaal. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Er stand einfach auf. Seine Glieder schmerzten. Er fiel ächzend wieder auf den Stuhl zurück. Zweiter Anlauf. Er kam auf die Beine und fragte verwirrt: „Wo bin ich? Was wird mir vorgeworfen?“
Plötzlich stand sein Vater neben ihm und verpasste ihn eine Ohrfeige, mit den Worten: „Du bist nicht mehr mein Sohn. Das hier ist mein letztes Geschenk an dich.“
Das Verfahren ging weiter. Man warf ihn Herumlungern als sittenwidriges Verhalten und gefährliche Körperverletzung vor.
Wieder stand er auf: „Entschuldigung für die Körperverletzung euer Ehren. Ich bin, wie alle sehen, ein bisschen verwirrt gewesen. Es war eine echt anstrengende Zeit gewesen.“
Er hätte besser in die Klägerbank sehen sollen, alles Verbrecher. Unter ihnen einer fast vollständig in Gips. Sie liefen rot an: „Scheiß Ausrede. Für solche Ausraster sitzen wir im Knast.“
„Ich hatte nicht mal zehn Minuten mich zu orientieren als ich im Gefängnis aufwachte.“
„Normale Menschen brauchen nur eine Minute. Ich habe eine Studie.“, erklärte der Anwalt der Ankläger. Eine Statistik wurde an eine Leinwand projektiert. Sie belegte exakt dieses, hatte aber einige Ausreißer.
„Ich bin einer der Ausreißer in der Statistik.“, verteidigte sich hastig Franz.
„Mag sein. Aber Sie gelten trotzdem als normaler Mensch, deswegen gilt diese Ausrede nicht.“, entschied der Richter, der Hammer knallte, „Die Verhandlung ist geschlossen. Fünf Jahre.“.

Seine Mitgefangenen demütigten ihn auf diverse Arten, bis er zu Alkohol griff. Es fühlte sich gut an alle Sorgen zu vergessen. Die Zeit verging in einen Rausch, sie alle lallten glücklich miteinander, er hatte sich endlich angepasst und wurde nicht mehr gemobbt. Sie redeten mit ihm wie einen Bruder, erzählten ihre tollkühnsten Taten und führten diese theatralisch vor. Dann war er frei, vogelfrei und allein. Er erwachte mit einer leeren Flasche unter einer Brücke. Keine Erinnerungen mehr an gestern, seine Freilassung. Er musste aufhören. Plötzlich überkam ihn ein Schwall von Sorgen. Wie sollte er überleben? Wo bekam er zu essen? Was war mit seinen Eltern? Er legte sich wieder hin.

Er erwachte durch das Lachen von besoffenen Jugendlichen, Jungen und Mädchen, die miteinander anbandelten, ansonsten die schwache Schwärze der Nacht. Er würde auch so werden, ein willenloser Spielball der Gefühle, wenn er nicht sofort aufhörte zu saufen. Er hob eine herumliegende Eisenstange auf und golfte mit aller Kraft seine Bierflasche. Sie flog nicht mehr, sie zerbrach gleich in tausend Trümmergeschosse.
Die tote Nacht erfüllte sich mit Leben. Millionen Lebewesen wichen den Splittern aus. Nein, er würde nie wieder trinken. Zufrieden stützte er sich auf der Stange ab und genoss die Lichter der Stadt.
„Schau mal den Penner an, verschandeln unsere Stadt durch ihr Aussehen.“, keifte ein Mädchen.
„Wieso?“, antwortete er gelassen, „Ihr seid es doch, die uns schaffen. Nicht alle überstehen eure Gleichschaltung.“
„Nun werd‘ mal aber nicht frech.“
„Wer hat mich zu dem gemacht? Ihr. Habt mich ins Gefängnis gesteckt, zum Säufer gemacht und wollt mich nun loswerden. Es ist genug Platz für uns alle.“, seine Stirn begann zu pulsieren.
„Können wir euch berechnen? Nein, ihr seid frei, ein Risiko.“, das Mädchen wurde lauter und schriller, „Wir Hochwohlgeborenen können nicht mit euch zusammenleben. Wir könnten vergewaltigt werden. Schnappt ihn euch Jungs!“
Morden ängstigte ihn. Einfach wie ein Test vorstellen! Bloß, dass der Test nicht für ihn, sondern für andere tödlich wäre. Die Stange schwang hoch in die Luft, holte aus und traf ein Gesicht wie eine Zielscheibe. Ruhe, ausholen. Die Bastarde aus der selbsternannten hohen Gesellschaft, sein Schläger traf eine weitere Zielscheibe und zermatschte sie, wollten Blut, sein Blut, doch nicht sterben, nicht sterben! Ein weiteres Opfer. Das Ende der Stange war spitz. Konnte er damit zustechen? Ja, er konnte. Einer der Jungen, starb wie ein Vampir. Herrlich, diese menschliche Wärme, wie sie seine Füße umfloss. Wie konnte er den gefährlichen Konsequenzen der Situation entfliehen? Niemand durfte davon erfahren. Er schnitt den restlichen Angreifern, den Fluchtweg ab, um mit quergestellter Stange sie in den Fluss zu schieben. Schläge prasselten auf seinen Körper als er wie Stier alle in das tödliche Wasser schubste und dort ertränkte. Blutfäden lösten sich von seiner Kleidung und verschwand in der Ferne des Flusses. Der Fluss wurde kalt, besonders nachdem jeglicher Widerstand seiner Opfer aufhörte.
