Der Wolfsmensch


Er kam aus dem Nichts, aus der Wildnis und stank erbärmlich als er sich als „Tnarrrr von Gor“ dem Einwohneramt von Farnheim meldete.
Man konnte ihn schwer verstehen, als wäre er aus einer anderen Kultur, trotzdem er wie es den Anschein hatte, in Farnheim aufgewachsen war. Viele Details erzählte er, von über sechzig Jahren, die er als sein Alter angab. Doch so alt sah er nicht aus. Er schien noch sehr jung zu sein.

Und noch rätselhafter war es, woher er die Besitzerurkunde von einer verfallenen Hütte im Wald hatte.
Geerbt, so sagte er. Sein Großvater wäre ausgewandert und sei vor kurzem gestorben.
Man glaubte ihn und gab ihm einen Ausweis, als Staatsbürger, als stolzer Einwohner von Farnheim.
Anfangs fürchteten noch einige Einwohner, Tnarrrr wäre ein Betrüger und wolle Sozialleistung erschleichen, ein Argument, dass sich schnell entkräftete, als er eine Stelle als Lagermitarbeiter annahm.
Seine Kollegen wussten von ihm nur Gutes zu berichten, dass er Kraft hatte wie ein Tier und mit Muskelkraft alleine ganze Paletten schleppen konnte.

So vergingen die Jahre. Mittlerweile war die Hütte renoviert und gepflegt und der seltsame Mann hatte sich sehr viele Wölfe angeschafft. Man konnte kaum einen Schritt in seinen Garten wagen, ohne freudig beschnüffelt zu werden.
„Ob das gut geht?“, fragten sich einige Einwohner besorgt. Doch das Tierschutzamt konnte nur vorbildliche Haltung attestieren. Selbst der Kot seiner Wölfe lag nirgendwo herum, nicht einmal auf den Waldwegen.
Doch noch immer schien eine Mauer zwischen Tnarrrr, dem „Wolfsmann“, und den Bürgern zu liegen. Nur selten traute sich jemand zu seiner Hütte, was meist der Postbote war.
Und der Postbote erzählte von befremdlichen Dingen: von einer Freundin, von magischen Runen und von befremdlichen Geschichten über die Hölle.
Die Priester war sofort Ohr, wollte schon Alarm schlagen, als sie bemerken musste, dass Tnarrrr überhaupt nicht aktiv in Erscheinung trat. Jede Mühe wäre vergebens, höchstens schädlich.
Abenteuerliebende Jugendliche könnten elektrisiert von Warnpredigten vom rechten Weg abweichen und den Sünder besuchen kommen, geschweige denn, der Ärger der Atheisten. Einfach nur totschweigen, die seltsame Erscheinung.

Und so vergingen weitere 20 Jahre. Tnarrrr arbeitete noch immer als Lagerarbeiter, hatte nicht einmal nach einer Gehaltserhöhung gefragt.
Er war körperlich jung wie vor Jahren, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die schon vor Jahren in Rente gingen oder als Greise Brotkrumen dazuverdienten.
Auf seine Rentenansprüche hatte er sogar gänzlich verzichtet.
Doch wie die Zeit verging, so verging auch die Toleranz. Die Tierschutzbehörden waren misstrauisch geworden, nachdem sie Jäger-Gerüchte hörten, die Wölfe seien, wie der Wolfsmann, jung geblieben und dann von einem ehemaligen Pfarrer über die Satanismusgerüchte unterrichtet wurden.

