Hohn über die Menschlichkeit


Europa, Georgchen und Klein-Osama war das Leben zu langweilig, wenn ihr Vater Werner Braun sich auf seine Forschungen fokussierte und die Erzieher sich in einen heftigen Disput über die richtige Erziehung von ihren Schützlingen befanden, also wenn man sie alleine ließ.
Deshalb entwickelten sie ein Spiel: Krieg.
Man verheizte die gegnerischen Zinnsoldaten auf einer Herdplatte und der Erste, der mit den feindlichen Zinnsoldaten fertig wurde, durfte jemanden auf die Hand patschen, sodass dieser sich seine Hand an der Herdplatte verbrannte.
Europa war das erste Opfer. Georgchen konnte Europas Panzer optimal verheizen und Europas Händchen auf die Herdplatte patschen.
„Nie wieder“, schrie Europa vor Schmerzen und rannte weinend zu den Erziehern. Die Erzieher tadelten ihre Schützlinge, aber befanden sich gleich darauf wieder in einen Disput, diesmal über die angemessene Strafe.
Es dauerte keine lange Zeit, da spielten Georgchen und Klein-Osama den nächsten Krieg. Europa war wider ihres Schwurs wieder mit von der Partie.
Diesmal schaffte es Klein-Osama mit einer optimierten Technik zwei Türme zu schmelzen. Anschließend machte er einen Doppel-Patsch, der Europa und Georgchen die Hände verbrannte. Doch Georgchen dachte nicht ans Aufgeben, der Krieg war noch nicht entschieden. Er sah sich wütend nach Dingen um, die verheizt werden konnte und fand eine Kiste voller Zivilisten-Puppen. Und so stellte Georgchen als Erstes fest, dass man mit ihnen machen konnte was man wollte. Sie wehrten sich nicht. Europa war Feuer und Flamme, es weckte ihre Mutterinstinkte, sie schnappte sich auch eine.
„Bitte tu mir nichts!“, quäkte eine Puppe, als Europa sie am Ärmchen zog. Europa erinnerte sich an ihr Versprechen: „Nie wieder!“ und entschied, eine Abmachung namens: „Genfer Konventionen“ zu errichten. Die Puppen sollten nicht verheizt werden dürfen, nur Soldaten. Als ihre Spielkameraden das hörten, lachten sie nur laut und warfen Feuerwerkskörper in die Kisten voller Zivilisten-Puppen. Die Zinnsoldaten standen unangetastet am Herd, bereit zum Verheiztwerden. Europa schlich sich verstohlen zum Herd. Da Europa und Georgchen beste Freunde waren, warf Europa nur die Soldaten von Klein-Osama auf die Herdplatte. Sie schmolzen gut, doch der Nachschub war schier unendlich. Irgendwann wurde es langweilig Soldaten zu verheizen, da warf Europa einen Blick auf eine Kiste namens Afrika. Darin waren Piraten. Piraten waren böse, konnten gut verheizt werden, ohne Gewissensbisse. Außerdem waren diese Piraten schwarzhäutig.
Es war schon die vierte Fuhre Herdfutter, als plötzlich Klein-Osama wütend aufkreuzte und schrie:
„Das sind meine!“ und anschließend Europa das Gesicht auf die Herdplatte drückte.
„Nie wieder!“, versprach Europa, als Klein-Osama ihr erlaubte ihren Kopf zu heben.
„Immer wieder!“, Osama presste erneut ihr Gesicht auf die Herdplatte.
Daraufhin schlug Georgchen mit einen Baseballschläger Klein-Osama gegen den Kopf, sodass dieser benommen Europa losließ.
Als Europa ihr zerstörtes Gesicht in den Küchenspiegel betrachtete, begann sie erwachsen zu werden. Sie musste gehen, durfte nie wieder zum Spiel zurückkehren. Die Narben waren unauslöschbar und würden sie bis ans Ende ihrer Zeit daran erinnern und verfluchen.
Mit diesen Vorsatz verließ sie die Küche, doch kaum hatte sie die Küche verlassen, fand sie sich in einer Kiste Zivilisten-Puppen wieder. Und zwar als die oberste Zivilisten-Puppe.

Ende

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Straßen des Todes


Schüsse, schon die ganze Nacht, wie auch jede andere Nacht. Terion konnte trotz Ohrstöpsel nicht gut schlafen, ständig war er müde. Irgendwann musste es doch eine Feuerpause geben. Seine Eltern riefen schon bei beiden Militärführungen an, doch diese antworteten nur:
„Wir müssen diesen Krieg gewinnen. Wir hoffen auf ein schnelles Ende.“
Die Soldaten schossen auf alles Menschliche, weil ein Blizzard tobte und das schon seit Monaten, seitdem die eine Kriegspartei einen Vulkan auslöste, seitdem die Gegenseite mit einen nuklearen Winter antwortete und die andere Seite natürlich auch ihre Atomwaffen losschickte, bevor diese zerstört wurden. Die beiden angrenzenden Straßen, das Dach alles stand unter Beobachtung von Soldaten, Scharfschützen und Drohnen wachten über jedes humanoide Wesen. Kein Schritt raus sonst war man tot. Erstaunlicherweise wurden Tiere nicht angegriffen, Kugelverschwendung hieß es. Und sie waren eine Kugel wert? Sie waren nur Zivilisten. Er schaute zum ersten Mal seit Monaten auf den Kalender. Er erstarrte. Es war der 24. Dezember. Heute hatten sie vielleicht Glück. Ein Knarren drang von der Wohnungstür, seine Eltern wollten heute sicherlich ihrer aller Leben erflehen. Er schaute durch eine Ritze seiner zugenagelten Fenster. Scheinwerferlicht, in ihr seine Mutter. Sie strippte in einem Engelkostüm, bald war sie nackt, aber sie lebte. Alle starrten, niemand schoss. Frieden? Endlich. Sein Vater rannte freudig auch auf die Straße, jubelnd. Der Lichtkegel schwenkte auf ihn, Schüsse durchbohrten seine Brust. Soldaten beider Seiten begaben sich zu seiner weinenden, geschockten Mutter. Einen kurzer Schusswechsel, ein paar Leichen mehr, führte eine stark dezimierter Trupp seine Mutter ab. Sie würde wahrscheinlich als Hure in einen Bordell enden. Von wegen Frieden! Ihre Nachbarn trotzten der Gewalt, sie rannten mutig mit Transparenten, wie: „Es ist euer Krieg, nicht unserer. Lasst uns in Ruhe!“, auf die Straße. Es hielt wohl niemand mehr hier aus. Die Maschinengewehre ratterten, die Gruppe wurde wie Papier durchlöchert, obwohl beide Seiten offiziell Demokratien waren. Grausam, Terion sackte auf sein Bett und weinte, niemand mehr, alles nur verbrannte Erde, nur für einen Ort an der Grenze, den keine der Kriegsparteien ohne den Krieg kennen würden. Tränen schossen förmlich aus seinen Augen, fluteten seine Wangen, sein Bett. Die Welt verschwand für einige Zeit hinter Tränenschleier. Alles fühlte sich nun so nass an, nur er so ausgetrocknet. Mühsam stand er auf und wankte zur Küche. Kalter Wind zog durch die sperrangelweit offene Wohnungstür. Schnell schloss er sie. Sein Durst trieb ihn in die Küche. Die Wasserflasche war schnell geöffnet, gierig trank er. Etwas stank. Der Geruch von Tod. Hatten die Soldaten die Fensterscheiben trotz Holzbarrikade eingeschossen?
Nein, es war ein Fuß, der in einen Bein endete, welches zu einen Körper führte. Eine Leiche von wen und wieso hierher?
Die Leiche war von seinen Vater, ein schneeweißer Wolf saß daneben und fraß gemütlich. Interessant wie die Natur das Schneeproblem in Angriff nahm. Der Wolf blickte mit seinen treuen Augen auf. Niedlich. Sein Hand fuhr sanft über das weiche weiße Fell. Ein tiefes dumpfes Schnurren erklang. Erneut als er die Hand über das Fell fuhr. Und wieder. Wieso war der Wolf nicht scheu? Tollwut? Aber das kümmerte ihn nicht. Wieso auch? Der Tod war allgegenwärtig und lieber starb er durch einen treuen Freund, als im Kugelhagel. Er ließ sich zu den Wolf nieder und schmiegte sich an seine Flanke. Sein Fell war sogar durch den Pyjama kalt. Behaglich schnurrte der Wolf. So saßen sie mehrere Stunden, bis der Wolf aufstand und wegtrappelte. Er folgte ihm. Der Wolf rannte die Treppen hinauf in sein Zimmer im zweiten Stock. Als er dort war, lag dieser schon im Bett und knurrte fordernd. War dieser Wolf dressiert? Er legte sich zu ihm und deckte sie zu. Plötzlich fiepte etwas über ihnen. Eine kleine Fledermaus, auch ein willkommener Gast. Auch sie war zutraulich, setzte sich auf seinen ausgestreckten Finger. Der Wolf schnüffelte argwöhnisch, beruhigte sich aber wieder. Zwar ratterten die Maschinengewehre, feuerte die Artillerie doch zum ersten Mal seit Ewigkeiten, empfand er wieder Ruhe.

„Es ist deren Krieg, nicht unserer.“
„Er muss sich entscheiden.“
Zwei Menschenschemen standen in seinen Zimmer, doch das Morgenlicht blendete ihn. Er richtete sich auf, um sie anzusprechen, als plötzlich eine Explosion donnerte. Sein Bett kippte eine Etage hinab. Zum Glück blieb er im Bett. Die Gestalten entpuppten sich plötzlich als Tiere, denen der beschädigte Boden unter den Füßen wegbrach. Die Fledermaus flog empört zu ihnen herunter, der Wolf hatte weniger Glück. Er landete zwischen auf einer spitzen Metallrippe. Blut spritzte aus seinen Bauch, dann fiel der Wolf kraftlos zu ihm aufs Bett. Leider nicht direkt, sondern auf ihn. Eine riesige Kratzwunde war die Folge. Wenigstens überlebten sie alle. Der Wolf atmete schwer, Blut quoll aus seinen Mund. Nach ein paar Sekunden, hörte die Blutung auf, dann begannen sich die Wunde zu schließen. Terion sprang aus dem Bett und machte vorsichtig ein paar Schritte. Das gesamte Zimmer war ein Saustall. Die Artillerie hatte exakt den Schreibtisch seines Vaters erwischt. Papiere und Essensreste lagen verstreut überall. Das Bett hatte sich an der Tür verkeilt und fiel deshalb nicht mehr tiefer. Dafür saßen sie nun in der Falle. Die Tür war blockiert, das Fenster verschlossen und das Loch durch das Bett zu einen kleinen Tunnel verengt. Schritte, Soldaten tauchten im Raum unter ihm auf. Sie verschütteten eine Flüssigkeit, Benzingeruch stieg ihm in die Nase. Sie mussten fliehen, sofort.
„Kommt Freunde.“, rief er den beiden Tieren zu, „es ist Zeit abzuhauen.“
Verzweifelt öffnete er das Fenster und versuchte die Holzbarrikaden zu entfernen. Der Lichtkegel schwenkte zu den Fenster, er schaffte es gerade noch in Deckung zu gehen bevor das Schussfeuer losbrach.
„Zündet den Scheiterhaufen an. Sie sitzen in der Falle.“, knisterte ein Funkgerät. Ein Streichholz zischte, dann begann das ganze Haus zu knistern. Rauch stieg auf, die Schritte entfernten sich. Die Fledermaus flog durch das Loch, der Wolf blieb bei ihm. Er stupste ihn Richtung Loch. Die Metallstreben des Betonboden glänzten gefährlich scharf, aber er hatte keine andere Möglichkeit. Sein Kopf passte noch problemlos durch, bei seinen Brustkorb war es schon schwerer, dann ging es wieder leichter. Plötzlich hängte er mit den Hemd am Rücken fest, seine Füße strampelten mitten in der Luft. Der Rauch biss ihm ins Gesicht, Die Wärme ließ ihn schwitzen. Vielleicht so.
„Beeil dich du Idiot. Ich wünschte sie hätte dich gebissen.“
Schon wieder diese Stimme, aber sie hatte vollkommen Recht. Verzweiflung schlug in dunkle Ruhe um.
„Stütz meine Füße.“, verlangte er mit tiefen Unterton.
Seine Füße bekamen Halt, er sprang kräftig ab. Hemd und Hose zeriss es, der Rücken bekam einen tiefen Kratzer ab. Aber er war frei, mit einen Salto landete er in den Flammenmeer. Heiß und stickig. Er röchelte vor Luft, sein Rücken konnte ihn nicht mehr tragen und ließ ihn auf alle Viere sacken. Es tat so weh, dass er absprang. Vorwärts sprang und vorwärts sprang. Bald hatte er eine neue Lauftechnik. Doch die Flammen fraßen weiter. Zwar waren seine Hände nun schmerzend heiße Klauen, aber seine Kleidung war Zunder, der lichterloh brannte. Nur raus! Nur raus! Der Hinterausgang kam immer näher. Endlich Schnee! Es zischte als er sich darin wälzte. Endlich Kühle. Wo war sein Partner? Der Wolf brannte und raste jaulend in den Schnee um sich zu Löschen.
„Na Partner.“, knurrte Terion seinen Wolfsbegleiter zu.
Angstschreie, dann flog etwas durch die brennenden Ruinen und landete neben ihnen.
Es war eine schneebleiche Frau in blutroten flatternden Kleid. Ihre Augen glichen Eiskristalle, ihre Zähne der einer Schlange. Sie hielt eine Leiche in ihrem Arm.
„Fresst euch satt. Wie immer. Blut für mich, Fleisch für euch.“, durchschnitt ihre sanfte Stimme die Stille
Terion verspürte einen Hunger, der seine verbliebene Vernunft betäubte.
Er wollte nicht mehr sehen was passierte, alles wurde rot. Menschliche Todesgurgler gellten in seine Ohren. Es musste aufhören. Es musste aufhören!