Zehn Minuten wartete er, dann war er sicher, dass es keine Überlebenden gab. Was war mit ihm los? Er war doch kein Mörder? Test bestanden, Zweifel entledigt. Er stieg aus den Wasser.
Heute würde er in den einzigen anonymen Hotels der Stadt übernachten: Bordellen oder wenn es gut lief Privatwohnungen der Prostituierten. Geld hatte er genug. Zweihundert Mäuse konnte er den Toten entnehmen. Sah jetzt wohl aus wie ein Raubüberfall, aber das war ihm egal. Herumlungern war auch strafbar und heute war er mal weg von der Straße.
Seine Waffe steckte er auf seinen Weg schnell in lockeren Boden, so dass es aussah als wäre sie ein Pfosten, Minuten später war er schon in der Gasse mit all den Prostituierten.
Die Hübschesten, Erfahrensten wendeten sich von ihm ab, er war wohl kein lohnendes Ziel. Dachten vielleicht an ein bisschen Hartgeld. Wenn sie wüssten. Eine blutjunge Prostituierte wurde immer wieder abgebügelt. Sie war verzweifelt, würde ihn nicht verpfeifen. Und so hielt er Kurs auf sie.
Sie war so nervös, dass er nicht verstand was sie ihm sagen wollte. Ständige Versprecher, Selbstkorrekturen. Ersteinmal legte er seine Hand sanft auf ihr Rücken und folgte ihr in ihre Arbeitsstätte, eine kleine Wohnung, perfekt.
Eine ältere, aber immer noch hübsche Prostituierte, klatschte Beifall.
„Na endlich. Ich sehe du wirst erwachsen.“, lobte sie sie.
„Er hat mir nachgeholfen.“, wisperte sie verlegen
Die Mutter wandte sich an ihm: „Ich muss meiner Tochter mein Handwerk beibringen. Danke dass du dich ihr angenommen hast.“
„Irgendwie ist sie nicht für deinen Job gemacht.“, antwortete Franz.
„Mag sein, doch hat sie eine Wahl? Ich hab versucht ihr eine gute Ausbildung zu verschaffen.“
„Aber du hast aufgrund des Drucks versagt. Kenn‘ ich das Problem.“, unterbrach Franz an das Mädchen gewandt. Sie nickte schüchtern. Er streichelte ihren Kopf, die Anspannung der Nacht fiel von ihm ab. Die Mutter schüttelte ihren Kopf: „Die Welt ist krank. So blutjung und schon kaputt. Mein Junge, ich sehe, du bist ein Mörder, doch hast ein gutes Herz. Gib deine Kleidung her, ich wasche sie.“
In den Augen der Mutter spiegelten sich Tränen der Sorge, in der der Tochter Tränen der Angst.
„Was hast du getan?“, fragte sie ihn ungläubig.
„Ich wurde angefallen, hatte eine Mordswut.“, eine grausame Faszination überkam ihn, „Stell dir vor es wäre ein Test und du müsstest Menschen töten statt Fragen beantworten.“
„Was?“
„Entschuldigung. Ich weiß nicht was über mich gekommen ist.“
„Aber ich.“, die Mutter deutete auf sein Herz, „Es hat gesprochen. Du bist ein guter Mensch, weil du menschlich bist. Menschlich ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, sondern auch Hass, Niedertracht und Schmerz. Lass dich nicht einlullen! Alle menschlichen Instinkte sind gut, doch der Verstand muss sie in richtige Bahnen lenken, sonst endest du als menschlicher Abschaum.“
Er nickte andächtig. Die Frau war sehr weise trotz ihrer niedrigen Stellung. Das Gesellschaftssystem war falsch.

Kaum war er aufgewacht, nagte sie ihm das Ohr ab mit ihren Problemen. All ihre Ängste, vorallem wegen Gewalt. Schuldbewusst dachte er an seine gestrigen weiblichen Opfer, doch halt. Sie waren Bestien, im Gegensatz zu ihr. Er erfuhr, dass sie Justizia hieß. Welch bittere Ironie. Die gesetzliche Justizia verkaufte sich auch, nur an mächtige Unternehmen statt armen Privatpersonen.
Mit dieser Feststellung rang er ihr ein Lächeln ab. Sie fuhr fort. Angst, Angst, Angst.
