Der Geheilte Verbrecher


Akt 1:
(Ein alter Mann, gramvoll gebeugt in am Schreibtisch einer kleinen Wohnung. Es klingelt. Der Mann öffnet die Tür und findet sich Polizisten gegenüber)
Mann: Guten Tag! Welch Freude euch zu sehen. Was ist euer Begehr?
Polizisten (bedrückt): Guten Tag! Im Rahmen einer Großfahndung nach verbotenen Schriften,
welche gestern in den Umlauf kamen, kommen wir mit einen Hausdurchungsbefehl her.
Mann (ängstlich): Sie kennen mich. Ich habe nie was getan, was der Menschheit geschadet hat.
Polizisten: Mag sein, aber falsche Ansichten werden bestraft, auch in Demokratien. Ich hoffe, Sie sind ein redlicher Mensch, wie wir ihn kennen und schätzen.
Mann: Das bin ich wahrlich nicht. Ein jeder hat eine Bestiennatur.
(Polizisten durchsuchen die Wohnung, kommen missmutig wieder.)
Polizisten: Sie haben ein Tresor. Bitte öffnen.
Mann (zitternd): Tun Sie’s nicht. Verzichtet bitte, Freunde.
(Polizisten schauen sich ratlos an.)
Polizisten: Befehl ist Befehl. Öffnen Sie den Tresor!
(Der Mann geht in seine Wohnung und öffnet den Tresor. Geld und ein Papierstapel liegen darin. Die Polizisten holen den Papierstapel und lesen ihn sich durch. Bestürzt sehen sie auf.)
Polizisten (ernst): Sie sind verhaftet, wegen Menschenhass. Wir sind bestürzt uns in Ihnen getäuscht zu haben.
Mann: Hab ich je was verbrochen, außer meiner Meinung? Hätte ich je in meinen Leben jemanden was zuleide getan?
Polizisten (barsch): Das interessiert uns nicht. Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Mann: Und die Würde der Freundschaft?
Polizisten (verärgert): Freunde? Vergangenheit!
(Die Polizisten schlagen wütend den Mann bewusstlos.)

Akt 2:
(Riesiger, pompöser Gerichtssaal, viele Zuschauer, ein Angeklagter, sein Anwalt mit Ringen unter den Augen, Zeugen und ein Richter. Der Anwalt schlürft seinen Kaffee, der Richter redet mit einer harten Stimme.)
Richter: Es beschämt mich, mich in Ihnen getäuscht zu haben. Sie haben die Menschenwürde mit den Füßen getreten. Hier die Beweise – Ihre Schriften.
(er zieht den Stapel Papier hervor und legt sie den Angeklagten auf den Tisch)
Angeklagter: Das ist meine eigene Kritik, nicht jene, nach denen ihr per Großfahndung gesucht habt.
Richter: Auch selbstgeschriebene Kritik an der Menschheit wird mit der Todesstrafe geahndet. Zum Glück waren nur Sie es, der sich daran ergötzte auf Kosten der Würde des Menschen, und haben andere nicht auf den falschen Pfad gebracht.
Angeklagter: Die Beweise sind wasserdicht, der Mensch ist schlecht.
(Raunen geht durch die Reihen der Anwesenden)
Richter: Kein Abstreiten? Was erwarten Sie von Ihren Geständnis?
Angeklagter: Ich erwarte meine Freilassung, weil ich kein Verbrechen beging. Ich habe niemals einen Menschen zerstört oder geschädigt, wie es viele hier Anwesenden auf die ein oder andere Art gemacht haben. (schlägt auf den Tisch und schreit)
Ich war es, dem der Glaube an der Menschheit durch ihre Taten genommen wurde.
Richter: Auf das Verbrechen an der Menschlichkeit steht Todesstrafe. Gibt es Einsprüche?
Anwalt (verzweifelt): Was hat er denn, außer seiner Meinung verbrochen? Seine Gutmütigkeit? Wo bleibt die Menschlichkeit?
Richter: Abgelehnt. Er hat den Menschen als bestialisch verurteilt.
Angeklagter (hysterisch lachend): Warum hatte ich Recht? Recht tötet nur.
Zuschauer (Sprechgesang): Tötet ihn! Tötet ihn!
Angeklagter (verzweifelt): Jetzt sitze ich im Gericht der Bestien und weiß das Urteil schon.
Zuschauer (Sprechgesang aus Schreien): Tötet ihn! Tötet ihn!
Richter: Das Urteil ist gefallen: der Tod. Hat der Angeklagte einen Wunsch zu seiner Todesart? Wir würden ihn eine schnelle Hinrichtung spendieren. Jetzt, sofort.
Angeklagter: Ich wünsche mir den Tod durch eine Kugel aus der Hand euer Ehren.
Richter (entsetzt): Niemals.
Angeklagter (selbstsicher): Irgendwer im Raum, der dieses vollbringt?
(Schweigen. Anwalt atmet erleichtert auf und trinkt einen Schluck Kaffee.)
Richter (kalt): Dann soll er durch die Spritze sterben.
(Der Anwalt verschluckt sich vor Schreck.)