Sie kamen nachts, um Tnarrrr auf frischer Tat zu ertappen, schlichen sich heimlich in seinen Garten. Und tatsächlich, es flackerten Kerzen im Inneren der Hütte, während eine seltsame Sprache gesprochen wurde. Dann erblickten die Tierschutzmitarbeiter eine seltsame Rune an der Gartenpforte. Die Gerüchte schienen wahr zu sein.
Sie riefen die Polizei zur Verstärkung und klopften heftig. Plötzlich Stille im Inneren. Ein Trappen, Rennen. Die Polizei rammte die Tür auf und erstarrte vor Unglauben:
zwar hingen überall Kerzen, aber die Hütte war kein Satanistentempel, nur eine normale Wohnung mit vielen Wölfen. Doch Tnarrrr fehlte.
„Moment.“, rief seine Stimme vom Bad her, „Ich komme…“
Die Polizisten wollten nicht warten und rammten die Tür ein, wo sie einen nackter Tnarrrr und eine Wölfin vorfanden.
„Sodomie also.“, staunten die Tierschutzmitarbeiter. Man zerrte Tnarrrr hervor, der daraufhin die Eindringlinge wütend zur Tür zu Schleifen begann.
„Eindringen und mich der Sodomie zu beschuldigen, das ist die Höhe! Komm Farna!“, rief Tnarrrr empört. Etwas tapste, aus dem Bad kam auf einmal eine wunderschöne Frau.
„Seht ihr!“, schnauzte Tnarrrr die Tierschutzmitarbeiter an, „Ihr könnt einfach nicht richtig sehen. Und nun verschwindet!“
„Das wäre zu schön! Beweisen Sie, dass Sie und Ihre Freundin keine Sodomisten sind. Mitkommen! Ab ins Gefängnis!“, antworteten die Polizisten kaltherzig und legten die Handschellen um die Arme des Paares.
„Und was machen wir mit den Wölfen?“, fragte ein Tierschutzmitarbeiter.
„Einschläfern!“, bellte ein Polizist.
„Und die Hütte?“, ein weiterer Mitarbeiter
„Der Kirche schenken. Sie wird sie für gemeinnützige Zwecke nutzen.“
„Wisst ihr warum es den Ort erst seit 200 Jahren gibt?“, knurrte Tnarrrr kochend vor Wut.
„Nein, aber das interessiert uns auch herzlich wenig.“, fauchte der Polizeihauptmann, drehte sich zu den Tierschutzamtmitarbeitern:
„Und ihr passt auf die Wölfe auf.“

„Es gab einen Krieg. Alle Menschen wurden vernichtet.“, diese Worte spukten in dem Ohr des ehemaligen Postboten. Warum hatte er nur soviel geredet? Schnell packte er seine letzten Habseligkeiten in den Umzugswagen ein und fuhr los. Nur schnell weg. Weg von seiner Heimat. Seine Familie war schon gerettet, sicher in einer Nebenstadt mit mehr als nur 200 Jahren Geschichte. Der Mond ging auf, eine rote Schönheit, die von hunderten Wölfen begrüßt wurde. Wunderschön, aber… nun ja, der Krieg hatte begonnen. Seine alten Knie begannen zu Schlottern.
Er mochte den Wolfsmann. Warum hatte er sich nie wieder zu ihm hingetraut? Ein kleiner Abstecher konnte ja nicht schaden. Und so bog er zum Gefängnis ab…

Frieden lag über den Wald. Nur das Rascheln von Tieren durchbrach die Stille. Es war zu friedlich, keine Menschenseele, obwohl es ein Sonntagmorgen war.
Leise und freundlich läuteten die Kirchglocken, automatisch angesteuert. Die Gläubigen kamen aus ihren Häusern und waren die Ersten, die das Massaker betrachten konnten. Polizisten, Hundebesitzer, die verschwundenen Tierschutzamtmitarbeiter, Kinder, ihre Kinder, ihre Kinder, die sie auf den neuen Kirchcampingplatz geschickt hatten.
Ein arg zerfleischtes Kind lebte sogar noch, atmete und wiederholte: „Die Wölfe!“
Doch die Straßen boten nicht nur den Anblick zerfetzter Leichen, sondern auch der sauber zusammengefalteter Kleidung von Bettlern, Nachtspaziergängern, Dieben und anderen finsteren Gesindel als hätten Aliens diese entführt.
Das überlebende Kind winselte, als es die leere Kleidung sah: „In die Nacht verschwunden, zu Wolf geworden.“
Mehr brauchten die Gläubigen nicht wissen.
Die Grenzen waren klar abgesteckt, Schuldige und Kollaborateure gegen den rechten Glauben, sie. Das bedeutete Krieg!