Schweißgebadet erwachte er in seinen Bett mit den Wolf an seiner Seite. War das alles nur ein Albtraum? Konnte er auf die Straße gehen und kein Krieg würde ihn daran hindern? Etwas tropfte, ihm war es egal was, Wasserhahn, Loch im Dach oder Blut. Die Zeit interessierte ihn, die Außenwelt interessierte ihn. Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch sie war verschwunden. Müde stand er auf. Es war nicht sein Zimmer, eine nackte Leiche, deren Blut tropfte, saß auf einen Stuhl, eine Digitaluhr zeigte 10:00 Uhr. Wo war er? Und warum hatte er so einen Hunger? Ehe er sich versah, fraß er die Leiche. Schüsse schallten über die Straßen des Hauses. Er war immer noch in der Stadt. Ein Haus glich dem anderen, sie alle waren Todesfallen. Die Treppe zum Erdgeschoss war blutverschmiert, doch keine Leichen. Sie knarrte beim Herabsteigen, Knochensplitter bohrten sich in seine nackte Fußsohle und hinterließen dort blutige Wunden. Verärgert fegte Terion mit seinen Fuß erst über die Stufe, trat dann auf. Hätte er es doch früher gemacht… Seine Wunden hörten auf zu Bluten. Was war mit ihm bloß los? Die Frage konnte er sich selbst beantworten. Er war ein Werwolf. Vorsichtig linste er durch die Bretter eines befestigten Fensters. Seine Sichtweite war beachtlich viel größer als vor seiner Verwandlung. Soldaten überwachten mit Wärmebildkameras die Straßen. Sogar Schützengräben hatten sie. Sollte er einige töten? Nein, sonst würden sie die Häuser unter Beschuss nehmen. Wann war Vollmond? Wann konnte er sich wieder frei bewegen? Ein Kalender mit Mondphasen hing praktischerweise an einer Wand. Nur eine Woche durchhalten. Mal sehen was es zu Essen gab. Er öffnete die Küchenschränke Konservendosen im Überfluss, doch die Symbole darauf gefielen ihn nicht. Alles Bohnen und anderes Grünzeug. Hoffentlich gab es was besseres im Keller. Auch nur vegetarische Dosengerichte. Welch Ironie, dass sie bei einem Vegetarier eingedrungen waren. Das einzige Stück Fleisch im Haus war dieser selbst.
„Carpe noctem“, begrüßte ihn jemand von hinten.
„Carpe noctem.“, antwortete er gelassen. Plötzlich schreckte Terion auf. Wer zum Teufel nutzte „Nutze die Nacht.“ als Begrüßung? Der rötliche Schatten gab ihm die Antwort auf seine Frage. Die Frau stand hinter ihm.
„Wir müssen hier weg sofort!“, schrie sie, dann war sie spurlos verschwunden.
„Die Spur führt hierher, Kameraden!“, rief irgendwer.
Terion spürte wie Zorn in ihn aufwallte. Heute würde er nicht rennen, er würde sich rächen. Kalter Schweiß tropfte von seiner Stirn. Sein Herz raste plötzlich, seine Beine gaben nach.

Stimmen. Man wollte ihn ins Flüchtlingslager bringen. Soldaten waren also doch keine Bestien. Beruhigt schlief er wieder ein. Graue Mauern einer Gefängniszelle. Und so stank es auch, aber besser als der Tod. Terion lachte erleichtert auf. Bald wäre der Krieg vorbei und er endlich wieder frei. Kalter Schweiß ran ihm über sein Gesicht. Er war krank, kein Werwolf, hatte sich bei den Wolf infiziert und anschließend Leichen gefressen. Alles nur Halluzinationen. Manchmal war der Wahnsinn die beste Option, die einen verblieb. Er musste schmunzeln, begann dann zu lachen.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte jemand.
„Ich brauche ärztliche Hilfe“
„Freut mich, dass Sie endlich wach sind. Sie schliefen einen Tag. Das Essen steht neben der Tür.“
Das Essen bestand aus Brei, kein Fleisch. Trotzdem schlang er es hinein. Es sättigte überraschenderweise. Jemand klopfte an die Wand.
„Ja?“
„Psst. Wie heißt du?“, flüsterte eine Frau durch den Abfluss in der Mitte seiner Zelle. Er rannte zu ihr. Leer, wahrscheinlich ein Echo aus seiner Nachbarzelle.
„Terion. Wo bin ich?“
„In dem ehemaligen Gefängnis deiner Stadt, nun Kriegsgefangenenlager.“
„Wie verläuft der Krieg?“
„Niemand sieht etwas, alles steht still. Es wird wohl noch einige Zeit dauern bis wir freikommen. Zudem geht denen das Essen zu Neige.“
„Ich hatte einen seltsamen Traum: Ich wäre frei wie Werwolf. Schade, nun endet es also so.“
„Mir geht es ähnlich. Ich träumte, ich wäre ein Vampir.“
„26“, murmelte jemand. Schritte zweier Personen.
„Hörst du das? Das ist der Gerichtsvollzieher.“
„27“
„28“
„29“
Die Tür öffnete sich. In ihr ein Soldat und ein Anwalt.
„Bitte folgen Sie mir.“
Man brachte ihn in ein Gerichtssaal im gleichen Gebäude. Er befand sich anscheinend in einen Justizkomplex. Der Richter begrüßte kurz die Anwesenden, begann die Verhandlung. Anklagepunkte waren Demokratiefeindlichkeit, Mord und Wehrkraftszersetzung. Den ganzen Tag juristische Spitzfindigkeiten. Sogar ein Anwalt, der ihn verteidigte, benutzte sie. Diese kalten Schweißausbrüche vorhin waren Vorboten eines schmerzhaften Krankheitstodes, weswegen nicht ein kurzer Prozess? Er stand in der Verhandlung, die eigentlich nur von den Juristen geführt wurde, auf und begann seine Eigene: „Ich bin krank, bitte bringt mich entweder um oder helft mir.“
„Sie haben das Recht auf eine faire Gerichtsverhandlung, bitte nehmen Sie wieder Platz. Da wir wenige medizinischen Ressourcen frei haben, müssen Sie durchhalten. Setzen Sie sich bitte wieder!“, antwortete der Richter
„Ich möchte für mich sprechen dürfen. Und ich will entweder den Tod oder das Leben!“
Anschließend sperrte man ihn in eine Gummizelle, wegen Selbstmordgefahr. Eine Woche zog sich die Scheinverhandlungen, eine ganze Woche, dann endlich seine letzte Gerichtsverhandlung. Doch diesmal fühlte er sich anders.
„Das Todesurteil ist gefallen. Heute um Mitternacht wird es vollstreckt.“, verkündete der Richter ernst und beendete die Verhandlung.
„Endlich.“, jubelte Terion unter den entsetzten Augen der Jury. Es sollte eindeutig eine Strafe sein, keine Belohnung.

Elatra hatte kein einziges Wort mehr wechseln können seit Terion weg war. Selbst im Gemeinschaftsraum nicht. Kein anderer hatte Zeit, alle redeten sie über eine Fußballweltmeisterschaft, um sich von der ewigen Gefangenschaft abzulenken. Missmutig quetschte sie sich an die Gitterstäbe eines geöffneten Fensters. Endlich Ruhe. Sie würde hier ihr restliches Leben verharren.

Terion wurde nahezu unbekleidet in den „Garten“ gestoßen. Hier also sollte sein Ende besiegelt werden. Und das vor Publikum! Von dem beheizten „Vorgarten“ schaute man zu. Es waren fast die ganze Jury vertreten, aber auch einige Soldaten und normale Einwohner.
Konnte man fliehen? Ein Kältehauch ließ Terion zittern. Vorsichtig, Schritt für Schritt, verließ er den vom Vorgarten beleuchteten Bereich. Der Wind begann zu jaulen, doch es war auf einmal nicht mehr kalt, auch erschreckte er nicht bei dem Anblick einer leichengespickten Stacheldrahtwand. Er hatte eine Mission. Neugierig schaute er die Leichen auf den Stacheldraht nochmal an. Ihr Blut war zu kleinen, roten Eiszapfen gefroren. Lustiger Effekt. Nun war es Zeit die Mission zu erledigen. Fröhlich schlenderte Terion zurück zum Vorgarten, als wäre die hoffnungslose Lage der schönste Tag seines Lebens. Die Lage war hoffnungslos, doch er hatte eine Mission. Er schlug gegen die Scheiben des Vorgartens. Panzerglas, das Feinste vom Feinstem. Doch eine Explosion? Der Vollmond war fast am höchsten Punkt, sah, fühlte er, obwohl er durch den Schneesturm nichts sah.
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Frazil dachte auf seinen Weg von den Vorgarten zu den Wachraum an den Kaugummi, den er im inneren Lesegerät des Vorgartens, installiert hatte. Heute Mitternacht, würde der Spaß losgehen. Niemand konnte fliehen, jeder war Wolfs- und Vampirfutter. Sein lächelndes Gesicht deformierte sich zu einen Wolfsgesicht, das aufrechte Gehen wurde anstrengend. Niemand außer einen aneilenden Wachmann, sah es, denn alle waren sie zu sehr mit der Hinrichtung seines Freundes beschäftigt. Nachdem der Wachmann erledigt war, ging es weiter Richtung Hof. Ein Gefangenenaufstand stand an. Der Mond stieg und stieg. Seine Kleidung begann zu kratzen, weshalb er sie schnell ablegte. Eine vereiste Pfütze zeigte seinen Anblick. Ein weißer Riesenwolf auf zwei Beinen.
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Zwei vergitterte Fenster des Gemeinschaftsraumes wurden regelrecht zerfetzt. Die Gitterstangen sprengte es weit in die Ferne, Stille, Gefangene quollen trotz Kälte in die Freiheit, wo sie in ihren dünnen Gefängnisanzügen zu zittern begannen.
„Ich habe Kleidung für jeden, einen Pelz der euch vor dieser Kälte schützt.“, verkündete er.
Die Köpfe drehten sich zu ihm.
„Wer will?“
Alle Hände schnellten in die Luft.
„Bildet Gassen!“
Er rannte mit seitlich ausgestreckten Klauen durch die Menschengassen, bald hatte fast jeder einen Pelz anstatt einen Gefängnisanzug und ging auf allen Vieren. Den Rest gab er Nachhilfe. Anschließend führte er sie durch die toten Tore des Gefängnisses in die Innenstadt, einem gesicherten Gelände, weil es strategisch günstige Gebäude beinhaltete und einfach zu sichern war.
So war es die letzten drei Jahre gewesen, heute wurde es binnen Minuten in einen unglaublichen Blutrausch seiner Armee leergefegt. Kein einziger Überlebender, weder Soldaten noch Zivilisten.