Akt 3:
(10 „mutige“ Leute stehen an jeweils einen Knopf der Todesmaschine mit fünf Spritzen. Alle schlottern vor Angst den Knopf zu drücken, welcher den tödlichen Mechanismus in Gang setzt. Die vorherigen Zuschauer schauen beim nächsten Schritt seiner Todesreise zu. Der Anwalt steht neben der Liege, auf welcher sein Mandant gefesselt liegt. Schwarze Schläuche führen zum Verurteilten.)
Pfarrer (überlegen): Ich vertrete die Menschlichkeit. Er soll dahinscheiden.
Anwalt: Und ich die Gerechtigkeit. Lasst ihn frei. Beweisen Sie, dass dieser Mann nicht Recht hat. Tod und Zerstörung – das passt doch nicht zum Menschen, oder?
Pfarrer (kalt): Er soll sterben.
(Die Zehn drücken zitternd ihre Knöpfe. Die erste Spritze wird injiziert Der Angeklagte fängt an leicht zu zittern)
Angeklagter: Tun Sie’s für Gott, für die Barmherzigkeit. Lassen Sie mich leben.
Pfarrer: Hier herrscht der Mensch, der Vertreter Gottes. Wehe seinen Kritikern.
Anwalt (sarkastisch): Und was macht er? Seine Menschlichkeit verscherbeln für die Unantastbarkeit des Menschen.
Pfarrer (fanatisch): Wir sind PERFEKT und vernichten das Unrecht. Weh dem Kritiker, den Bösen, Satan, den Richter.
(Die zweite Spritze wird injiziert. Der Angeklagte zittert heftiger. Seine Mimik drückt Schmerzen aus.)
Angeklagter (gequält): Wie erträgt Gott bloß seine Brut?
Wundert euch nicht über eine Sintflut.
Einzelner Zuschauer: Geht’s nicht schneller?
Pfarrer (erhaben): Gott wird nie seinen Schützlingen was tun. Er verachtet die Menschenhasser.
(Dritte Spritze. Blut fließt aus dem Mund des Angeklagten.)
Angeklagter (stöhnend): Doch hat er sie je angetastet?
Pfarrer: Alle müssen Menschen lieben. Kein Zweifel darf da sein.
Angeklagter (wütend): Eure Taten sprechen eine ganz andere Sprache. Arme foltern, Kritiker exekutieren.
(Vierte Spritze. Der Angeklagte wird schwächer und zittert schwächer.)
Pfarrer (fanatisch): Fahr zur Hölle mit deiner unmenschlichen Meinung.
Angeklagter (röchelnd): Bedenket euer steinern Herz, woraus der Himmel ist gemacht. Jetzt die Todesglocke läutet. Für mich, für euch, in Ewigkeit!
(Fünfte Spritze. Der Angeklagte erschlafft)
Arzt (fühlt Puls am Hals): Er ist tot.
(Jubel bricht aus. Der Anwalt steht verloren neben der Liege seines toten Mandanten.)

