Angenehme Reise


Lasst mich von meiner Reise mit der Eisenbahn erzählen. Unglaublich, was mir dort widerfahren ist. Zunächst musste der Zug auf offener Strecke halten, eine Schafherde lief über die Gleise. Nach ungefähr einer halben Stunden waren die Schafe eingefangen, die Strecke kontrolliert und der Zug konnte weiterfahren. Dementsprechend war die Stimmung. An der nächsten Haltestelle setzten sich eine lauthals auf die Eisenbahn schimpfende Frau mit ihren dreijährigen, quengelnden Kind, ein glatzköpfiger, tätowierter junger, aber blasser Mann und ein alter Mann in mein Abteil. Mir war von Anfang an der Glatzkopf sympathisch; er strahlte eine deprimierte Ruhe aus.
Sekunden nach der höflichen Begrüßung ging der Terror los. Die Frau nahm ihre Zeitung heraus, während ihr Sohn mit seiner lärmenden Spielkonsole daddelte. Sie las einige Zeilen, bevor sie lauthals schimpfte:
„Dieses Islamistenpack, warum wirft man sie nicht alle raus? Muslim, Islamist ist alles das Gleiche.“
Der alte Mann nickte mit den Kopf, ich überlegte mir etwas zu sagen, hatte aber zuviel Angst vor dem Glatzkopf. Zu meinem Überraschen, hob der Glatzkopf seinen Kopf und antwortete mit einem starken polnischen Akzent:
„Mit der Sicherheit wird hier eindeutig übertrieben. Stattdessen solltet ihr euch um eure Kinder kümmern. Motiviert sie zur Schule, lasst sie nicht in die Gosse abgleiten!“
Eine Sekunde war Stille abgesehen von der Musik der Spielkonsole im Hintergrund. Ein triumphierende Geräuschfolge erklang aus dem Spielgerät. Das Kind war ein Level weiter, die Mutter auch mit ihren Gedanken
„Von Ihnen Mister Superschlau lasse ich mir keine Erziehungstipps geben!“, fuhr sie den Glatzkopf wie eine Furie an.
„Es war nicht böse gemeint. Meine Kindheit, ich war wie Ihr Sohn, so unschuldig.“, stammelte der Glatzkopf sichtlich erschrocken. Die Hand des alten Mannes klatschte auf die Glatze des Glatzkopfes, während er sich empörte:
„Unverschämtheit! Ein Nazi schiebt alles auf eine böse Kindheit! Das ist ja die schönste Ausrede für die ganzen Vergasungen.“
„Ich bin kein Nazi!“, der junge Mann stand wütend auf, er war ein Hüne, „Seit Jahren hackt man nur auf mir herum! Ich kann Klavier und Geige spielen, dichten, singen, aber man sieht immer nur mein Äußeres. Außerdem bin ich Pole!“
„Polen haben den Nazis beim Judenvergasen geholfen.“, murmelte der alte Mann und fuhr auf. Dabei stieß er dem Jungen die Spielkonsole aus der Hand. Sie rutschte zu mir. Ich hob sie auf, damit sie nicht unter den Füßen der Wütenden zertrampelt würde.
„Scheiß Autodiebe!“, krakeelte die Frau, „Geh zurück wo du hingehörst: ins Gefängnis.“
Dem jungen Mann kamen die Tränen. Das kleine Kind sprang plötzlich auf meinen Schoß, um den Glatzkopf auf die Glatze zu schlagen.
Es sprang unerlässlich, um die Glatze zu erreichen und rief „Glatzen klatschen! Glatzen klatschen!“ dabei. Es tat mir zweimal weh. Einmal wenn die spitzen Stiefelchen sich nach einem Sprung in meine Beine bohrten, ein anderes Mal wie mit dem Ausländer umgegangen wurde. Mir reichte es und ungehalten, wie ich war, fuhr ich hoch.
„Das ist also deutsche Gastfreundschaft? Pfui über euch alle und erzieht eure Kinder, bitte richtig!“
Ich war giftig, richtig giftig. Es war ein Triumph meiner Vernunft die Spielkonsole auf ein Tischchen abzulegen anstatt sie fallen zu lassen, bevor ich nach meiner Tasche griff.
„Haben Sie Gepäck?“, fragte ich den Polen. Dieser schüttelte den Kopf. Hatte der Pole überhaupt eine Fahrkarte? Ich spürte plötzlich meine Hand eine Fahrkarte entwenden, ein schön-rächend und unschön-was-wenn-erwischt-werden Gefühl. Aber das wurde ich nicht, es erschallte ein Weinen. Als ich aufgestanden war, war das Kind mit dem Kopf gegen die Mülltonne geknallt und war kurze Zeit mit einer Platzwunde bewusstlos gewesen.
„Du Bestie…“, wir verließen schnell das Abteil. Ich wählte eines am anderen Ende des Zuges. Mir fiel auf, dass die Gesichtszüge des Polen langsam versteinerten. Als wir uns setzten, hatte ich das Gefühl einen Massenmörder gegenüber zu sitzen.