Zeit es zu durchbrechen: „Warum hast du vor allem Angst? Warum zum Beispiel vor einen Raubüberfall?“
„Ich würde sterben. Entweder ich werde erschossen oder verhungere ich ohne Kohle.“
„Dann kämpf doch und biete als Geschenk, wenn er dich besiegen sollte, eine Gratisnacht.“
„Und was wenn er grob im Umgang mit Frauen ist?“
„Dann verlier nicht. Gestern Abend war ich mindestens zehn zu eins unterlegen. Wer hat gewonnen? Ich.“
„Was wenn mich ein Messer geschweige denn eine Kugel trifft?“
„Das Risiko muss man eingehen. Und du hast es als Frau eh besser als ich. Kannst sie doch einfach verführen und im geeigneten Augenblick abstechen.“
„Ich kann nicht kämpfen.“
„Du kannst. Komm mit!“

Stürme brausten, es schüttete wie aus Kübeln. Er zog Justizia trotz ihrer Bedenken hinaus. Langsam wich ihre beide Kleidung auf, während sie Richtung Kampfplatz, einen verlassenen Fabrikgelände, den er von Kindheitserinnerungen her kannte, schlenderten. Seine Kleidung wurde nasser und schwerer, seine Bewegungen arg gehemmt. Aber auch so reichte es aus, um ihr die Tränen ins Gesicht zu treiben. Und sie? Nicht mal einen Schlag hatte sie auf ihn landen können.
„Pause!“, rief sie ihm mit hochroten Gesicht zu. Sie lehnten sich an eine Mauer. Regen prasselte, ein Blitz zuckte am Himmel, ein schwacher elektrischer Schlag durchfuhr ihre Körper.
„Komm gehen wir rein.“, flüsterte er ihr zu. Sie nickte fröstelnd. Das Innere der Fabrik war düster, perfekt für eine Häuserkampfübung.
„Was ist das eigentlich für eine Maschine?“, Justizia deutete auf eine verstaubte kastenartige Anlage. Er ging näher ran, um sie besser zu betrachten können.
„Es ist eine Walzmaschine.“, stellte er fest. Stille. War ihr etwas zugestoßen?
„Justizia?“, er drehte sich um, sie war verschwunden.
Fremde Stimmen wurden hörbar. Plötzlich rollte eine Metallstange vor seine Füße. Die Richtung aus der sie kam, Schwärze.
„Justizia? Lasst uns abhauen“, brüllte er nochmal durch die Hallen
Die Stimmen kamen näher.
„Justizia?“, ein kläglicher Schrei. Die Stimmen waren da. Wieder solche neunmalkluge Jugendliche wie die gestern.
„Was machst du in unseren Territorium?“, blaffte ihn der Anführer an. Justizia war geflohen, hatte ihn zurückgelassen und schaute aus sicherer Entfernung zu. Dessen war er sich sicher.
„Ich trainiere. Was dagegen?“, konterte er selbstsicher.
„Ja. Der Ort gehört uns.“
Pistolen wurden auf ihn gerichtet, doch wie. Wie in Filmen, nicht wie es ihm seine Zellengenossen gezeigt hatten. Vor diesen Dilettanten brauchte er keine Angst haben. Der Anführer kam näher, ein Butterfly in der Hand.
Er lachte hämisch: „Vor solchen Dilettanten habe ich keine Angst. Nicht einmal entsichert habt ihr.“
Mit diesen Worten griff er an. Seine Stange vibrierte von den Aufprall auf den Kopf des Anführers. Betonschädel halt. Klick. Klick. Ungläubig schauten die Pistolenträger auf ihre Pistolen, liefen rot an als sie ihre Waffen wieder entsicherten. Doch da war er schon bei ihnen. Einer riss die Pistole hoch direkt vor seine Stirn.
„Man ist die schwer.“, der ausgestreckte Pistolenarm sackte nach unten, die Kugel flog zwischen seinen Beinen durch, bevor der Rückstoß den Angreifer die Pistole ins Gesicht schleuderte. Ein Stöhnen, der Typ hielt seine gebrochene Nase. Ein männlicher Jugendlicher schrie in der Dunkelheit auf, es tropfte Blut. Justizia war auf seiner Seite.
Alle drehten sich zur Dunkelheit, bis auf ihn, er erschlug den Anführer.
Fünf Schüsse erklangen, den Angreifern spritzte Gehirnmasse aus den Kopf, sie fielen zu Boden. Justizia hatte eine der Pistolen in der einen, ein schön geschwungenen Dolch in der anderen Hand. In ihrem Gesicht ein irres Grinsen als sie ihren blutigen Dolch mit den Butterfly verglich.
„Schweine wie ihr haben meinen Bruder Derik eingeknastet. Wegen Urheberrechtsverletzungen. Und das auf Werken, die er selbst geschrieben hatte. Raubkopiert und den Urheber eingeknastet… Schweine.“, ein Schuss knallte durch das Hirn eines Toten, „Und ratet mal wer die Peiniger sind?“
Stille.