Akt 4:
(Zweigeteiltes Feld: Die himmlische Seite hat ihren alten güldernen Glanz verloren und gleicht einer Großstadt. Ein Teil des Glanzes ist jedoch in für Menschen unerreichbaren Höhen erhalten geblieben. Aber selbst dort versuchen Wagemutige das Gold abzukratzen
Die höllische Seite hingegen glänzt schwärzlich und ist noch in voller Pracht. Einige Menschen kommen von der himmlischen Seite und versuchen den schwarzen Glanz abzukratzen. Satan und einige anderen Höllenwesen gehen zitternd zu ihnen hin.)
Satan: Hört sofort auf! Hier gilt unser Recht. Nicht das des Menschen.
Menschen: Ihr seid böse und habt keine Rechte. Kniet nieder vor euren wahren Herrn, uns.
Satan: Na wartet. Ich werde nicht eher ruh’n –
Gottes Stimme: Nein, du wirst ihnen nichts antun,
sonst bist du tot.
(Ein Dämon erscheint bei den Höllenwesen.)
Dämon: Hinweg mit dieser Menschenbrut! Zu Tode verurteilt haben sie mich wegen Kritik an ihr. Was beschädigen die Verwegenen unsere Welt, missachten unsere Gesetze? Tötet sie alle!
Höllenwesen (ängstlich): Wer sie tötet, durch Gottes Hand falle.
Dämon: Elende Feiglinge! Gott soll kommen und mich bestrafen.
Verdammt sei er mit seinen Paragrafen.
Ich ihn niederstrecken und Recht vollziehen
oder er einem Feigling gleich tut fliehen.
(Rote Blitze zucken und strecken die Menschen nieder.)
Satan: Recht hast du. Gott soll es wissen.
Schließlich bin ich sein Gewissen.
(Gott erscheint.)
Gott (erbost): Was musste ich hören? Was tu ich sehen?
Satan (erzürnt): Schau an, was deine lieben Menschen machen.
Und dein Gewissen verbannt in der Hölle Rachen.
(Vollführt einige Handbewegungen. Gott zittert daraufhin.)
Gott (entsetzt): Oh Grauen, was habe ich getan?
Satan: Du siehst, ich war immer ein guter Richter.
Gott: Dein soll meine Krone sein, mein treuer Knecht.
Und ihnen, das Ende. Ade schöne Himmelslichter.
(Gott zerbricht den Himmelschlüssel. Sofort verschwindet die Himmelsstadt in Dunkelheit. Gott setzt nach einer wehmütigen Pause, dem knienden Satan die Krone auf. Dieser kniet anschließend vor dem Dämon.)
Satan (ehrfürchtig): Dein soll sein die Rache, das Recht.

Akt 5:
(Verwahrloster Friedhof. Die Zuschauer und der Pfarrer folgen ihren Feind weiter. Die Zuschauer organisieren sich in einer Menschentraube, der Pfarrer und der Anwalt stehen sich alleine gegenüber. Ein Grabstein steht neben den offenen Grab. Er trägt die Aufschrift: „Fahr zur Hölle“.)
Pfarrer: So geht es jenen, die am Menschen zweifeln. Los wagt es, die Hölle ist hungrig.
(Jubel erschallt, während der Anwalt traurig seinem toten Mandanten einen Blumenstrauß ans Grab legt. Eine dunkle Wolke zieht auf.)
Dämon: So hier bin ich. Tot und in der Hölle, ein Paradies gegen den Himmel. Die Wände grau, die Straßen schwarz, das Gold ist weg, wie Engel, Wolken, Seelen auch. Alles verhökert in Geschäften. Ihr seid verderbt und zwar nicht von meinen Herren, sondern von den euren, euch selbst.
Gott hat deshalb gerade eure Sündenzuflucht Himmel vernichtet.
Und ich bin der Auserwählte, der auf Erden richtet.
Pfarrer: Wie kannst du Dämon es wagen, die Wahrheit zu sagen?
Die Wahrheit bringt nur das Gericht. Für uns das letzte, was wir brauchen können. (1)
Dämon: Korrekt. Dazu bin ich da.
(Blitze kommen aus der Wolke und erschlagen die Menschentraube. Der Pastor steht geschockt da.)
Pfarrer (verzweifelt, schaut gen Himmel): Wo bist du Gott?
Hast uns verlassen?
Alle deine Schöpfung hassen.
Gott: Ich gab aus Schande Satan die Macht.
Welch Gräueltat habt ihr nicht gemacht?
Pfarrer (erbost): Wie kannst du es wagen? Wir haben dich geachtet.
Gott: Ich gebe zu ich habe Menschenhasser verachtet,
doch niemals nach ihren Leben getrachtet.
Dämon (vergnügt): Mein darf jetzt die Rache sein.
Bereit zu sterben, ganz allein?
Pfarrer (erbost): Wie kannst du es wagen? Wir haben dich behütet und beschützt.
Dämon: Meine Meinung habt ihr geschaffen, meine Gutmütigkeit ausgenützt (er stockt)
und mich verraten!
(Den Pfarrer trifft ein Blitz. Er kippt tot um. Die Wolke zieht weiter. Schreie sind zu hören und Feuerschein ist im Hintergrund zu sehen. Im Vordergrund der einzige Überlebende: der Anwalt.)
Anwalt (verzweifelt): Was habe ich falsch gemacht? Ich wollte friedlich die Menschheit reformieren, nicht zu Tode geleiten.
Dämon: Was nützt das Wort, der Mensch will Macht.
Moral, Vernunft er umgebracht.
Was nützt das Wort, der Mensch ist böse,
sein Recht verbreitend per Kampfgetöse.
Anwalt: Was ist mit mir? Ich bin in der schlimmsten aller Höllen. Der Tod ist mein Ende und ich bin allein.
Dämon: Zu mir!
(Der Anwalt wird mit einen Schmerzensschrei vom Boden verschluckt)