Terion spürte die Realität sich aufspalten, kurz bevor seine Hände den Boden berührten. Sein Rücken änderte seine Form.
Nochmal von den Soldaten demütigen lassen? Es reichte!
Er raste die Treppe hinauf, Soldaten standen am Treppenabsatz. Ein Klicken, ihre Maschinengewehre waren entsichert. Die Kellertreppe bot keine Ausweichmöglichkeit. Schneller! Die Läufe zeigten mittlerweile auf seinen Kopf, die Finger wanderten zum Abzug, als plötzlich ein Wolf die Gruppe seitwärts umriss. Ein kräftiger Sprung, dann war er am oberen Treppenabsatz.
„Verdammt sie jagen im Rudel!“, schaffte noch einer der Soldaten zu rufen, bevor er seine kräftigen Fänge sich in dessen Hals schlug. Blut schoss ihm entgegen, viel Blut, das seine Sicht kurzzeitig trübte. Einer der ganz Klugen wollte den Augenblick nutzen um seine Waffe zu ziehen, doch auch ohne volle Sehkraft konnte er ihn entdecken und mit den Raub dessen Herzens abstrafen. Das Herz schmeckte gut, pumpte sogar noch. Sein Wolfskumpan hatte mittlerweile Spaß daran gefunden, die Schädel, der noch lebenden Soldaten, mit einem Maschinengewehrkolben zu zerschmettern. Stille, wäre da nicht noch dieses angsterfüllte Wimmern. Terion sprang auf. Seine wackligen Wolfsbeine trugen ihn sehr unsicher. Vielleicht hätte er doch seine menschlichen Beine geschützt mit einen Fell hernehmen sollen, um sicherer aufzutreten. Aber als er das störende Stück Mensch sah, packte ihn Mitleid. Es war ein junger Soldat, der seine Waffen schon längst weggeworfen hatte. Er stand zitternd in der Ecke, was wollte man da machen, außer ihn mitzunehmen? Mit seinen ungeeigneten Wolfsbeinen stakste Terion auf den Überlebenden zu. Der Soldat verkrampfte sich noch mehr.
„Hey Kleiner. Komm, ich will dir nicht wehtun. Nur ein kleiner Biss und du bist Teil des Rudels.“
Sein Gegenüber begann zu lachen: „Keine Schmerzen oder nun doch Schmerzen? Oh man, wenn Werwölfe so bescheuert sind, müsst ihr darum kämpfen.“
Die Wortwahl war wohl nicht so glücklich gewesen, denn plötzlich riss ihn ein Fußfeger die Beine weg. Er fiel nach hinten. Der Soldat wollte es wohl auf die harte Tour. Sein Kopf schlug heftig auf den Boden auf, kurz darauf folgte ein Knie auf seinen Bauch. Nichts da! Er riss seine Beine hoch, um den Mann zu kratzen. Tief bohrten sich die Krallen in den Rücken seines Gegners. Terion erwartete Schreie, doch sein Widersacher erwiderte lächelnd nur: „Scherz. Klar bin ich dabei. Ich bin Frazil und du?“
„Terion.“
„Und ich Lofwa.“, stellte sich sein Wolfsbegleiter vor. Dieser hatte sich als Halbmensch aufgerichtet und sah auf sie wie ein lächelnder Yeti hinab. In seinen Händen glänzte einer der Maschinengewehre. Er bedeutete ihnen mitzukommen. Sie folgten ihm an die offene Haustür. Der Schnee stand kniehoch, dennoch hatte jemand das Haus verlassen. Lofwa deutete ihnen in Gebärden sich am Türrahmen zu verstecken. Vorsichtig linste er hinaus, sie folgten seinen Beispiel. Einer beugte sich über oder unter den anderen. Die Frau im roten Kleid hatte ihr Kleidung abgelegt, nur ein Schwarm von Soldaten bedeckte ihre Blöße. Die Herzen seiner Kameraden schlugen höher, schlugen wie ein Presslufthammer, spürte Terion. Auch das seine war verführt von dieser Frau. Wie die Soldaten sich auf sie stürzten, sie verführerisch lachte, er wollte auch. Hoffentlich wurde mal ein ordentliches Stück Oberkörper frei. Die Hoffnung zerplatzte aufgrund weiterer aneilenden Soldaten. Immer mehr, nur Scharfschützen waren noch auf ihren Posten zu sehen.
„Perfekt!“, nuschelte Lofwa leise.
„Fledermaus!“, mit diesen Worten raste er aus der Tür und schoss mit den Maschinengewehr in die Menge der Soldaten, aus der eine kleine Fledermaus mühsam in den Schneesturm emporflog. Die vordersten Soldaten griffen nach ihren Waffen, um sie im Tod gezogen zu haben. Einige feuerten mit letzter Kraft einhändig eine Feuersalve ab, was die Waffen zum Feind ihrer Kameraden verwandelte, denn sie schlüpften aus der Hand ihres Besitzers, rammten den Bauch ihrer Hintermänner, die wie Dominosteine den Nächsten beim Umkippen mitrissen. Lofwa nahm demonstrativ eine Hand vom zuckelnden Maschinengewehr, um damit die lebenden totgeweihten Soldaten zu beeindrucken. Kopf per Kopf wurden sie, die nun freie Ziele, massakriert. Ungläubige Blicke schauten auf seinen nackten, vibrierenden Arm. Stille. Der Schnee färbte sich langsam rot. Der Schneewitwer war gekommen und verschwand nun unter Scharfschützenfeuer zu ihnen ins Haus. Er hechelte vor blutiger Freude wie ein Hund, kein Wunder als Werwolf. Schüsse zerschmetterten die Fenster, durchsiebten den Flur. Sie warfen sich hin und warteten. Die Zeit zog sich. Der Schusshagel wollte einfach nicht enden. Hatten die Scharfschützen unendlich Munition? Wahrscheinlich.
„Los! Rennt als Wölfe durch das Feuer. Vergesst nicht eure Kleidung abzulegen!“, brüllte Lofwa. Terion war der Erste. Die Kleidung juckte schon in seinem Fell. Der Schlafanzug flog in hohen Bogen, wurde durchlöchert. Vorsichtig trottete er aus ihren Versteck. Sofort verstummten alle Schüsse. Man dachte anscheinend sie hätten die Menschen, auf welche sie schossen, gefressen. Er trabte voran durch den dichten Schnee. Ein Schnaufen zeugte davon, dass die anderen ihm folgten. Mal sehen was sie vor die Zähne bekamen. Auf einen der Hochhäuser konnte er eine blutrot gekleidete Frau ausmachen. Ihr langes, schneeweißes Haar flatterte im Wind, als sie sich zu ihnen umdrehte. Diese eiskristallfarbenen Augen… er kannte sie…
Sie war es, die ihm sein erstes Fleisch beschafte. Zäh und trocken, denn alles Blut hatte sie ausgesaugt.
„Stör sie nicht! Jeder, der sie stört, zahlt bei ihr einen hohen Blutzoll.“, knurrte Lofwa freundschaftlich.
Dann eben ein anderes Hochhaus. Direkt neben ihnen war eines. Zwei Soldaten auf Wache schlürften in der Eingangshalle gemütlich Kaffee. Ein Lagerfeuer wärmte sie. Konnten sie einen notleidenden, zahmen Wolf widerstehen? Einer der Wachen stand auf und deutete auf ihn. Zeit die Show abzuspielen. Plötzlich krachte ein Mülleimer vor ihm auf die Straße. Die Anderen schienen die gleiche Idee zu haben. Terion wühlte wie ein hungriger Wolf herum, zog raus was er konnte. Es schmeckte schon widerlich den Müll in die Schnauze zu nehmen, aber als er einen vergammelten Hotdog herauszog, wurde ihm schlecht. Er schoss rückwärts aus der Tonne direkt in die Arme eines Menschen.
„Komm Kleiner. Wir versorgen dich und deine Freunde.“, schmeichelte eine freundliche Stimme, während man ihn hochhob. Sollte er strampeln und sie infizieren? Nein, er würde seine Gastgeber nicht verletzen. Irgendwann würde der Zufall es bringen. Sie passierten die gläserne Drehtür, anschließend wurde er auf den Boden gesetzt. Das Lagerfeuer knisterte angenehm. Er fläzte sich neben es. Sein Fell heizte sich durch die Wärme angenehm auf. Wärme wie in seinen Elternhaus als seine Eltern noch lebten. Wie schön war doch die Zeit vor den Krieg. Jetzt musste er betrügen und töten. Für immer. Nie wieder Frieden mit den Menschen. Nur als Hochstapler. Ein Klingeln schreckte ihn auf. Es war ein Fahrstuhl, in dessen Kabine sich jemand mit köstlichen Leckerlis befand.
„Kommt her. Schaut was ich hier habe.“, rief eine Stimme. Nichts lieber als das. Terion sprintete zusammen mit seinen Kumpanen in die Kabine und fraß genüsslich. Wie funktionierte eigentlich der Aufzug ohne Strom? Etwas vibrierte. Langsam nahm er ein Summen von oben wahr. Generatoren zum Betrieb befanden sich wohl im Wartungsraum des Aufzugs. Das Summen wurde lauter und lauter, der Aufzug hatte sich in Betrieb gesetzt. Sein Ziel war das Dach. Ein Klingeln überließ sie den Spiel der Winde, die durch zerschossene, brettergeflickten Fenster brausten. Sie waren in der obersten Etage, von der Ausstattung eine Art Basiscamp, das richtige Leben, der Kampf, fand jedoch auf den Dach statt. Wieder ein Leckerli, diesmal dafür, dass sie sich auf das Dach begaben. Die starken Winde zerzausten ihr Fell. Scharfschützen suchten mit eng anliegenden, weißen Kleidung Schutz hinter erhöhten Gartenanlagen, deren Ränder einer Sammlung Blumentöpfe glich.
Die Scharfschützen schossen schnell, als hätten sie ein Ziel ausgemacht. Was mochte dieses bloß sein? Lofwa winselte plötzlich und rannte abwärts. Ihr Aufpasser hastete ihn fluchend hinterher. Was hatte bloß Lofwa? Kurze Zeit später tauchte der Mann zusammen mit Lofwa wieder auf. Ein triumphierender Gesichtsausdruck lag auf seinen Wolfsgesicht, während der Mann ihm gut zuredete. Sogar ein Leckerli samt Streicheleinheit gab es für ihn. Wie oft hatte Lofwa schon zahmen Wolf gespielt, dass er sich so gut auskannte? Ihr Herrchen klatschte in die Hände, „Alle mal herhören. Dies sind meine Wölfe. Sie sind äußerst zahm und stellen keine Gefahr da.“.
Die Scharfschützen liefen kreideweiß an, als sie uns sahen. Einer sprang sofort vom Dach.
„Leute, was habt ihr?“
„Du Idiot. Diese Wölfe sind brandgefährlich. Sie haben Rebellen ausgelöscht. Ihre Kleidung haben wir fliegen sehen. Total durchlöchert.“, schrie der Kommandant der Scharfschützen in Todesfurcht.
„Könnte es nicht einfach sein, dass ihr eine Wäscheleine abgeschossen habt und diese Tierchen sich zufällig darunter befanden. Letztes Mal war es das Gleiche.“
„Springt! Widerstand ist zwecklos.“, brüllte einer der Scharfschützen. Sofort sprangen diese vom Dach, selbst der Kommandant. Etwas klapperte unter ihnen. Es waren paar Nachzügler, die die Fenster des oberen Stockwerks benutzten.
Ihr menschlicher Begleiter war sprachlos vor Entsetzen. Er rieb sich seine Augen, als würde es alles eine Einbildung sein. Ein Funkgerät knisterte irgendwo: „Springt! Der Feind ist übermächtig und übernatürlich.“
Der Soldat war in Panik, seine Augen weiteten sich, als die Scharfschützen der anderen Hochhäusern sprangen.
„Eine Seuche.“, stammelte er, „Eine Seuche, jawohl. Kommt Wölfe, wir fliehen. Sofort!“
Sie fuhren mit den Fahrstuhl zurück ins Erdgeschoss.
„Achtung eine Seuche!“, brüllte der Soldat, alsbald die Türen sich öffneten. Stille und Dunkelheit. Das Feuer war erloschen. Zudem zog kalter Wind hinein in die Fahrstuhlkabine. Jemand kicherte. Plötzlich krachte etwas mit einen dumpfen Knall in die Kabine, ein Körper. Der Soldat schloss sofort die Türen, um anschließend in Sicherheit die Leiche zu wenden und siehe da: es war einer der wachhaltenden Soldaten. Kein einziger Tropfen Blut im Leib. Ihr Herrchen fing an zu kreischen und hysterisch zu werden. Lofwa sprang plötzlich auf, um den Öffnen-Knopf zu betätigen. Die Türen, welche sie von der Eingangshalle trennten, öffneten sich. Eine rote Gestalt sprang zu ihnen in den Fahrstuhl. Es war die Frau. Sehnsüchtig blickte sie auf die Halsschlagader ihres potentiellen Opfers. Die Miene von diesem hellte sich auf.
„So so. Nur Werwölfe und Vampire. Ich dachte schon an etwas Schlimmes. Tschüss.“
„Nicht so schnell.“, die Frau klammerte sich an ihn fest, „Du musst dich entscheiden.“
„Ich will Mensch bleiben. Es sei denn du überzeugst mich.“
„Kennst du die Geschichte der Nachtwesen?“
„Nein.“
„Vor langer langer Zeit als es noch die Dinosaurier gab, entwickelte sich eine Affenart namens Mensch. Sie stritten und zankten wie heute, doch nicht mit Menschen sondern mit den intelligenten Riesenechsen, die ihren Lebensraum nicht für den Fortschritt opfern wollten. Ein großes Problem war das Fehlen natürlicher Grenzen. Sie alle lebten auf einer Kontinentenplatte Deshalb bauten die Menschen eine der mächtigsten Bomben und zündeten sie über das Feindesland. Zunächst zerbrach die Platte, dann bildeten sich Vulkane, die, zusammen mit den aufgewirbelten Staub, eine Eiszeit auslösten. Vor allem große hungrige Tiere, wie die Echsen, wurden geschwächt, sodass die Menschen sich ihrer Feinde leicht entledigen konnten. Doch kurz bevor die Menschen die letzten Dinosaurier ausrotteten, schlossen sich diese zu einen Rat zusammen. Sie berieten wie sie überleben konnten, kamen aber auf das Ergebnis, dass sie keine Chance hatten und opferten sich in ihrer Verzweiflung sich um eine Art zu gebären, die den Menschen Einhalt gebieten würde. Ihr gefrierender Lebensatem wurde zu den ersten Eisgeistern. Sie lebten von Menschenseelen und versuchten durch Temperaturen unter -30 °C sich neue Nahrung zu schaffen, doch die Menschen hatten eine Möglichkeit gefunden aus Leichen Wärme zu erzeugen und isolierten ihre Behausungen gut. Deshalb schuf man Antiarten gegen die Menschen. Dieses waren wir, die Nachtwesen. Wir schlugen uns gut. Vampire, wie ich, konnten dank unserer verführerischen Art in die Behausungen eindringen und dort morden. Die Werwölfe lauerten draußen auf Flüchtende. Unsere Jagdmethoden waren erfolgreich. Wir konnten nahezu die gesamte Menschheit ausrotten, doch mussten feststellen, dass sich einige Menschen auf zersprengten äquatornahen Kontinenten geflüchtet hatten, wo weniger Staub den Himmel bedeckte. Die Eisgeister hatten in diesen Regionen keine Macht, zudem war die Sonne ein natürliches Schutzschild gegen unser Wirken. Nun standen wir hungrig auf den Trockenen. Die Sonne schmolz zu aller Unglück die Macht unserer Beschützer dahin, welche ohne Seelen sich in eine Ruhephase begeben mussten. Wir folgten deren Beispiel und froren uns in Gletscherspalten ein. So vergingen paar Jahrtausende Warten. Wir kamen frei in einer sorglosen Gesellschaft von Menschen von denen wir uns heimlich und heimtückisch ernährten. Unauffällig, damit die Menschen nicht flohen, weil wir jetzt klüger waren und wussten, dass wir die Menschen brauchten. Dann kam dieser Krieg. Er weckte die Eisgeister aus ihren Schlaf. Da eine globale Eiszeit herrscht, besitzen sie momentan Macht über die Erde. Sie wollen diese nicht mehr verlieren und hecken deshalb Pläne aus, die Menschen zu züchten. Willst du wirklich als Zuchttier enden?“
„Wenn euer Staatsputsch scheitert, seid ihr wieder Eisklötze. Zudem möchte ich auch ein Tagleben haben, nicht mich in der Nacht verkriechen müssen.“
„Musst du nicht als Werwolf. Nur eine Vollmondnacht zwingt dich in die Werwolfform.“, warf Lofwa ein.
„Vergiss den Tag. Ich biet mich dir gegen eine Verwandlung in einen Vampir an.“, die Vampirin setzte ein verführerisches Lächeln auf.
„Du weißt genau was ich will.“