„Betriebswirtschaftler, Leute, die schon dafür kassieren, dass sie Arbeiter ausbeuten, anstatt unnötig lizenzteure Software zu entsorgen. Wenn man auf beide verzichtet, könnte man den Arbeitern einen besseren Lebensstandard gewähren. Zudem sind es die Arschlöcher, die ihr Geld missbrauchen, um das Gesetz auf ihre Seite zu ziehen. Den Autor seine Urheberrechte zu entziehen ist das Mieseste. Dazu brauchen Betriebswirtschaftler Juristen, die nur allzu freudig mitmachen. Patente, die es verdienen Patente genannt zu werden, von kleinen Firmen oder erfinderischen Einzelpersonen, werden missachtet und diese Kleinen haben nicht das Geld sich zu verteidigen. Oder diese werden gleich ausgeschaltet wie mein Bruder.“
Franz legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter.
„Lass uns einen Plan schmieden. Es kann so nicht weitergehen. Wir müssen kämpfen.“
„Gut.“
Sie schoss den Anführer in den Kopf, um sicherzugehen. Anschließend sammelten sie die nützlichen Gegenstände der Jugendlichen auf. Vorsichtig schauten sie nach draußen. Das Unwetter war vorbei. Die Blitze zuckten in weiter Ferne, jetzt war ein guter Zeitpunkt zurückzugehen.
Schweigend planend gingen sie durch die stillen, nassen Gassen.
„Weißt du? Du brauchst Verbündete. Meine Mutter ist eine meisterhafte Menschenkennerin. Frag sie zu diesen Thema.“, strahlte Justizia.

Zuhause war festliche Atmosphäre. Ein blutverschmierter, finster blickender Mann öffnete ihnen die Tür.
„Derik!“, schrie sie erheitert und fiel ihm in seine haarigen Pranken.
„Justizia. Lange nicht mehr gesehen. Hast du deine Ausbildung geschafft?“
„Nein, zu viel Druck. Deshalb bildet mich Mutter in ihren Gewerbe aus.“
„Nein wirklich? Hast du deine Angst abgelegt?“, Deriks Gesicht hellte sich auf.
„Ja. Wie kommt es eigentlich, dass du frei bist?“
„Ich bin bei einen Ausbruch dabei gewesen.“
„Ach nein. Nicht schon wieder eine Hausdurchsuchung.“
„Lasst uns es erst einmal feiern. Schwester hier sind 50 Mäuse als Belohnung, wenn du es schaffst.“
„Wirklich?“, strahlte sie.
„Ja.“
Die beiden verschwanden in ihr Zimmer. Er schaute sich ein bisschen im Tageslicht um. Schicke Wohnung trotz ärmliche Verhältnisse.
„Na. Habt ihr euch beide amüsiert.“, fragte die Stimme der Mutter.
„Nein. Trainiert.“
Die Frau lächelte, Tränen liefen in ihr Gesicht.
„Danke. Ich dachte schon sie würde es nicht packen. Komm mit, ich bin erfahrener als meine Tochter.“
„Gerne. Könnten wir uns dabei ein bisschen unterhalten? Ich habe einen Plan, Frau…“, er stockte.
„Eva, sag einfach Eva.“
Eva schloss hinter ihm die Tür einer anderen „Arbeitsstätte“, einem noch schöneren Schlafzimmer.

Klingeln schreckte sie aus den gemütlichen Ränkeschmieden.
„Polizei.“, murrte sie, zog sich langsam an, er schnell. Hier musste sein Plan beginnen. Er beeilte sich als Erstes an die Tür zu kommen.
„Guten Tag. Ich dachte, ich würde hier Frau Eklase treffen.“, begrüßte ihn einer der vier Polizisten.
„Der gute Tag hat für uns alle begonnen. Kommen Sie mit. Vergessen Sie den Urheberrechtsverbrecher. Sie stehen hier vor einen Massenmörder.“
Es war ihm egal, dass er nicht mal Schuhe angezogen hatte. Er führte sie barfuß durch die nassen Gassen.
„Sind Sie frei, ein Vogel in der Luft?“, fing er harmlos an. Die Polizisten lachten herzlich.
„Nein, es gibt immer noch das Gesetz. Und das ist sinnvoll Kleiner.“
„Was zählt mehr? Gesetz oder Moral?“
„Das Gesetz entspricht der Moral, es ist der Versuch einer Festhaltung.“
„Bilderbuchantwort. Aber ihr glaubt doch nicht jeden Scheiß. Wacht auf, ihr seid keine kleinen Kinder mehr.“
Die Polizisten sahen sich verwundert an. Er setzte nach: „Habt ihr nie ein Gesetz ausführen müssen, dass euch missfiel?“
Beide nickten verschämt.
„Wie sieht es mit eurer Unabhängigkeit aus? Ihr macht die Drecksarbeit der Legislative und Judikative.“
„Willst du uns vom Staat lösen? Nein, wir sind nicht bestechlich.“
„Aber eure Chefs.“
Das saß.