Ende

Dank an G.A. für die Verbesserungshinweise

(1) Satz doppeldeutig: Anspielung auf letztes Gericht, was gebraucht werde und gleichzeitig Abwertung vom Gericht

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Die Armee der Idioten


Es war einmal eine Affenart namens homo sapiens. Schon ihre Verwandten, die Schimpansen, gebärdeten sich aggressiv, doch ihr Verhalten trieb dieses auf die Spitze. Sie setzten sich zur Wehr, gegen fremde Meinungen und andere Länder. Sie zerschossen deshalb die Anonymität, sodass bald jeder nackt war. Ihre Landesbrüder wurden durch ihre Hände vernichtet, weil sie andere Meinungen äußerten oder kriminalisierte Handlungen begangen. Das Ausland verbreitete und praktizierte diese immer noch. Unvorstellbar, weshalb sie vernichtet werden mussten. Stolze arbeitsfähige Männer und Frauen zogen in den Krieg. Sie beschossen sich aufs Ärgste, weil nur ihre Meinung die Richtige war. Bomben wurden eingesetzt, alles in die Luft gejagt. Zerzaust kämpften sie weiter für ihre Ideologie. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel, plötzlich ging ihnen die Nahrung aus. Sie mussten vor Hunger kapitulieren, welcher sie in ihre Heimat zurücktrieb. Doch dort fanden sie nur Leichen. Der Boden war zu verwüstet, der Himmel zu düster für Landwirtschaft. Hunger zwang sie dazu Leichen zu fressen, doch sie waren zu viele hungrige Individuen. Kannibalismus an Lebenden flammte auf. Man kämpfte um sein Leben. Der Stärkere fraß den Verlierer. Immer weniger Menschen, noch wenige, einer alleine. Dieser überlebte einen Tag, dann folgte er den anderen in den Tod.
Bakterien schlüpften aus den Mägen ihrer toten Wirte. Sie tauschten mit ihren wildlebenden Artverwandten Erbgut. Fremde Informationen flossen durch ihr Cytoplasma, passten sie an ihre unwirtliche Umgebung an. Sie wuchsen und wuchsen. Immer mehr Bakterien bevölkerten die Erde. Riesige Kolonien bildeten sich. Langsam verzogen die Wolken und gaben den Blick auf die Sonne frei. Photosynthese begann erneut. Und so belebten die Bakterien die Erde wieder, glücklich bis ans Ende der Erdtage.