Sie warteten in der Eingangshalle. Einige Stunden vergingen., als plötzlich ihr ehemaliges Herrchen im Treppenhaus stand. Nicht ansatzweise bleich. Zur Demonstration piekte er sich in den Daumen. Rote Blutstropfen.
„Kommt kämpft!“, gurrte er ihnen zu. Terion rannte, schlug, traf auf eine Mauer. Seine Krallen spritzten in alle Himmelsrichtungen. Den Anderen erging es nicht besser. Dann schlug der Soldat zurück. Hammerschläge erpackten sie, fetzten sie durch die Luft. Na warte! Sie rannten erneut auf den übermenschlichen Menschen zu, nur Frazil fehlte. Terions Instinkt schrillte Alarm, doch er konnte nicht mehr stoppen. Helles Licht. Schwärze.

„Bin es nur ich, der die Magie liebt?“, fragte Frazils Stimme.
„Nein. Aber ich bin nur halb so verrückt wie du.“
„Ich musste Waffentests durchführen. Zudem wer hat dich verführt?“
„Du planst sehr gut. Warten wir bis die anderen aufgewacht sind.“
Terion schlug die Augen auf. Die Vampirin und Frazil unterhielten sich. Keine Spur mehr vom fremden Soldaten, dafür irrsinnige Schmerzen.
„Was ist passiert?“, keuchte er.
„Ich habe euch in die Luft gejagt. Naja, nur so halb. Wenn ich meinen Klon aufgeladen hätte, würden eure Gedärme die Wände zieren.“
„Warum das alles?“
„Weißt du wer in den Gefängnissen meiner Seite, der Demokratischen Friedlichen Union, hockt?“
„Verbrecher?“
„Kriegsgefangene, die auf ihre Hinrichtung warten. Verbrecher werden sofort eliminiert. Aber nun zu meinen Plan: Ich schleuse eure Doppelgänger ein, befreie und transformiere die Gefangenen, um ein Massaker unter der Kasernenbevölkerung zu begehen. Lasst uns beginnen!“
Frazil begann irgendwas auf den Boden zu zeichnen, anschließend hineinzugehen, um zu dirigieren. Eine leise Melodie schien zu erschallen, immer lauter wurde sie. Sie riss Terion mit. Es drang ihn aufzustehen und mitzumachen. Den anderen schien es genauso zu ergehen. Ihr Gesichtsausdruck: Ekstase, wie sie ihn überfallen hatte. Sie ritzten sich ihre Pulsadern auf, um Blut in eine gezeichnete 24-Stunden-Uhr zu spritzen. Die Zeiger standen auf Mitternacht. Immer schneller dirigierte Frazil, immer schneller wurde der Tanz, grelle Lichtblitze zuckten über ihre Körper, Frazil murmelte etwas. Die Realität verzerrte sich. Fremde Erinnerungen schossen durch seinen Kopf. Die Vampirin war Elatra aus der Nachbarzelle, er war Gefangener im Gefängnis, verlogenes Gericht, schmerzvolle Kälte.
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Der Spuk endete. Er fühlte sich müde, die Wunde war verheilt. Den anderen schien es nicht besser zu gehen. Nur Frazil ging es blendend. Er verabschiedete sich strahlend mit einen: „Carpe noctem, erholt euch gut.“

Die Zeit verging wie im Flug. Es war schön, einfach mal sich, ohne den ständigen Artilleriehagel, ohne die ständigen Schusswechsel, ausruhen zu können. Kein Mensch traute sich mehr in die, von ihnen besetzten Gebiete. Die wenigen Mutigen, die es versuchten, waren ein gutes Jagdziel. Rennen konnten diese, jagen konnten sie aber besser. Werwolf von vorne, von hinten, Vampir von überall. Armer Frazil, der in den Militärbasen den Ausbruch vorbereitete. An Vollmond stießen er und einige Neue zu ihrer Gruppe, blutrot ihr Fell. Es war vollbracht.
„Carpe noctem.“, hechelte Terion freudig.
„Einfach mal ausruhen. Der Kasernendienst war hart, selbst für einen Werwolf.“, ächzte Frazil, fiel in den Schnee. Seine Augen schlossen sich, er begann zu schnarchen. Welch eine Idylle.
Falsch gedacht.
„Achtung. Achtung. Der Krieg ist vorbei. Die Demokratische Friedliche Union hat aufgrund einer ungewöhnlichen Wettersituation gewonnen. Der Gegner wurde ausradiert.“, brüllte jedes Radio, jedes Handy, jeder Lautsprecher. Die Ruhe war damit sofort gestorben. Immer wieder wiederholte sich die „freudige“ Nachricht.
Die Straßen füllten sich mit jubelnden Menschen. Der Schneesturm ließ nach, doch die hervorkommende Sonne strahlte schwärzlich, verbreitete aber Wärme und Licht, sie verbreitete Leben für sie und ihr Futter. Etwas kribbelte in ihm, es war als schiene ein zweiter Vollmond. Was zum Teufel war das?
„Wir, die Kältegeister, haben die Sonne eingenommen. Die Welt gehört nun uns Nachtwesen, Tag und Nacht. Besonderen Dank gilt Frazil für sein Massaker, das uns endlich genügend Seelen verschaffte.“, hörte er die Sonne rufen. Was war mit den Vampiren? Schadete ihnen dieses spezielle Sonnenlicht nicht? Elatra hatte ein seliges Lächeln im Gesicht als sie sich in eine Fledermaus verwandelte und sanft abhob in die Weite des Tages sanft abhob in die Weite des Tages, ihr aller neues Reich.