„Bitte habt Erbarmen mit meiner Freundin. Sie ist schwanger!“, flehte Knarrrr vor Gericht, doch der Richter war steinern vor Trauer. In seiner Hand lag das Foto seines toten Sohnes.
„So.“, höhnte er, „So viel Erbarmen hattet ihr mit unseren Kindern. Mein Sohn…“, er warf verächtlich ein Fleischstück auf Tnarrrr, das dieser fing und behaglich zu essen begann.
Stille.
„Mein Sohn… sie fressen meinen Sohn…“, der Richter wurde bleich, bevor er sich fing.
„Schafft das Monster weg! Lebenslang Einzelhaft und getrennt von seiner Freundin. Und sie…, sie soll ins Männergefängnis, Gruppenhaft. Sie soll erfahren, wie sich Sodomie anfühlt, bei der sie beigeholfen hat.“
„Ich plädiere auf befangen.“, zitterte der Verteidiger. Das Dorf lachte, bis auf einen Postboten am Rande der Versammlung. Er wiederholte nur die Worte, die sich ewig in seinen Kopf wiederholten: „Das gibt Krieg.“
In seiner Hand Tnarrrrs Abschiedsgeschenk: das Zeichen des Wolfes.

Es wunderte keinen der verbliebenen Einwohner, dass alle die nur irgendwie zu den näheren Bekannten des Wolfsmannes gezählt hatten, wegzogen waren. Und wenn auch nur um ein Dorf. Stattdessen rüsteten die Bürger die Jäger auf, es galt: ein guter Bürger zahlt die Wolfsjagd.
Besonders die Kirche zweckentfremdete ihre Kollekten für Waffen.
Und dann kam der Tag.
Hunderte von Jägern, marschierten am Morgen vollgerüstet in den Wald…
…um am Abend, nicht zurückzukehren.
Die Handys der Jäger: tot. Verängstigt sahen die verbliebenen Einwohner den neuen Blutmond aufgehen. Plötzlich verkündeten die Nachrichtensender, dass alle zuhause bleiben sollten, denn es gab ein Massenbruch im Gefängnis nach der Geburt eines Babys. Und als in der Stadt, ein Wolfsheulen aus tausenden Kehlen ausbrach, da wussten sie: es war um sie geschehen.

Feine Asche der Zivilisation rieselte ins feuchte Moos. Nichts deutete mehr auf Dorf oder Kleinstadt hin. Außer ein paar Einträge im Telefonbuch und Erinnerungen der Verbliebenen. Und die Regierung? Als sie sah, dass nichts außer Leichenstücke und Staub übrig war, ließ sie lieber ab weiter nachzuforschen. Denn was kam schlechter im Wahlkampf, als wenn öffentlich wurde, dass die eigenen Leute durch einen sinnlosen Krieg mit einer übermächtigen Macht, eine ganze Kleinstadt ausradiert hatten.

Der Fluch


Verzweifelt rannte der Anwalt mit Namen Anontus Schwan ins Badezimmer. Die Tür fiel hinter ihm mit einen lauten Knall ins Schloss. Seine Hand gehorchte ihm nicht mehr und sperrte die Tür zur Außenwelt, zur Hilfe ab. Die Frau namens Mania hatte alles ruiniert, seine Karriere, seine Familie, alles Vergangenheit. Er wünschte sie greifen zu können und irgendwie dazu zu bringen, dass der Fluch aufhöre, doch sie war tot. Seit den verfluchten sieben Tagen…