„Was schlägst du vor, Kleiner? Willst du den Hitlerputsch wiederholen?“
„Nein. Ich will euch vereinen und eine neue, bessere Demokratie schaffen. Das Problem an der heutigen Demokratie ist, dass jeder mitwählen kann.“
„Das ist doch genau der Sinn.“
„Damit kommen aber auch viele Idioten an die Spitze. Auch euer Erzfeind Hitler. In dem System, das mir vorschwebt, beweisen sich die Wähler erst, dass sie würdig sind. Doch nach welchen Kriterien? Raten Sie mal.“
„Moral?“
„Falsch. Moral kann man nicht messen, dafür aber Kampftalent und Motivation. Nur solche sollen nach meinen Putsch wählen können, der Rest muss sich anpassen.“
Die Polizisten begannen herzhaft zu lachen.
„Gut, dann beweise ich es euch.“
Der nun schwierigste Test stand bevor. Wie sollte er Nazis von irgendwelchen neuen Ideologien überzeugen? Nazis suchten Sicherheit und Kameraden… Sie erreichten die berüchtigte Gegend und schon kam eine Gruppe Stiefelträger auf sie zu.
„Hey Kleiner, suchst du Ärger?“, ein muskulöser Hüne trat aus der Gruppe hervor.
Er bedeutete den Polizisten zu warten.
„Nein, ich suche Freunde.“
Der Hüne war verdutzt.
„Vergiss die Juden, vergiss die Ausländer, doch nicht die Freiheit. Es ist die dumme Masse. Sie wollen Frieden, nehmen den Freien die Waffe aus der Hand.“
„Nicht aus unserer.“, lachte der Nazi.
„Mag sein, doch könnt ihr frei sein? Die Waffengewalt muss im Volk liegen, nur motivierte Krieger sind gute Staatsbürger. Eine kleine Minderheit hat keine Chance.“
„Hast du je gekämpft? Ich war bei der Armee. Unhaltbare Zustände dort, weswegen ich ausstieg und mich den Nazis anschloss. Man stelle sich vor, man darf das Funkgerät nicht in den Wagen ummontieren. Raus in den Tod rennen mussten wir. Ich will einen Führer, der uns wenigstens gute Waffen gibt, die wir dann auch benutzen dürfen.“
„Ich habe gekämpft, gegen irgendwelche hirnverbrannte Jugendliche. Hab sie umgebracht mit einer Eisenstange und meine Freundin hat auch welche erschossen.“
„Wirklich?“
„Komm kämpfen wir, doch bitte nicht bis zum Tod.“
Er zog sein Hemd aus, der Nazi stutzte kurz bevor ein Dämon hinter seinen Augen erwachte.
Die Schläge des Nazis waren die eines Hammers. Seine ungeschützte Haut, der Amboss auf den seine Konterschläge bis zu ihrer Vollendung geschmiedet wurden. Der Nazi wurde immer schwächer, seine Schläge immer effizienter. Er warf den Nazi über sein Bein auf den Boden. Ein Schrei, aus dessen Bein quoll Blut. Wieso? Eine runde Ausbuchtung war in dessen Hosentasche zu sehen. Vorsichtig zog er den Gegenstand aus dessen Fleisch heraus, ein Butterfly. Man war das erbärmlich seine Waffe nicht richtig zu sichern, sodass sie bei Körperkontakt gleich einen selbst verletzten. Nazis waren auch nur Kiddies.
„Ihr seid unter meinen Niveau. Könnt auch nicht mit Waffen umgehen. Tschüss.“
Die Nazis waren peinlich berührt, während sich die Polizisten schadenfreudig ins Fäustchen lachten.
„Warte!“
Sekunden später war er Anführer einer ansehnlichen Armee.
„Polizisten sind nicht böse genausowenig wie die Armee. Lasst euch nicht gegen das Volk aufhetzen! Werdet Teil von ihm.“
„Soll ich einen Bekannten in der Armee anrufen? Nehmen wir den Politikern auch noch ihr liebstes Spielzeug weg.“, fragte einer der Nazis
„Gerne. Wollen wir auch das Stadtgefängnis in unsere Kontrolle bringen?“
„Mit dir ja, Führer.“
Franz machte einen kleinen Umweg zum Gefängnis um sich die aufgegebene Eisenstange wieder anzueignen. Sie steckte noch fest als Pfosten als er sie herauszog. Erstaunlich, dass niemand den Betrug bemerkt hatte. Dann erreichten sie sein altes Heim. Vor nur einen Tag war er noch Insasse, nun konnte er von draußen das Ungetüm verachten. Es beherbergte Millionen, eingesperrt durch eine unendlich hohen Mauer aus Stahl und Stacheldraht. Er erinnerte sich zurück an seine Zeit im Knast. Wie konnte er die Wärter überzeugen? Gar nicht! Wurden Menschen als Wärter gezwungen, so hatten sie eine Wahl und nur ein Teil entschied sich für gnadenlose Kontrolle. Die hier hatten aber sich jenes selbst ausgesucht. Das hieß Macht um jeden Preis über die Gefangenen. Wehe ein Revolutionär. Sie traten im Empfangsschalter ein.
Deriks Stimme lachte: „Mit wen ich im letzten Monat Sex hatte? Meine Schwester.“
Man hatte ihn verarscht, eine zweite Streife geschickt, um die Eklase abzuholen.