„Danke“, murmelte der Glatzkopf, „Ich bin Tomek. Sieben Jahre, sieben Jahre und sie höhnen immer noch. Wann werden die Geister endlich Ruhe geben?“
„Welche Geister?“, fragte ich erschrocken.
„Geister ist der falsche Ausdruck. Die Gesellschaft. Ich bezeichne sie gerne als Geister, weil sie überall ist. Die sieben Jahre. Ich saß wegen Mord.“, Tomek wurde apathisch, „Ich will mich bessern, ich will mich bessern! Hoffentlich hat meine Schwester Verständnis.“
„Warum haben…“
„Du“, fuhr mir der Pole dazwischen, „Ich bin es nicht wert gesiezt zu werden.“
„Ok, warum hast du gemordet?“
„Mein Herz wurde kalt von Demütigung. Du musst wissen, ich bin in einen Ghetto geboren, als Sohn einer geizigen Karrierefrau. Sie war so herzlos in der trostlosesten Gegend zu wohnen, um Geld zu sparen und dann war sie nie für uns da. Die Gang wurde mein zweites Heim. Dann mit sechs ging ich in die Grundschule, ja ich ging dorthin und hatte schlechte Noten. Schließlich saugte die Gang an meinen Kräften. Ich fühlte mich schwach und verhöhnt bis zu jenen Tag. Die Gang hatte mir Drogen verabreicht, Alkohol. Ja, es war der Tag an dem ich das Morden und Lügen kennenlernte. Sie waren vier zu eins, die Flasche an meinen Mund. Nach wenigen Zügen fühlte ich die Befreiung. Ich zerschlug die Flasche und tötete sie alle mit den Scherben . Keine Zeugen, kein Ärger und ein Gefühl der Zufriedenheit. Meiner Gang erzählte ich, dass es eine gegnerische Gang gewesen sei und dann konnte das Spiel beginnen. Meine Gang merkte schnell wie ich zum Töten stand. Es war meine Droge, sie puschte mich und meine Noten. Bald ging ich aufs Gymnasium, war angesehen und verrufen zugleich. Dann letzte Klasse, kurz vor dem Abitur, verriet mich meine Gang, ich sollte untergehen und werden wie sie.“, der Pole schlug die Faust in seine Hand, „Das haben sie nicht geschafft. Und so soll es bleiben. Kein Mord mehr! Nie wieder!“
Der Pole hatte mein Mitleid erregt.
„Wie viel Geld hast du?“, fragte ich. Er zeigte mir einen Zehner.
„Gut dann lege ich hundert drauf.“
Es waren zwei Scheine, hoffentlich eine gute Investition in der Kittung dessen Lebens. Er sollte kein Misanthrop werden.
Mit Tränen in den Augen nahm er das Geld an, dann saßen wir schweigend gegenüber. Der Schaffner kontrollierte uns nach einer Weile. Zu meiner Überraschung zog Tomek eine eigene Fahrkarte, anstatt die ihm heimlich Zugeschobene zu benutzen. Kaum war der Schaffner verschwunden, zwinkerte er mir zu und lächelte verschmitzt:
„Lektion Nummer 1 eines Meistermörders: Nie auffallen. Ich habe extra von dem wenigen Geld aus dem Kerker mir eine Fahrkarte gekauft.“
„Und Lektion 2?“, ich war gespannt.
„Schärfe deine Emotionen wie ein Messer. Sei nicht emotional, aber habe Spaß. Projektiere deinen ärgsten Feind in dein Opfer.“
Wir unterhielten uns anschließend über die tausenden Möglichkeiten einen Menschen umzubringen, ich weiß, etwas suboptimal für einen Mörder auf Abstinenz, aber ich war zu neugierig.
Stunden vergingen. Zufälligerweise mussten wir an der gleichen Haltestelle raus und es war nur noch eine Station hin bis wir ankommen würden, als wir plötzlich in einem Bauernkaff hielten. Schwere Schritte erklangen, unser Abteil schwang auf. In der Tür standen Polizisten.
„Was ist los?“, fragte der Pole mit Engelszunge.
„Sie haben eine Frau belästigt, sowohl sexuell als auch mit Naziideologie. Raus!“, brüllte einer der Polizisten. Ich wollte mich aufregen über die Lüge, aber der Glatzkopf bedeutete mir still zu sein.
„Ich bin Pole und leicht verstimmt über den Umgang von Deutschen mit Fremden.“
Daraufhin schlugen die Polizisten zu, Tomek wich gekonnt aus und floh aus dem Zug.
Er telefonierte gestern mit mir und berichtete mir, dass auch seine Schwester ihn verstoßen hat.
Ich werde ihn demnächst aufnehmen.

Ende

Fiktion, nicht Realität.
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