Ende

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Kranichflug


Die Sonne strahlte, tauchte die Straße in milder Wärme. Ein Mädchen spielte auf den Bordstein. Das neunjährige Mädchen schaute furchtvoll empor, als ein Röhren erklang. Düsenjäger, sie rannte Richtung Schutzkeller. Ihre Schühchen flogen wie der Wind, ein unachtsam verlegter Schlauch kam dazwischen, der sie stürzte. Ihr Köpfchen krachte auf eine Bordsteinkante.
Sie war ein Kranich, majestätische kreiste sie über der Stadt. Die Düsenjäger gaben einen wunderschönen Windschatten und wärmten mit ihren Abgasen. Unter ihr gingen Bomben hoch. Schöne Explosionen, bloß leider zerstörerisch. Häuser stürzten zusammen, die schöne Stadtkirche war nur noch ein Schuttberg. Dort irgendwo unten musste der Luftschutzbunker sein. Bauernhöfe und Felder rasten an ihr vorbei. Sie erblickte ein schönes, matschiges Feld. Wasser und Samen im Überfluss, doch auch viel Konkurrenz. Vorsichtig ging sie in den Landeanflug. Klappern von Storchen, die sie vertreiben wollten. Doch sie wand sich durch und fraß bei einen Schwarm Artgenossen.
„Anna, halte durch.“, schrien ihre Eltern durch eine Art Höhle. Sie schaute auf. Dunkelheit, Regen plätscherte durch ihr Gefängnis, ein zusammengestürztes Haus wie sie an den Trümmern erkannte. Das Haus hatte ein Freiraum über sie gebildet. Sie war von den Trümmern verschont geblieben, dennoch litt sie Schmerzen an Knien und Handfläche durch den Sturz. Sie begann zu weinen.
„Wir kommen, Schatz. Danke, dass du lebst.“
Langsam glitt sie wieder in ihre Träume ab.
Der Kranich flog mit den Wind, ein Röhren hinter ihn, Flugzeuge, die Bomber von vorhin. Sie hatten anscheinend nur eine große Schleife geflogen. Sie musste ihre Eltern warnen.
„Passt auf! Die Bomber kommen wieder.“, schrie sie mit ihrer kindlichen Stimme.
„Da hätten uns die Sirenen gewarnt. Schatz, du bist gleich frei.“
War es nur ein Albtraum? Sie öffnete die Augen. Durch ein schmales Loch sah sie in die Augen ihrer besorgten Mutter. Erleichtert seufzten beide auf. Bald war das Loch Bierdeckel groß. Ihre Eltern schauten entsetzt auf, etwas vibrierte, dann waren sie weg, tot, getroffen. Sie musste selbst graben, aber ihre Hände schmerzten höllisch. Mühsam grub sie eine Öffnung durch die ihr Köpfchen passte. Leichen überall, ihre Eltern waren splittergespickt, doch lebten noch.
„Schatz, grab weiter.“, befahl ihre Mutter. Sie grub und grub, schlief vor Erschöpfung ein.
Der Kranich flog durch den Nieselregen in die zerstörte Stadt. Es war grauenhaft wie zerstört sie war. Ein Ziegel fiel geräuschvoll von einen Dach. Langsam näherte sie sich der Straße in der sie lag. War der Kranich real? Oder nur ein schöner Traum? Die Straße, in der sie lag, war eine einzige Trümmerlandschaft in der ihre Eltern schmerzgekrümmter Haltung lagen, tot. Sie sahen schlimm aus. Der Kranich musste daran denken, dass er ebenso leicht enden konnte und wollte deshalb nicht durch das Loch zu ihr schlüpfen. Zu leicht gab es einen Ruck, der ihn zerquetschen würde.
Sie öffnete ihre Augen, streckte ihre Hände durch das Loch in die Freiheit. Etwas landete auf ihnen, der Kranich. Also kein Traum. Der Vogel pickte eifrig einige nervende Hautfetzen ab. Sie streichelte ihn im Gegenzug vorsichtig und entfernte anschließend Ungeziefer in seinem Gefieder. Morgen wäre sie frei und würde mit ihm den ganzen Tag verbringen. Doch erst einmal benötigten sie beide etwas Schlaf. Ein schönes warmes Gefühl durchfloss ihre Hand, während sie einschliefen.
Ein Brummen, dass sie durch seine Ohren vernahm, weckte sie. Neue Bomber in Anflug. Sie katapultierte ihn hoch in die Luft, wo er erschrocken in die regennasse Nacht hinweg flog. Würde der Schuttbunker standhalten? Sie verkroch sich tief in ihn und konzentrierte sich auf den Kranichflug, um die finsteren Gedanken zu vertreiben. Das Brummen drang nun auch in ihr menschliches Ohr.
Sie umkreiste neugierig das ankommende Flugzeug. Es war langsam und trug etwas unter seinen Bauch. Eine andere Bombenart? Atombombe, ja genau Atombombe, hatte ihr Vater dazu gesagt als er mit ihr die Bombenarten und ihre Gefahren durchging. Wie er ihr dabei durchs Haar streifte, nun war er tot und sie musste fliehen. Atombomben hatten riesigen Sprengradius, wusste sie. Die einzige Möglichkeit aus der Stadt ohne von der Bombe getroffen zu werden, war dem Flugzeug mit der gefährlichen Fracht zu folgen. Eine einfache Aufgabe. Es klickte, die Bombe fiel hinab auf die Trümmerstadt. Der Flieger beschleunigte, sie auch, doch der Jet war so schnell und ermüdete, im Gegensatz zu ihren Muskeln, nicht. Plötzlich flog das Flugzeug eine Kurve, es wollte das Schauspiel beobachten.
„Nicht in den Atomblitz schauen.“, hatte ihr Vater sie vor den gefährlichen Atomen gewarnt. Nur weg, weiter weg. Nicht zurückschauen. Ein weißer Lichtblitz erleuchtete kurz die ganze Umgebung, wie Blitzlicht, ein übergroßes Blitzlicht.
Schmerzen durchfuhren ihren gesamten menschlichen Körper. War da nicht irgendwas mit einer Atomerkrankung? Strahlenkrankheit genannt.
Ihre Augen öffneten sich, doch nichts als Schwarz. Ausgebrannt in ihren Höhlen, obwohl sie die Augen geschlossen gehabt hatte. Und ihre Haut – auch verbrannt. Ihr wurde übel.
Der Kranich wendete und flog ihr zur Hilfe. Es dauerte fast eine Ewigkeit bis er ihre Position wieder erreicht hatte. Sie sah durch seine Augen, dass das Loch fast wieder verschüttet war. Ihre Eltern waren nur noch Schatten auf den Trümmern. Ein letztes Mal die Hand ausstrecken und sich von ihren gefiederten Freund verabschieden. Mit eisernen Willen grub sie das Loch trotz höllischer Schmerzen wieder neu. Der Kranich setzte sich auf ihre Hand und kribbelte. Ein Röhren, nicht schon wieder. Sie holte den Kranich durch das Loch, küsste ihn zum Abschied und warf sie ihn durchs Loch zurück in den Himmel. Ihre Augen schlossen für immer, der Kranich flog hoch, flog in den Windschatten des umherkreisenden Jets. Die heißen Abgase trockneten ihr nasses Gefieder. Sie war nun der Kranich und zwar für immer. Das Flugzeug beendete seine Kurven. Auch sie musste weg, weg von Karthago. Im Windschatten flog sie Richtung neuer Heimat, der Welt. Was sie nun schützen würde, wäre ein strenger Naturschutz und die Tatsache, dass Tiere dem Menschen egal waren.

Ende

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Der Arme


Franz wusste schon bevor er die Schulaufgabe ausgeteilt wurde, dass es eine Sechs war. Dabei hatte er doch alle Antworten zu den Fragen aufgeschrieben. Bloß leider schweifte er ab. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Sein, von den Dauerstress erschöpftes, Gehirn konnte keine Leistungen mehr hergeben. Egal wie lange er büffelte beziehungsweise gründlich Hausaufgaben machte, er schaffte es nicht mehr psychisch. Vor drei Jahren hatte er noch nur Einsen und Zweier. Auch sein Gesicht hatte sich verändert: Ringe unter den Augen, weil er alles erledigen wollte. Einmal hatte ihn ein Mitschüler erklärt, dass es nicht schlimm sei, wenn man die Hausaufgaben nicht mache, schließlich gäben die Lehrer extra viel auf, damit auch die Faulpelze was lernten. Wahrscheinlich hatte sein Mitschüler recht, doch es war zu spät, er würde das Jahr nicht mehr schaffen. Seine Wiederholungschance war abgelaufen, er war draußen. Warum nicht gleich die Schule schmeißen? Auf jeden Fall würde er es ruhiger angehen. Er machte gleich im Unterricht ein Nickerchen. Zwar störte ihn seine Lehrerin, doch mit: „Ich schaffe es eh nicht mehr.“, rührte er sogar ihr Herz. Von der Schule gleich ins Bett, die Hausaufgaben warteten, doch nie mehr würden sie gemacht.
Er wachte erst am nächsten Schulmorgen auf. Endlich ausgeschlafen. Seine Eltern waren bestürzt und traurig zugleich: „Wir haben dich gefördert. Warum hast du es versaut?“
„Wisst ihr? Ich fühle eine gigantische Last von mir genommen.“
„Die Schule ist wichtig, nimm sie nicht auf die leichte Schulter.“
„Oh doch.“
Dieser Morgen war anders, sie schrieben eine Stegreifaufgabe. Entgegen zu der in der letzten Woche, ratterten die Antworten durch sein Hirn aufs Papier. Bei der Hälfte der verfügbaren Zeit war er bereits fertig, der Lehrer stutzte: „Was ist mit dir los? Warum nicht gleich so“
„Ich habe Ballast abgeladen.“, grinste Franz.
Doch sein neuer Lebensstil half nicht mehr. Er fiel durch, trotz schlagartiger Besserung der Leistungen. Warum hatte er sich nicht wie der Mainstream verhalten? Es ging in der Schule nicht um Intelligenz, sondern um angepasstes Verhalten. Warum hatte er es nicht schon früher gemerkt?
Dachte er, Schule wäre Horror? Der Horror ging am Tag nach dem Zeugnis los. All seine Zeit wurde durch eine spezielle Ausbildung zum Juristen geopfert. Man förderte ihn bis zum Biegen und Brechen, es war als würde ein Loch sich auftun und ihn verschlingen. Er galt als Sonderling, sein Verhalten war gezwungen und er verpatzte natürlich Prüfungen. Als er seinen Abschluss unter Gelächter der anderen in die Hand gedrückt bekam, wusste er schon, dass er nicht bestanden hatte. Die Anderen hatten etwas namens Freundschaft, wofür er leider keine Zeit hatte. Wieder war er unangepasst gewesen, warum nur? Wie ein streuender Hund schlenderte er zurück nach Hause. Es war ein strahlender Tag an denen Andere feiern würden, doch er musste in Schweiße seines Angesichts nach Hause latschen und Rüge bekommen. Nur noch zwei Kilometer. Er sah einen herrlich breiten Schatten unter einer Eiche. Warum nicht kurz ausruhen? Gesagt getan. Es war so schön.