Ende

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Der Andere


Hans war anders. Er wusste nicht wieso, nur dass er der Gesellschaft auffiel. Er war weder Jude noch Nazi noch in irgendeiner Weise radikal. Seine abstrusen, aber friedfertigen Gedanken verschwieg er, später, nach einigen Jahren Ausgestoßensein, kamen natürlich Mordgedanken hinzu. Er wehrte sich allerdings gegen diese, versuchte das Gute im Menschen zu sehen, doch bekam nur dessen bestialische Seite zu Gesicht.
In der Schule schrieb er nur schlechte Noten, weil die Lehrer ihn nicht verstanden. „Du musst besser lernen.“, rieten ihm die Lehrer. Doch das tat er, zwei Stunden jeden Tag, trotz Mobbing, trotz Gelächter der anderen. In dieser Zeit manifestierten sich seine Mordgedanken, er wollte Rache.
Und stand auf einmal ohne Abschluss auf der Straße, ja selbst seine Eltern hatten ihn verstoßen. Arbeitslosengeld beantragen schaffte er mit Müh und Not, weil er keine Ahnung hatte wohin und was. Irgendwelche Weiterbildungen musste er mitmachen, schaffte sie einigermaßen, Bewerbungen musste er schreiben, worauf aber nur mit: „Es tut mir leid. Sie denken zu abstrus.“, geantwortet wurde.
Endlich kam ein Arzt auf die glorreiche Idee und deklarierte ihn als psychisch behindert.
Es ging ihm besser als zuvor. Er hatte eine Betreuerin mit der er sich unterhalten konnte, hatte Geld zum Zeitungslesen, musste nicht mehr sich bewerben oder Weiterschulungen mitmachen. Die Mordgedanken verschwanden vollständig. Stattdessen schrieb er seine kruden Ideen auf und veröffentlichte sie in einen erfolgreichen Buch, an dessen Gewinn er seine beiden Helfern großzügig beteiligte.
Einige Monate entspannte er sich im Glücksrausch, ging freudig durch die Stadt zu Vorlesungen, machte sich Notizen fürs nächste Buch, welches über die Andersartigen gehen würde. Er las sogar über die Berichte von Anschlägen in den Zeitungen hinweg, sich mehr um Artikel über soziale Probleme kümmernd. Es war traurig mitanzusehen wie sich die Zahl der Anschläge und anderer Morde vervielfachte, als die sozialen Konflikten zunahmen, aber niemand außer ihn den Zusammenhang herstellen vermochte. Plötzlich kehrte er in seiner verwüsteten Wohnung zurück. Aber nein es war kein Anschlag, nein, eine Hausdurchsuchung. Seine beiden Helfer standen leichenblass neben der Haustür, während die Polizei umherwühlte.
„Was soll das?“, schrie er die Polizisten an.
„Hans, Sie sind eine Bedrohung geworden.“, antworteten sie in ernsten Ton.
„Wie kommt ihr drauf? Ich will niemanden schaden.“
„Ihre Ideen stimmen nicht mit der Verfassung überein. Wir sind eine wehrhafte Demokratie.“
„Ja und? Wer gibt euch das Recht die Meinungsfreiheit zu missachten? Geschweige denn eine Wohnungsdurchsuchung ohne handfeste Gründe durchzuführen? Ich kenne kein Gesetz.“
„Ihr Eintrag in der Warndatei, den Ort wo alle Andersdenker festgehalten werden. Leider können wir noch nicht Köpfe durchleuchten, aber bei Ihnen haben wir einen Volltreffer gelandet. Ihre Notizen für das neue Buch sind widerwärtig, wir werden sie konfiszieren. Zum Glück gibt es dafür den Jugendschutz.“
„Was? Ich will bloß ein Buch über Leute wie mich schreiben.“
„Sie kritisieren die Gesellschaft. Alle Attentäter sind Kritiker.“
„Ich kritisiere mit guten Recht. Ich habe unter ihr gelitten, aber töten würde ich nicht.“
„Trotzdem ist es gegen die Menschenwürde die bestialische Seite der Gesellschaft zu beschreiben.“
„Aber genau so führt sich die Gesellschaft auf. Deshalb gibt es die Attentäter. Ich will euch helfen aus eurer Misere zu kommen.“
„Mag sein. Aber Gesetz ist Gesetz.“
„Eure Bibel.“
„Ja unsere Bibel. Und es muss strikt befolgt werden. Abweichler sind Verbrecher.“, bügelte ihn einer der Polizisten mit einen belehrenden Unterton ab. Als wäre er ein Kind. Er war 23.
Die nächsten Tage packte er seine Sachen und wollte ins Ausland fliehen, doch es gab kein Land, das ihn haben wollte. Alle hassten die Fremden, es sei denn sie hatten viel Geld oder Wissen, was er, als mittelklassiger Autor, nicht hatte. Er entdeckte in seinen Helfern wahre Freunde, als diese mit ihm verzweifelten und ihn nicht aus Furcht vor Ausgrenzung verließen. Schließlich kauften sie sich ein solarzellenbetriebenen Fischkutter, Proviant und ein Gewächshaus samt Erde und Samen von diversen, anspruchslosen Feldfrüchten. Sie flohen hinaus auf das offene Meer, die letzte herrschaftslose Zuflucht. Das Funkgerät benutzten sie als Radio, ein wenig Überblick über die Geschehnisse wollte er nun doch behalten. Andersartige wurden entweder abgeschoben oder eingesperrt. Oder in einigen Ländern gar umgebracht. Die bedauernswertesten Andersartigen wurden aus ihrem Asyl in Vernichtungslager „zurückgeführt“. Erbarmen war ein Fremdword geworden.