„Was für ein Schwein sich an seine Schwester zu vergehen. Sperrt ihn ein.“
Justizias Stimme: „Nein, ich bin Prostituierte.“
Er erreichte harmlos das Foyer. An dem Tresen die Familie Eklase. Derik wurde gerade in den Knast gebracht.
„Beweis es! Kommt her!“
Wärter strömten eilig von überall herbei in ein Nebenzimmer. Sollte er die Zellen öffnen? Eva gab ihm mit einer Handgeste zu verstehen, er solle warten.
Gefühlte zehn Minuten vergingen, als plötzlich etwas tropfte. Blut, es floss unter der Tür hervor. Sie flog auf, in ihr Justizia, ihren Dolch blutgetränkt in der Hand, die Augen glichen die eines Raubtiers, doch die Kleidung war weiß wie die Unschuld.
„Ich weiß jetzt warum Justizia blind sein soll: um die Machenschaften der ehrlichen Bürger nicht aufzudecken.“, höhnte sie, sie fügte mit Funkeln im Augen hinzu: „Holen wir beide meinen Bruder? Der Dolch meiner Vorfahren dürstet nach Blut.“.
„Ja.“
Es dauerte nur zwei Tote um an ihren Bruder ranzukommen, zehn weitere, um in den Gefangenentrakt einzudringen. Mitten im zentralen Wachraum, betätigte er die elektronische Entriegelungsmechanik für alle Zellen, um anschließend mit den Verbrecherstrom ins Freie zu fliehen. Plötzlich kam ihnen ein Verbrecher mit entstellten Gesicht entgegen.
„Entschuldigung für meine Beleidigung damals und den Rachefeldzug. Du bist ein toller Kumpel.“
Das war der Typ, welchen er zusammengeschlagen hatte, erinnerte sich Franz.
„Entschuldigung für meinen Ausraster.“
„Du bist einer von uns. Jeder rastet mal in dieser Gesellschaft aus.“, des Deformierten Gesicht strahlte.
„Lasst uns erst mal ungesiebte Luft riechen.“
Draußen hatte sich ein riesiger Halbkreis um den Ausgang gebildet.
„Wohin Meister?“
„Folgt mir.“
Die Masse setzte sich hinter ihm in Bewegung und teilte sich vor ihm. Sein Ziel war ein Protestmarsch auf der Hauptstraße zum zentralen Platz. Alle Feinde würden sich ihnen in den Weg stellen und zermalmt oder überzeugt werden. Einer der Polizisten drängte sich verängstigt zu ihn vor: „Stoppen Sie das Massaker. Ich weiß Sie haben Herz.“
„Kennen Sie Stanfords Gefängnis Experiment?“
Der Polizist nickte.
„Eure Vorgesetzten haben euch gegen Bürger aufgehetzt. Schauen und hören Sie sich unter den Verbrechern um. Ausgestoßene, die zu ihre Taten getrieben wurden.“
„Aber die Strafe …“
„… muss sein. Deshalb marschiere ich. Auf den Tod der Oligarchie! Keiner der sich in den Weg stellt wird überleben.“
Eine Horde Jugendliche schimpften an einen Straßeneck mit einen Verkäufer lautstark.
Interessiert ging er näher.
„… Die Spiele mussten eingezogen werden. Sie enthielten zu viel Gewalt für euch. Anordnung des Staates“, forderte der Verkäufer.
„Was? Die Ersatzspiele sind einfach nur Scheiße. Nicht mal schießen kann man, nur Händchen geben.“
„Wir wollen keine Amokläufer.“
„Ihr habt panische Angst vor Gewalt, vor Amokläufern und so weiter. Erbärmlich.“, sprang Franz ein. Der Verkäufer erstarrte, bevor er ihn anfuhr: „Was fällt dir ein? Es könnten Menschen zu Tode…“
Franz drehte seine Metallstange mit den blutigen Ende zum Verkäufer.
„Es kommen Menschen zu Tode in unseren Putsch. Wir wollen Freiheit, keine Sicherheit.“, er wandte sich an die Jugendlichen, „Kommt mit. Lasst euch nicht von solchen blöden Spielen zähmen. Seht die Realität und diese ist brutal.“
Franz stach zuerst dem Händler Herz bevor er seine Stange rauszog und solange auf des Toten Kopf schmetterte bis die Gehirnmasse in alle Himmelsrichtungen spritzte. Jubel erschall und er hatte neue Anhänger. Der Polizist bekreuzigte sich.
„Glauben hilft Ihnen nicht. Machen Sie es Luther gleich. Revolutionieren sie das Gesetz bevor es zu spät ist.“, merkte Franz an.
Er nickte bedrückt, zog das Funkgerät.
„Chef, wir müssen das Gesetz temporär stürzen. Es bahnt sich etwas Großes an.“
„Nein. Wir sind nicht befugt.“
„Scheiß auf die Befugnis. Jeglicher Verzug wird tausende Menschenleben fordern. Sie haben das Militär.“
„Das wollen wir sehen. Tschüss.“
„Verdammtes Arschloch!“, brüllte der Polizist verzweifelt, piepte seine Kollegen an und erklärte die Lage, dann rannte er voraus.