Freundlich schien die Sonne auf ihn hinab. Hatte er verschlafen?
„Aufstehen!“, brüllte eine harte Stimme. Die Sonne wurde zum warmen Licht einer Deckenlampe. Er lag nackt auf einer Pritsche, eingezäunt durch weiße Mauern eines… Gefängnis! Schnell zog er sich die herumliegende Kleidung an, dann wurde schon seine Zellentür geöffnet.
„Na du Pussy. Mach gefälligst dein Bett!“, schrie ihn der menschliche Wecker an. Es war als wäre Vakuum. Seine Hände ballten sich zu Fäusten um einfach zuzuschlagen. Schlagen, schlagen, treten. Etwas verpasste ihn einen elektrischen Schock.

Wieder erwachte er durch ein: „Aufwachen!“. Schnell machte er das Bett, nachdem er sich angezogen hatte.
Diesmal war es das Duschen. Eigentlich wollte er nicht, doch Wärter zwangen ihn. Vorsichtig ging er mit seinen Handtuch zu den Duschen. Es war ein gefliester Raum, in dem ausnahmsweise keine Wärter waren. Wieso? War das nicht gefährlich? Kaum war der Gedanke zu Ende, stürzte er schon. An die fünfzig Gefangene auf ihn.

Diesmal erwachte er in einen Gerichtssaal. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Er stand einfach auf. Seine Glieder schmerzten. Er fiel ächzend wieder auf den Stuhl zurück. Zweiter Anlauf. Er kam auf die Beine und fragte verwirrt: „Wo bin ich? Was wird mir vorgeworfen?“
Plötzlich stand sein Vater neben ihm und verpasste ihn eine Ohrfeige, mit den Worten: „Du bist nicht mehr mein Sohn. Das hier ist mein letztes Geschenk an dich.“
Das Verfahren ging weiter. Man warf ihn Herumlungern als sittenwidriges Verhalten und gefährliche Körperverletzung vor.
Wieder stand er auf: „Entschuldigung für die Körperverletzung euer Ehren. Ich bin, wie alle sehen, ein bisschen verwirrt gewesen. Es war eine echt anstrengende Zeit gewesen.“
Er hätte besser in die Klägerbank sehen sollen, alles Verbrecher. Unter ihnen einer fast vollständig in Gips. Sie liefen rot an: „Scheiß Ausrede. Für solche Ausraster sitzen wir im Knast.“
„Ich hatte nicht mal zehn Minuten mich zu orientieren als ich im Gefängnis aufwachte.“
„Normale Menschen brauchen nur eine Minute. Ich habe eine Studie.“, erklärte der Anwalt der Ankläger. Eine Statistik wurde an eine Leinwand projektiert. Sie belegte exakt dieses, hatte aber einige Ausreißer.
„Ich bin einer der Ausreißer in der Statistik.“, verteidigte sich hastig Franz.
„Mag sein. Aber Sie gelten trotzdem als normaler Mensch, deswegen gilt diese Ausrede nicht.“, entschied der Richter, der Hammer knallte, „Die Verhandlung ist geschlossen. Fünf Jahre.“.

Seine Mitgefangenen demütigten ihn auf diverse Arten, bis er zu Alkohol griff. Es fühlte sich gut an alle Sorgen zu vergessen. Die Zeit verging in einen Rausch, sie alle lallten glücklich miteinander, er hatte sich endlich angepasst und wurde nicht mehr gemobbt. Sie redeten mit ihm wie einen Bruder, erzählten ihre tollkühnsten Taten und führten diese theatralisch vor. Dann war er frei, vogelfrei und allein. Er erwachte mit einer leeren Flasche unter einer Brücke. Keine Erinnerungen mehr an gestern, seine Freilassung. Er musste aufhören. Plötzlich überkam ihn ein Schwall von Sorgen. Wie sollte er überleben? Wo bekam er zu essen? Was war mit seinen Eltern? Er legte sich wieder hin.

Er erwachte durch das Lachen von besoffenen Jugendlichen, Jungen und Mädchen, die miteinander anbandelten, ansonsten die schwache Schwärze der Nacht. Er würde auch so werden, ein willenloser Spielball der Gefühle, wenn er nicht sofort aufhörte zu saufen. Er hob eine herumliegende Eisenstange auf und golfte mit aller Kraft seine Bierflasche. Sie flog nicht mehr, sie zerbrach gleich in tausend Trümmergeschosse.
Die tote Nacht erfüllte sich mit Leben. Millionen Lebewesen wichen den Splittern aus. Nein, er würde nie wieder trinken. Zufrieden stützte er sich auf der Stange ab und genoss die Lichter der Stadt.
„Schau mal den Penner an, verschandeln unsere Stadt durch ihr Aussehen.“, keifte ein Mädchen.
„Wieso?“, antwortete er gelassen, „Ihr seid es doch, die uns schaffen. Nicht alle überstehen eure Gleichschaltung.“
„Nun werd‘ mal aber nicht frech.“
„Wer hat mich zu dem gemacht? Ihr. Habt mich ins Gefängnis gesteckt, zum Säufer gemacht und wollt mich nun loswerden. Es ist genug Platz für uns alle.“, seine Stirn begann zu pulsieren.
„Können wir euch berechnen? Nein, ihr seid frei, ein Risiko.“, das Mädchen wurde lauter und schriller, „Wir Hochwohlgeborenen können nicht mit euch zusammenleben. Wir könnten vergewaltigt werden. Schnappt ihn euch Jungs!“
Morden ängstigte ihn. Einfach wie ein Test vorstellen! Bloß, dass der Test nicht für ihn, sondern für andere tödlich wäre. Die Stange schwang hoch in die Luft, holte aus und traf ein Gesicht wie eine Zielscheibe. Ruhe, ausholen. Die Bastarde aus der selbsternannten hohen Gesellschaft, sein Schläger traf eine weitere Zielscheibe und zermatschte sie, wollten Blut, sein Blut, doch nicht sterben, nicht sterben! Ein weiteres Opfer. Das Ende der Stange war spitz. Konnte er damit zustechen? Ja, er konnte. Einer der Jungen, starb wie ein Vampir. Herrlich, diese menschliche Wärme, wie sie seine Füße umfloss. Wie konnte er den gefährlichen Konsequenzen der Situation entfliehen? Niemand durfte davon erfahren. Er schnitt den restlichen Angreifern, den Fluchtweg ab, um mit quergestellter Stange sie in den Fluss zu schieben. Schläge prasselten auf seinen Körper als er wie Stier alle in das tödliche Wasser schubste und dort ertränkte. Blutfäden lösten sich von seiner Kleidung und verschwand in der Ferne des Flusses. Der Fluss wurde kalt, besonders nachdem jeglicher Widerstand seiner Opfer aufhörte.
Zehn Minuten wartete er, dann war er sicher, dass es keine Überlebenden gab. Was war mit ihm los? Er war doch kein Mörder? Test bestanden, Zweifel entledigt. Er stieg aus den Wasser.
Heute würde er in den einzigen anonymen Hotels der Stadt übernachten: Bordellen oder wenn es gut lief Privatwohnungen der Prostituierten. Geld hatte er genug. Zweihundert Mäuse konnte er den Toten entnehmen. Sah jetzt wohl aus wie ein Raubüberfall, aber das war ihm egal. Herumlungern war auch strafbar und heute war er mal weg von der Straße.
Seine Waffe steckte er auf seinen Weg schnell in lockeren Boden, so dass es aussah als wäre sie ein Pfosten, Minuten später war er schon in der Gasse mit all den Prostituierten.
Die Hübschesten, Erfahrensten wendeten sich von ihm ab, er war wohl kein lohnendes Ziel. Dachten vielleicht an ein bisschen Hartgeld. Wenn sie wüssten. Eine blutjunge Prostituierte wurde immer wieder abgebügelt. Sie war verzweifelt, würde ihn nicht verpfeifen. Und so hielt er Kurs auf sie.
Sie war so nervös, dass er nicht verstand was sie ihm sagen wollte. Ständige Versprecher, Selbstkorrekturen. Ersteinmal legte er seine Hand sanft auf ihr Rücken und folgte ihr in ihre Arbeitsstätte, eine kleine Wohnung, perfekt.
Eine ältere, aber immer noch hübsche Prostituierte, klatschte Beifall.
„Na endlich. Ich sehe du wirst erwachsen.“, lobte sie sie.
„Er hat mir nachgeholfen.“, wisperte sie verlegen
Die Mutter wandte sich an ihm: „Ich muss meiner Tochter mein Handwerk beibringen. Danke dass du dich ihr angenommen hast.“
„Irgendwie ist sie nicht für deinen Job gemacht.“, antwortete Franz.
„Mag sein, doch hat sie eine Wahl? Ich hab versucht ihr eine gute Ausbildung zu verschaffen.“
„Aber du hast aufgrund des Drucks versagt. Kenn‘ ich das Problem.“, unterbrach Franz an das Mädchen gewandt. Sie nickte schüchtern. Er streichelte ihren Kopf, die Anspannung der Nacht fiel von ihm ab. Die Mutter schüttelte ihren Kopf: „Die Welt ist krank. So blutjung und schon kaputt. Mein Junge, ich sehe, du bist ein Mörder, doch hast ein gutes Herz. Gib deine Kleidung her, ich wasche sie.“
In den Augen der Mutter spiegelten sich Tränen der Sorge, in der der Tochter Tränen der Angst.
„Was hast du getan?“, fragte sie ihn ungläubig.
„Ich wurde angefallen, hatte eine Mordswut.“, eine grausame Faszination überkam ihn, „Stell dir vor es wäre ein Test und du müsstest Menschen töten statt Fragen beantworten.“
„Was?“
„Entschuldigung. Ich weiß nicht was über mich gekommen ist.“
„Aber ich.“, die Mutter deutete auf sein Herz, „Es hat gesprochen. Du bist ein guter Mensch, weil du menschlich bist. Menschlich ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, sondern auch Hass, Niedertracht und Schmerz. Lass dich nicht einlullen! Alle menschlichen Instinkte sind gut, doch der Verstand muss sie in richtige Bahnen lenken, sonst endest du als menschlicher Abschaum.“
Er nickte andächtig. Die Frau war sehr weise trotz ihrer niedrigen Stellung. Das Gesellschaftssystem war falsch.