Mania fühlte sich schwach und elend. Der nächste Schuldschein wurde gerade eingeworfen. Für was? Hatte sie was gekauft? Nein, schon seit Tagen nicht mehr. Seit das verhängnisvolle Abmahnschreiben eingetroffen war. Sie trat vorsichtig auf die schmutzige Wage. 39 Kilo und sie war eins achtzig groß. Ja das Abmahnschreiben. Man hatte sie für ein Urheberschutzverbrechen abgemahnt, dass sie nie begangen hatte.
Sie hatte nur ein Zauberbuch aus dem Jahre 1877 online gestellt. Es war ein Erfolg gewesen. Kopiert wurde es, verbessert, übersetzt. Die Urheberrechte dafür waren definitiv abgelaufen, aber kurioserweise tauchte der schmierige Anwalt namens Anontus Schwan auf und verklagte sie. Die Instanzen sahen immer Anontus Schwan im Recht, als wären sie verzaubert, doch das konnte nicht sein. Sie glaubte nicht an Zauberei, ansonsten hätte sie das Buch nie veröffentlicht, zu gefährlich war der Inhalt. Es musste eine Absprache gegeben haben.
Sie erwachte aus einen Halbschlaf. Noch ein Schuldschein wurde eingeworfen. Für jede Buchkopie sollte sie zahlen. Das waren schon über eine Millionen. Schwarze Schatten legten sich über ihre Seele, kalte Finger fassten nach ihren Herzen. Es gab noch eine letzte Instanz und dort würde sie sich schlagen müssen. Sie wollte ihren Computer anschalten, doch der Bildschirm blieb schwarz. Ach vergessen. Gestern wurde der Strom abgeschaltet.
Deprimiert schlug sie das Zauberbuch auf. Muster tanzten vor ihren Augen, wurden zu Wörtern, die sich in den Kreis drehten. Sechs, Kapitel sechs, las sie, entfache ein Feuer mit purer Willenskraft. Wo stand nochmal die Kerze? Sie konnte Realität und Traum kaum mehr auseinanderhalten. Sie murmelte ein paar Wörter, die sie gerade gelesen hatte und schlief ein.
Als sie aufwachte sah sie ein kleines Lichtlein auf der Kommode leuchten. Es war die Kerze, sie brannte, obwohl sie sich erinnerte, dass sie diese nie angezündet hatte.
„Ein kleines Licht im Dunkeln.“, schmunzelte sie. Sie versuchte das Gleiche mit dem Briefkasten. Nichts passierte. Plötzlich kamen die Schatten in ihre Seele und saugten an ihrer Lebenskraft. Sie verscheuchte die Schatten und versuchte es erneut unter Einsatz ihrer Lebenskraft. Erst war es nur ein kleiner Rauchfaden, der immer größer wurde bis die Flammen aus den Briefkasten loderten. Von dort schlugen sie auf die Tür über, sprangen auf die Tapete. Das alles war ihr ziemlich egal. Sie murmelte einige magische Worte, die das Feuer löschten, alles Feuer im ganzen Hochhaus, auch die Gasheizung. Lebenskraft wurde aus ihren Körper gezerrt, der mit einer starken Alterung antwortete. War sie eine Fünfundzwanzigjährige gewesen, so war sie nun runzlig wie eine alte Hexe. Außerdem hatte sie einen Buckel, wie sie beim Blick in einen Spiegel feststellte.
„Zeit das zu beenden.“, krächzte sie mit ihrer schwachen Stimme und wandte sich dem Zauberbuch zu. Die Buchstaben waren so quälend scharf, als wäre sie ein Adler.
Kapitel Sieben, über den Transfer von Seelen zwischen unbelebter und belebter Natur

Der Tag des Gerichts war gekommen. Sie warf noch schnell ein Paket ein, dann fuhr sie mit ihren Fahrrad zum Gericht. Man erkannte sie anfangs nicht, erst als sie ihren Ausweis zückte und die Beamten sorgfältig ihre Körpermerkmale mit den gespeicherten Merkmalen auf dem Ausweis verglichen.
Anschließend durchsuchte man sie gründlich. Ihre einzige Waffe war ein Miniaturmesseranhänger an ihrer Halskette, welchen man ihr ließ. Wie sollte sie denn damit jemanden umbringen?
Die Tür des Gerichtsaals schlug krachend hinter ihr zu. Anontus Schwan, er, war genau vor ihr.
Das kleine Messerchen glühte, als sie all ihre Lebensenergie für den einen Fluch aufwendete.
Anontus Schwan spürte das Blut der Hexe in seiner Kehle hinablaufen, ihre Kehle in seinen Mund, aber wie war das möglich? Immer wieder musste er sich daran erinnern. Immer wieder.
Alles fing mit den Paket, in welchen sich der verkleinerte Hausrat der Hexe befand, an. Und dann ratz fatz verscheuchte die Hexe seine Familie, ließ die Arbeit ihn kündigen und übernahm Stück für Stück die Kontrolle über sein Leben.

Der Anwalt Anontus Schwan erwachte aus seinem Halbschlaf. Die Frau hatte es wieder getan. Sie hatte ihm eine Dosis Östrogene verabreicht und nun schminkte sich sein Körper mit Lippenstift…