Sie kamen an einen völlig verwüsteten Polizeirevier vorbei, blutbespritzte Polizisten knieten sich in ihren Weg, ihr Münder formte ein Wort: „Bitte.“
„Wir haben das Gesetz in unsere Hand genommen. Bitte stoppt den Aufstand!“, flehte einer von ihnen. Franz bedeutete seiner Kolonne „Stopp“.
Es war vorbei, sie hatten gewonnen. Zumindest in dieser Stadt.
Die Polizisten kippten gleichzeitig tot um, ein Loch im Hinterkopf. Des Rätsels Lösung verkündeten die Funkgeräte: „Verräter können wir nicht leben lassen.“. Scharfschützen! Seine Gruppe deformierte sich, um Schutz in den nahen Gebäuden zu suchen.
Neben ihm telefonierte einer seiner Anhänger mit den Militär.
„Was? Eine Elitetruppe wurde geschickt um den Aufstand niederzuschlagen? Kannst du mir helfen?“, dann verkündete dieser erleichtert den Umstehenden: „In paar Minuten wird eine Rakete das Parlament auslöschen.“
„Und mein Kumpel schaltet gleich diese Scharfschützen aus. Haltet euch die Ohren zu!“
Die Scheiben zersprangen bei den ohrenbetäubenden Explosionen. Franz sah brennende Hochhäuser einstürzen. Der Bürgerkrieg hatte begonnen. Mit einen Schlachtschrei rannte er hinaus auf die gesicherte Straße. Eine Armee aus den Abschaum der Stadt kam ihnen entgegen. Waffenfuchtelnde Jugendliche und Erwachsene jeglicher Nation, wütende Friedensaktivisten und natürlich die Profiteure ihrer Misere, Mittelschichtsjugendliche und ihre Eltern. An deren Front seine Eltern, gefesselt.
„Mein Geschenk an euch: Ihr müsst nicht in dieser Welt leben. Ihr seid nicht mehr meine Eltern“, mit diesen Worten lieh er sich eine Waffe, um diese zu erschießen. Es wurde still, sie marschierten weiter.
„Verdammte Nazis!“, schrie einer der Verteidiger.
„Ich bin Afrikaner.“, antwortete ein Dunkelhäutiger aus seiner Armee.
„Und ich Jude.“, ein Weiterer seiner Gruppe
„Und ich habe sie vereint.“, Franz.
„Egal. Stoppt!“, hauchte einer der Gegendemonstranten vor Angst.
Unbarmherzig rannten sie in die Gegenseite, bahnten sich ihren Weg. Stangen erschlugen, Messer erstachen und die zahlreichen Schusswaffen erschossen. Die Verteidiger wichen und wichen weiter zurück, doch noch immer war es ein blutiges Massaker, weil die Hinteren die Vorderen immer wieder zurück in die Schlacht schubsten. Bewaffnete waren kein Problem, keine Erfahrung. Deren tote Körper und ihr Blut schon. Im knöcheltiefen Blut rutschten viele auf den Leichen aus. Eine kleine, etwas abseits liegende, friedliche Demonstration auf den Zentralplatz überlebte als Einzige.
„Stoppt! Bitte! Werden Sie kein Diktator“, flehten ihre Mitglieder.
„Ich gleiche Hitler, ich gleiche Stalin, ich gleiche euch, denn ich bin ein Mensch wie wir alle. Ihr solltet versuchen zu verstehen wie es zu dieser Gewaltorgie kam.“, entgegnete er kaltherzig. Dann begann er mit der Staatsneugründung. Sollte er seine Position ausnutzen, um die Welt von Ungerechtigkeit zu befreien? Mit seiner Armee andere Länder überrennen?

Kratin wusste nicht wie ihm geschah als er plötzlich ohne Henker-Job dastand. Er war die ganze fleißig den Anweisungen gefolgt ohne zu denken. Als wäre das nicht schlimm genug, kamen seine Kinder mit 6-ern nach Hause. Dabei hatten sie die Antworten gelernt und sogar auf ihren Alkoholrausch verzichtet. Sie heulten was von, sie müssten Zusammenhänge verstehen und ihre Fantasie spielen lassen. Und nicht einmal Hausaufgaben hatten sie, jetzt musste er sie unterhalten. Morgen würde er sich beschweren.

Kratin sprach mit einen Schulleiter und Kampfsportlehrer namens Franz. Was war das für ein ungebildeter Kerl? Und machtmissbrauchend war er auch. Als Schulleiter gönnte er den Schülern Ruhepausen und brachte ihnen das Denken bei. Nicht einmal nach IQ-Richtlinien sondern nach Kreativität und Arbeitsergebnisse benotete er. Da konnte selbst die langsamste Schnecke eine Eins bekommen. Unhaltbar. Das Land brauchte willige Untertanen.