Kaum war er aufgewacht, nagte sie ihm das Ohr ab mit ihren Problemen. All ihre Ängste, vorallem wegen Gewalt. Schuldbewusst dachte er an seine gestrigen weiblichen Opfer, doch halt. Sie waren Bestien, im Gegensatz zu ihr. Er erfuhr, dass sie Justizia hieß. Welch bittere Ironie. Die gesetzliche Justizia verkaufte sich auch, nur an mächtige Unternehmen statt armen Privatpersonen.
Mit dieser Feststellung rang er ihr ein Lächeln ab. Sie fuhr fort. Angst, Angst, Angst.
Zeit es zu durchbrechen: „Warum hast du vor allem Angst? Warum zum Beispiel vor einen Raubüberfall?“
„Ich würde sterben. Entweder ich werde erschossen oder verhungere ich ohne Kohle.“
„Dann kämpf doch und biete als Geschenk, wenn er dich besiegen sollte, eine Gratisnacht.“
„Und was wenn er grob im Umgang mit Frauen ist?“
„Dann verlier nicht. Gestern Abend war ich mindestens zehn zu eins unterlegen. Wer hat gewonnen? Ich.“
„Was wenn mich ein Messer geschweige denn eine Kugel trifft?“
„Das Risiko muss man eingehen. Und du hast es als Frau eh besser als ich. Kannst sie doch einfach verführen und im geeigneten Augenblick abstechen.“
„Ich kann nicht kämpfen.“
„Du kannst. Komm mit!“

Stürme brausten, es schüttete wie aus Kübeln. Er zog Justizia trotz ihrer Bedenken hinaus. Langsam wich ihre beide Kleidung auf, während sie Richtung Kampfplatz, einen verlassenen Fabrikgelände, den er von Kindheitserinnerungen her kannte, schlenderten. Seine Kleidung wurde nasser und schwerer, seine Bewegungen arg gehemmt. Aber auch so reichte es aus, um ihr die Tränen ins Gesicht zu treiben. Und sie? Nicht mal einen Schlag hatte sie auf ihn landen können.
„Pause!“, rief sie ihm mit hochroten Gesicht zu. Sie lehnten sich an eine Mauer. Regen prasselte, ein Blitz zuckte am Himmel, ein schwacher elektrischer Schlag durchfuhr ihre Körper.
„Komm gehen wir rein.“, flüsterte er ihr zu. Sie nickte fröstelnd. Das Innere der Fabrik war düster, perfekt für eine Häuserkampfübung.
„Was ist das eigentlich für eine Maschine?“, Justizia deutete auf eine verstaubte kastenartige Anlage. Er ging näher ran, um sie besser zu betrachten können.
„Es ist eine Walzmaschine.“, stellte er fest. Stille. War ihr etwas zugestoßen?
„Justizia?“, er drehte sich um, sie war verschwunden.
Fremde Stimmen wurden hörbar. Plötzlich rollte eine Metallstange vor seine Füße. Die Richtung aus der sie kam, Schwärze.
„Justizia? Lasst uns abhauen“, brüllte er nochmal durch die Hallen
Die Stimmen kamen näher.
„Justizia?“, ein kläglicher Schrei. Die Stimmen waren da. Wieder solche neunmalkluge Jugendliche wie die gestern.
„Was machst du in unseren Territorium?“, blaffte ihn der Anführer an. Justizia war geflohen, hatte ihn zurückgelassen und schaute aus sicherer Entfernung zu. Dessen war er sich sicher.
„Ich trainiere. Was dagegen?“, konterte er selbstsicher.
„Ja. Der Ort gehört uns.“
Pistolen wurden auf ihn gerichtet, doch wie. Wie in Filmen, nicht wie es ihm seine Zellengenossen gezeigt hatten. Vor diesen Dilettanten brauchte er keine Angst haben. Der Anführer kam näher, ein Butterfly in der Hand.
Er lachte hämisch: „Vor solchen Dilettanten habe ich keine Angst. Nicht einmal entsichert habt ihr.“
Mit diesen Worten griff er an. Seine Stange vibrierte von den Aufprall auf den Kopf des Anführers. Betonschädel halt. Klick. Klick. Ungläubig schauten die Pistolenträger auf ihre Pistolen, liefen rot an als sie ihre Waffen wieder entsicherten. Doch da war er schon bei ihnen. Einer riss die Pistole hoch direkt vor seine Stirn.
„Man ist die schwer.“, der ausgestreckte Pistolenarm sackte nach unten, die Kugel flog zwischen seinen Beinen durch, bevor der Rückstoß den Angreifer die Pistole ins Gesicht schleuderte. Ein Stöhnen, der Typ hielt seine gebrochene Nase. Ein männlicher Jugendlicher schrie in der Dunkelheit auf, es tropfte Blut. Justizia war auf seiner Seite.
Alle drehten sich zur Dunkelheit, bis auf ihn, er erschlug den Anführer.
Fünf Schüsse erklangen, den Angreifern spritzte Gehirnmasse aus den Kopf, sie fielen zu Boden. Justizia hatte eine der Pistolen in der einen, ein schön geschwungenen Dolch in der anderen Hand. In ihrem Gesicht ein irres Grinsen als sie ihren blutigen Dolch mit den Butterfly verglich.
„Schweine wie ihr haben meinen Bruder Derik eingeknastet. Wegen Urheberrechtsverletzungen. Und das auf Werken, die er selbst geschrieben hatte. Raubkopiert und den Urheber eingeknastet… Schweine.“, ein Schuss knallte durch das Hirn eines Toten, „Und ratet mal wer die Peiniger sind?“
Stille.
„Betriebswirtschaftler, Leute, die schon dafür kassieren, dass sie Arbeiter ausbeuten, anstatt unnötig lizenzteure Software zu entsorgen. Wenn man auf beide verzichtet, könnte man den Arbeitern einen besseren Lebensstandard gewähren. Zudem sind es die Arschlöcher, die ihr Geld missbrauchen, um das Gesetz auf ihre Seite zu ziehen. Den Autor seine Urheberrechte zu entziehen ist das Mieseste. Dazu brauchen Betriebswirtschaftler Juristen, die nur allzu freudig mitmachen. Patente, die es verdienen Patente genannt zu werden, von kleinen Firmen oder erfinderischen Einzelpersonen, werden missachtet und diese Kleinen haben nicht das Geld sich zu verteidigen. Oder diese werden gleich ausgeschaltet wie mein Bruder.“
Franz legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter.
„Lass uns einen Plan schmieden. Es kann so nicht weitergehen. Wir müssen kämpfen.“
„Gut.“
Sie schoss den Anführer in den Kopf, um sicherzugehen. Anschließend sammelten sie die nützlichen Gegenstände der Jugendlichen auf. Vorsichtig schauten sie nach draußen. Das Unwetter war vorbei. Die Blitze zuckten in weiter Ferne, jetzt war ein guter Zeitpunkt zurückzugehen.
Schweigend planend gingen sie durch die stillen, nassen Gassen.
„Weißt du? Du brauchst Verbündete. Meine Mutter ist eine meisterhafte Menschenkennerin. Frag sie zu diesen Thema.“, strahlte Justizia.

Zuhause war festliche Atmosphäre. Ein blutverschmierter, finster blickender Mann öffnete ihnen die Tür.
„Derik!“, schrie sie erheitert und fiel ihm in seine haarigen Pranken.
„Justizia. Lange nicht mehr gesehen. Hast du deine Ausbildung geschafft?“
„Nein, zu viel Druck. Deshalb bildet mich Mutter in ihren Gewerbe aus.“
„Nein wirklich? Hast du deine Angst abgelegt?“, Deriks Gesicht hellte sich auf.
„Ja. Wie kommt es eigentlich, dass du frei bist?“
„Ich bin bei einen Ausbruch dabei gewesen.“
„Ach nein. Nicht schon wieder eine Hausdurchsuchung.“
„Lasst uns es erst einmal feiern. Schwester hier sind 50 Mäuse als Belohnung, wenn du es schaffst.“
„Wirklich?“, strahlte sie.
„Ja.“
Die beiden verschwanden in ihr Zimmer. Er schaute sich ein bisschen im Tageslicht um. Schicke Wohnung trotz ärmliche Verhältnisse.
„Na. Habt ihr euch beide amüsiert.“, fragte die Stimme der Mutter.
„Nein. Trainiert.“
Die Frau lächelte, Tränen liefen in ihr Gesicht.
„Danke. Ich dachte schon sie würde es nicht packen. Komm mit, ich bin erfahrener als meine Tochter.“
„Gerne. Könnten wir uns dabei ein bisschen unterhalten? Ich habe einen Plan, Frau…“, er stockte.
„Eva, sag einfach Eva.“
Eva schloss hinter ihm die Tür einer anderen „Arbeitsstätte“, einem noch schöneren Schlafzimmer.