Hans und seine Freunde waren froh endlich frei zu sein. Als Offshore-Bauern gelang es ihnen im ersten Jahr reiche Ernte einzufahren, was unter anderem daran lag, dass sie sich das perfekte Wetter zusammensuchen konnten. Sie hatten sogar einen so großen Überschuss, dass sie ihn an Regierungen verkaufen mussten, gegen Gold und Schreibmaterial natürlich.
Die letzte Zeile seines neuen Buches vollendet , hörte er im Funkgerätradio, dass die Regierungen begannen Antipiraterieprogramme aufzustellen, dabei war ihnen nicht ein einziger Pirat begegnet. Eine kurze Anfrage per Funkgerät, was das sollte, wurde mit: „Wir brauchen mehr Sicherheit für unsere Frachter.“, beantwortet. Er stellte entgegen, dass noch nicht ein einziger Pirat seinen Weg gekreuzt hatte. Sie lehnten ab mit der Begründung es gäbe irgendwo Piraten. So verging ein weiteres Jahr, es kreuzten immer mehr Kriegsschiffe ihren Weg. Wieder reiche Ernte, diesmal tauschte er sie und die Goldbarren in bessere Motoren, Solarzellen und Akkus um. Länger mehr Geschwindigkeit, sie mussten fliehen können. Es verging ein halbes Jahr Isolation, als plötzlich Kriegsschiffe auf sie zusteuerten.
„Ergeben Sie sich sofort.“, kam es durch das Funkgerät. Sie gaben Gas, das Kriegsschiff ließen sie zurück, doch immer mehr Kriegsschiffe nahmen Kurs auf sie.
„Was soll das? Wir wollen nur in Frieden leben.“, brüllte Hans ärgerlich ins Funkgerät.
„Tut mir leid, Hans. Sie sind anders, Sie sind eine Bedrohung.“
Sie flohen Tag und Nacht, doch das Meer war auch nur eine Pfütze. Das Meer um sie färbte sich schwarz, die Akkus halb leer. Ein paar weitere Tage fanden sie sich umkreist wieder. Wohin sie nur schauten, Kriegsschiffe. Der Kreis zog sich enger, enger. Hans ergab sich, seiner Crew zuliebe. Man „führte ihn zurück“ in sein Heimatland, die Hölle auf Erden.
„Mitkommen!“, schnauzten zwei Polizisten am Hafen und zehrten ihn in einen Gefangenentransporter. Verstörte ängstliche Gesichter, einige beteten, als würde ein Gott sich ihnen erbarmen. Der Transporter hielt abrupt. Die Tür öffnete sich. In ihr zwei Männer mit Elektroschockern, die sie wie Vieh aus dem Wagen, auf den Vorplatz eines Lagers scheuchten.
Alles war rußschwarz von tausenden lodernden Feuern aus Kunst. Rußgeschwärzte Zuschauer bewarfen sie gröhlend mit allerlei Unrat. Einige von ihnen demolierten einen schon verbogenen Metallschriftzug: „Nie wieder“.
Gefangene bildeten eine Reihe, die in ein stacheldrahtumzäuntes Lager hineinführte. Mit gesenkten Kopf trat Hans in der Reihe ein. Sein Vorgänger brüllte: „Ihr seid bestialischer als alle Verbrecher, die ihr unschädlich macht, zusammen.“. Kopfschuss.
Ein Weiterer brüllte. „Scheiß Nazis.“
„Wir sind keine Nazis, wir sind eine wehrhafte Demokratie.“, antwortete ruhig ein Aufpasser.
„Ihr steht nicht mal zu euren Dasein. Erbärmlich.“
Ein weiterer Schuss fiel.
„Die Diktatur des Abschaums war angebrochen.“, dachte Hans insgeheim, „Marxs und Engels Traum ins Grauenhafte verdreht.“
Er bekam im Arbeitslager die Aufgabe, die Toten von den täglichen Exekutionen zu begraben. „Es ist ein Vernichtungslager.“, dachte Hans für sich insgeheim, sprach sich allerdings nicht gegen den offiziellen Namen aus.
Er stand schon in der Reihe der nächsten Toten, als ihm ein Brief von seinen beiden Freunden in die Hand gedrückt wurde. Sie hatten einander geheiratet und bedankten sich bei ihm für sein Opfer. Sein Buch würden sie gut verwahren, bis es veröffentlicht werden konnte, stand versteckt zwischen den Zeilen. Tränen fielen hinab auf den Brief, verwischten die Tinte an einigen Stellen ins Unkenntliche.
„Zeig her!“, forderte ein Aufseher.
„Niemals.“, er zerriss den Zettel in tausend Stücke, die er gen Morgenhimmel flattern ließ. Ein Schmerz durchdrang sein Herz, ein weiterer seine Lunge, dann entschwand sein Geist aus seiner Albtraumwelt.

Ende

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