Dann erfuhr er, dass dessen Frau Justizia Justizministerin geworden war. Durch die Wahl von deren Partei unter den selbsternannten Kriegern. Die Frau war unmöglich, hatte Mitleid mit Verbrechern. Sentimental wie Frauen halt waren. Deshalb sollten diese nur in Haus und Küche arbeiten, auf keinen Fall als Justizministerin oder Prostituierte, ein Grund mehr sie zu ächten.

Kratin mit seiner Familie landete nach einen Jahr auf der Straße. Unter anderem weil die Schulden nicht mehr kollektiviert wurden. Sie, die Hochwohlgeborenen, sollten sie alleine zahlen, die sogenannte „Umschuldung“. Unfassbar, ein Krieg wäre nötig gewesen. Seitdem die Unterschicht die Führung übernommen hatte, ging es mit ihm bergab. Nicht mal ausreisen konnte er, denn andere Staaten waren von alleine dem Beispiel gefolgt. Wut stieg in ihm auf. Der Unterschicht würde er ihren Platz zeigen, ganz unter, unter ihnen, den Hochwohlgeborenen. Ein Benzinkanister stand unbewacht herum. Er würde sich damit Molotowcocktails bauen, die Stadt damit auf seine Lage aufmerksam machen, die Flaschen könnte er sich schnell bei seinen Kindern besorgen. Welch bittere Ironie. Sie hatten zum Alkohol gegriffen. Keine Zukunft mehr, einfach nur vergessen. Er genoss das Gefühl auch und gesellte sich deshalb häufig zu ihnen. Aber nun zur Tat. Mit leisen Schritt schnappte er sich den Kanister, schaute sich verstohlen um. Niemand hatte ihn gesehen. Pech, dass die neuen Herrscher der Stadt die Kameras abmontiert hatten. Sicherheit durch Talent. Er lachte. Man sah ja wohin es führte. Er machte sich auf den Heimweg zur Brücke, die ihnen nebst Alkohol wenigstens ein wenig Wärme schenkte. Noch so ein Punkt. Warum wollte ihn niemand anstellen oder aufnehmen? Es waren doch alles Arschlöcher. Mittlerweile war er bei seiner neuen Heimat angekommen, weit reisen konnte er ohne einem Auto nicht und die gesamte Stadt war autofreie Zone. Mit Fahrrad fahren? Zu anstrengend.
Leere Flaschen standen in großer Anzahl neben seinen schlafenden Kindern, das Benzin ran gierig durch den schmalen Hals hinein. Stoff bräuchte er noch und ein Feuerzeug, beides besorgte er sich bei seinen Kindern. Es würde niemanden auffallen, dass deren Lumpen nun noch zerfetzter waren. Gesagt getan und seine Kinder schnarchten weiter. Ekelhaft ihr Atem.

Das erste Molotow-Cocktail warf er mitten in einer Menschenmenge, das zweite in ein Kaufhaus. Brennende Menschen spritzten auseinander, der Feueralarm heulte, doch keine Panik brach aus. Ein Passant löschte schnell das Feuer im Kaufhaus, der Rest wälzte sich das Feuer aus und schaute ihn wütend an. Waren nur selbsternannte Krieger, warum fürchten?
„Hey Arschlöcher, wieso habt ihr mich auf die Straße abgeschoben und die Schulden überlassen?“
„Weil du ein Arschloch bist.“
„Ich verbitte mir diesen Ton.“
Es formierte sich ein Menschenkreis um ihn. Immer mehr Zuschauer kamen und verstopften sämtliche Fluchtmöglichkeiten. Na gut, dann würde er sich eben einen Weg bahnen. Er zündete ein weiteres Molotow-Cocktail und warf es in die Menge. Einer fing es auf und warf es zurück. Flammen züngelten um ihn, Schmerzen in ihn. Verdammtes Arschloch.
„Warum rennt ihr nicht?“, keuchte er schmerzerfüllt, auf den Boden wälzend. Das Feuer erlosch, die Schmerzen blieben.
„Sehen wir feige aus? Wir sind Krieger! Los auf ihn.“
„Haltet ein. Ihr seid doch gute Christen.“
„Christen? Nie gewesen. Gottgewollt arm und unfrei? Man sieht das Gegenteil, wir haben dafür gekämpft. Freiheit muss mit Blut verteidigt werden.“
„Du aber bist ein Jude.“, Kratin deutete schweißnass auf einen alten Klassenkamerad, von dem er wusste, dass er jüdisch war.
„Jude? Nie gewesen.“
„Irgendwelche Gläubigen?“, ein verzweifeltes Aufstöhnen.
Die Masse schüttelte den Kopf. Ein Jugendlicher schnauzte ihn an: „Warst du nicht mal ein großer Verfechter der Todesstrafe?“
„Nein.“, log er. Sicher wussten es die Anderen. Angst weitete seine Augen.
„Sicher. Du hast meine Kumpels umgebracht. Tötet diese Schlange!“
Messer wurden in ihn gerammt. Er sah nur des Blutes Rot, dann nichts, nie mehr.

Ende

Nachwort: Diese Geschichte ist ziemlich heftig. Ich hoffe es stößt sich niemand daran.

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