Klingeln schreckte sie aus den gemütlichen Ränkeschmieden.
„Polizei.“, murrte sie, zog sich langsam an, er schnell. Hier musste sein Plan beginnen. Er beeilte sich als Erstes an die Tür zu kommen.
„Guten Tag. Ich dachte, ich würde hier Frau Eklase treffen.“, begrüßte ihn einer der vier Polizisten.
„Der gute Tag hat für uns alle begonnen. Kommen Sie mit. Vergessen Sie den Urheberrechtsverbrecher. Sie stehen hier vor einen Massenmörder.“
Es war ihm egal, dass er nicht mal Schuhe angezogen hatte. Er führte sie barfuß durch die nassen Gassen.
„Sind Sie frei, ein Vogel in der Luft?“, fing er harmlos an. Die Polizisten lachten herzlich.
„Nein, es gibt immer noch das Gesetz. Und das ist sinnvoll Kleiner.“
„Was zählt mehr? Gesetz oder Moral?“
„Das Gesetz entspricht der Moral, es ist der Versuch einer Festhaltung.“
„Bilderbuchantwort. Aber ihr glaubt doch nicht jeden Scheiß. Wacht auf, ihr seid keine kleinen Kinder mehr.“
Die Polizisten sahen sich verwundert an. Er setzte nach: „Habt ihr nie ein Gesetz ausführen müssen, dass euch missfiel?“
Beide nickten verschämt.
„Wie sieht es mit eurer Unabhängigkeit aus? Ihr macht die Drecksarbeit der Legislative und Judikative.“
„Willst du uns vom Staat lösen? Nein, wir sind nicht bestechlich.“
„Aber eure Chefs.“
Das saß.
„Was schlägst du vor, Kleiner? Willst du den Hitlerputsch wiederholen?“
„Nein. Ich will euch vereinen und eine neue, bessere Demokratie schaffen. Das Problem an der heutigen Demokratie ist, dass jeder mitwählen kann.“
„Das ist doch genau der Sinn.“
„Damit kommen aber auch viele Idioten an die Spitze. Auch euer Erzfeind Hitler. In dem System, das mir vorschwebt, beweisen sich die Wähler erst, dass sie würdig sind. Doch nach welchen Kriterien? Raten Sie mal.“
„Moral?“
„Falsch. Moral kann man nicht messen, dafür aber Kampftalent und Motivation. Nur solche sollen nach meinen Putsch wählen können, der Rest muss sich anpassen.“
Die Polizisten begannen herzhaft zu lachen.
„Gut, dann beweise ich es euch.“
Der nun schwierigste Test stand bevor. Wie sollte er Nazis von irgendwelchen neuen Ideologien überzeugen? Nazis suchten Sicherheit und Kameraden… Sie erreichten die berüchtigte Gegend und schon kam eine Gruppe Stiefelträger auf sie zu.
„Hey Kleiner, suchst du Ärger?“, ein muskulöser Hüne trat aus der Gruppe hervor.
Er bedeutete den Polizisten zu warten.
„Nein, ich suche Freunde.“
Der Hüne war verdutzt.
„Vergiss die Juden, vergiss die Ausländer, doch nicht die Freiheit. Es ist die dumme Masse. Sie wollen Frieden, nehmen den Freien die Waffe aus der Hand.“
„Nicht aus unserer.“, lachte der Nazi.
„Mag sein, doch könnt ihr frei sein? Die Waffengewalt muss im Volk liegen, nur motivierte Krieger sind gute Staatsbürger. Eine kleine Minderheit hat keine Chance.“
„Hast du je gekämpft? Ich war bei der Armee. Unhaltbare Zustände dort, weswegen ich ausstieg und mich den Nazis anschloss. Man stelle sich vor, man darf das Funkgerät nicht in den Wagen ummontieren. Raus in den Tod rennen mussten wir. Ich will einen Führer, der uns wenigstens gute Waffen gibt, die wir dann auch benutzen dürfen.“
„Ich habe gekämpft, gegen irgendwelche hirnverbrannte Jugendliche. Hab sie umgebracht mit einer Eisenstange und meine Freundin hat auch welche erschossen.“
„Wirklich?“
„Komm kämpfen wir, doch bitte nicht bis zum Tod.“
Er zog sein Hemd aus, der Nazi stutzte kurz bevor ein Dämon hinter seinen Augen erwachte.
Die Schläge des Nazis waren die eines Hammers. Seine ungeschützte Haut, der Amboss auf den seine Konterschläge bis zu ihrer Vollendung geschmiedet wurden. Der Nazi wurde immer schwächer, seine Schläge immer effizienter. Er warf den Nazi über sein Bein auf den Boden. Ein Schrei, aus dessen Bein quoll Blut. Wieso? Eine runde Ausbuchtung war in dessen Hosentasche zu sehen. Vorsichtig zog er den Gegenstand aus dessen Fleisch heraus, ein Butterfly. Man war das erbärmlich seine Waffe nicht richtig zu sichern, sodass sie bei Körperkontakt gleich einen selbst verletzten. Nazis waren auch nur Kiddies.
„Ihr seid unter meinen Niveau. Könnt auch nicht mit Waffen umgehen. Tschüss.“
Die Nazis waren peinlich berührt, während sich die Polizisten schadenfreudig ins Fäustchen lachten.
„Warte!“
Sekunden später war er Anführer einer ansehnlichen Armee.
„Polizisten sind nicht böse genausowenig wie die Armee. Lasst euch nicht gegen das Volk aufhetzen! Werdet Teil von ihm.“
„Soll ich einen Bekannten in der Armee anrufen? Nehmen wir den Politikern auch noch ihr liebstes Spielzeug weg.“, fragte einer der Nazis
„Gerne. Wollen wir auch das Stadtgefängnis in unsere Kontrolle bringen?“
„Mit dir ja, Führer.“
Franz machte einen kleinen Umweg zum Gefängnis um sich die aufgegebene Eisenstange wieder anzueignen. Sie steckte noch fest als Pfosten als er sie herauszog. Erstaunlich, dass niemand den Betrug bemerkt hatte. Dann erreichten sie sein altes Heim. Vor nur einen Tag war er noch Insasse, nun konnte er von draußen das Ungetüm verachten. Es beherbergte Millionen, eingesperrt durch eine unendlich hohen Mauer aus Stahl und Stacheldraht. Er erinnerte sich zurück an seine Zeit im Knast. Wie konnte er die Wärter überzeugen? Gar nicht! Wurden Menschen als Wärter gezwungen, so hatten sie eine Wahl und nur ein Teil entschied sich für gnadenlose Kontrolle. Die hier hatten aber sich jenes selbst ausgesucht. Das hieß Macht um jeden Preis über die Gefangenen. Wehe ein Revolutionär. Sie traten im Empfangsschalter ein.
Deriks Stimme lachte: „Mit wen ich im letzten Monat Sex hatte? Meine Schwester.“
Man hatte ihn verarscht, eine zweite Streife geschickt, um die Eklase abzuholen.
„Was für ein Schwein sich an seine Schwester zu vergehen. Sperrt ihn ein.“
Justizias Stimme: „Nein, ich bin Prostituierte.“
Er erreichte harmlos das Foyer. An dem Tresen die Familie Eklase. Derik wurde gerade in den Knast gebracht.
„Beweis es! Kommt her!“
Wärter strömten eilig von überall herbei in ein Nebenzimmer. Sollte er die Zellen öffnen? Eva gab ihm mit einer Handgeste zu verstehen, er solle warten.
Gefühlte zehn Minuten vergingen, als plötzlich etwas tropfte. Blut, es floss unter der Tür hervor. Sie flog auf, in ihr Justizia, ihren Dolch blutgetränkt in der Hand, die Augen glichen die eines Raubtiers, doch die Kleidung war weiß wie die Unschuld.
„Ich weiß jetzt warum Justizia blind sein soll: um die Machenschaften der ehrlichen Bürger nicht aufzudecken.“, höhnte sie, sie fügte mit Funkeln im Augen hinzu: „Holen wir beide meinen Bruder? Der Dolch meiner Vorfahren dürstet nach Blut.“.
„Ja.“
Es dauerte nur zwei Tote um an ihren Bruder ranzukommen, zehn weitere, um in den Gefangenentrakt einzudringen. Mitten im zentralen Wachraum, betätigte er die elektronische Entriegelungsmechanik für alle Zellen, um anschließend mit den Verbrecherstrom ins Freie zu fliehen. Plötzlich kam ihnen ein Verbrecher mit entstellten Gesicht entgegen.
„Entschuldigung für meine Beleidigung damals und den Rachefeldzug. Du bist ein toller Kumpel.“
Das war der Typ, welchen er zusammengeschlagen hatte, erinnerte sich Franz.
„Entschuldigung für meinen Ausraster.“
„Du bist einer von uns. Jeder rastet mal in dieser Gesellschaft aus.“, des Deformierten Gesicht strahlte.
„Lasst uns erst mal ungesiebte Luft riechen.“
Draußen hatte sich ein riesiger Halbkreis um den Ausgang gebildet.
„Wohin Meister?“
„Folgt mir.“
Die Masse setzte sich hinter ihm in Bewegung und teilte sich vor ihm. Sein Ziel war ein Protestmarsch auf der Hauptstraße zum zentralen Platz. Alle Feinde würden sich ihnen in den Weg stellen und zermalmt oder überzeugt werden. Einer der Polizisten drängte sich verängstigt zu ihn vor: „Stoppen Sie das Massaker. Ich weiß Sie haben Herz.“
„Kennen Sie Stanfords Gefängnis Experiment?“
Der Polizist nickte.
„Eure Vorgesetzten haben euch gegen Bürger aufgehetzt. Schauen und hören Sie sich unter den Verbrechern um. Ausgestoßene, die zu ihre Taten getrieben wurden.“
„Aber die Strafe …“
„… muss sein. Deshalb marschiere ich. Auf den Tod der Oligarchie! Keiner der sich in den Weg stellt wird überleben.“
Eine Horde Jugendliche schimpften an einen Straßeneck mit einen Verkäufer lautstark.
Interessiert ging er näher.
„… Die Spiele mussten eingezogen werden. Sie enthielten zu viel Gewalt für euch. Anordnung des Staates“, forderte der Verkäufer.
„Was? Die Ersatzspiele sind einfach nur Scheiße. Nicht mal schießen kann man, nur Händchen geben.“
„Wir wollen keine Amokläufer.“
„Ihr habt panische Angst vor Gewalt, vor Amokläufern und so weiter. Erbärmlich.“, sprang Franz ein. Der Verkäufer erstarrte, bevor er ihn anfuhr: „Was fällt dir ein? Es könnten Menschen zu Tode…“
Franz drehte seine Metallstange mit den blutigen Ende zum Verkäufer.
„Es kommen Menschen zu Tode in unseren Putsch. Wir wollen Freiheit, keine Sicherheit.“, er wandte sich an die Jugendlichen, „Kommt mit. Lasst euch nicht von solchen blöden Spielen zähmen. Seht die Realität und diese ist brutal.“
Franz stach zuerst dem Händler Herz bevor er seine Stange rauszog und solange auf des Toten Kopf schmetterte bis die Gehirnmasse in alle Himmelsrichtungen spritzte. Jubel erschall und er hatte neue Anhänger. Der Polizist bekreuzigte sich.
„Glauben hilft Ihnen nicht. Machen Sie es Luther gleich. Revolutionieren sie das Gesetz bevor es zu spät ist.“, merkte Franz an.
Er nickte bedrückt, zog das Funkgerät.
„Chef, wir müssen das Gesetz temporär stürzen. Es bahnt sich etwas Großes an.“
„Nein. Wir sind nicht befugt.“
„Scheiß auf die Befugnis. Jeglicher Verzug wird tausende Menschenleben fordern. Sie haben das Militär.“
„Das wollen wir sehen. Tschüss.“
„Verdammtes Arschloch!“, brüllte der Polizist verzweifelt, piepte seine Kollegen an und erklärte die Lage, dann rannte er voraus.

Sie kamen an einen völlig verwüsteten Polizeirevier vorbei, blutbespritzte Polizisten knieten sich in ihren Weg, ihr Münder formte ein Wort: „Bitte.“
„Wir haben das Gesetz in unsere Hand genommen. Bitte stoppt den Aufstand!“, flehte einer von ihnen. Franz bedeutete seiner Kolonne „Stopp“.
Es war vorbei, sie hatten gewonnen. Zumindest in dieser Stadt.
Die Polizisten kippten gleichzeitig tot um, ein Loch im Hinterkopf. Des Rätsels Lösung verkündeten die Funkgeräte: „Verräter können wir nicht leben lassen.“. Scharfschützen! Seine Gruppe deformierte sich, um Schutz in den nahen Gebäuden zu suchen.
Neben ihm telefonierte einer seiner Anhänger mit den Militär.
„Was? Eine Elitetruppe wurde geschickt um den Aufstand niederzuschlagen? Kannst du mir helfen?“, dann verkündete dieser erleichtert den Umstehenden: „In paar Minuten wird eine Rakete das Parlament auslöschen.“
„Und mein Kumpel schaltet gleich diese Scharfschützen aus. Haltet euch die Ohren zu!“
Die Scheiben zersprangen bei den ohrenbetäubenden Explosionen. Franz sah brennende Hochhäuser einstürzen. Der Bürgerkrieg hatte begonnen. Mit einen Schlachtschrei rannte er hinaus auf die gesicherte Straße. Eine Armee aus den Abschaum der Stadt kam ihnen entgegen. Waffenfuchtelnde Jugendliche und Erwachsene jeglicher Nation, wütende Friedensaktivisten und natürlich die Profiteure ihrer Misere, Mittelschichtsjugendliche und ihre Eltern. An deren Front seine Eltern, gefesselt.
„Mein Geschenk an euch: Ihr müsst nicht in dieser Welt leben. Ihr seid nicht mehr meine Eltern“, mit diesen Worten lieh er sich eine Waffe, um diese zu erschießen. Es wurde still, sie marschierten weiter.
„Verdammte Nazis!“, schrie einer der Verteidiger.
„Ich bin Afrikaner.“, antwortete ein Dunkelhäutiger aus seiner Armee.
„Und ich Jude.“, ein Weiterer seiner Gruppe
„Und ich habe sie vereint.“, Franz.
„Egal. Stoppt!“, hauchte einer der Gegendemonstranten vor Angst.
Unbarmherzig rannten sie in die Gegenseite, bahnten sich ihren Weg. Stangen erschlugen, Messer erstachen und die zahlreichen Schusswaffen erschossen. Die Verteidiger wichen und wichen weiter zurück, doch noch immer war es ein blutiges Massaker, weil die Hinteren die Vorderen immer wieder zurück in die Schlacht schubsten. Bewaffnete waren kein Problem, keine Erfahrung. Deren tote Körper und ihr Blut schon. Im knöcheltiefen Blut rutschten viele auf den Leichen aus. Eine kleine, etwas abseits liegende, friedliche Demonstration auf den Zentralplatz überlebte als Einzige.
„Stoppt! Bitte! Werden Sie kein Diktator“, flehten ihre Mitglieder.
„Ich gleiche Hitler, ich gleiche Stalin, ich gleiche euch, denn ich bin ein Mensch wie wir alle. Ihr solltet versuchen zu verstehen wie es zu dieser Gewaltorgie kam.“, entgegnete er kaltherzig. Dann begann er mit der Staatsneugründung. Sollte er seine Position ausnutzen, um die Welt von Ungerechtigkeit zu befreien? Mit seiner Armee andere Länder überrennen?

Kratin wusste nicht wie ihm geschah als er plötzlich ohne Henker-Job dastand. Er war die ganze fleißig den Anweisungen gefolgt ohne zu denken. Als wäre das nicht schlimm genug, kamen seine Kinder mit 6-ern nach Hause. Dabei hatten sie die Antworten gelernt und sogar auf ihren Alkoholrausch verzichtet. Sie heulten was von, sie müssten Zusammenhänge verstehen und ihre Fantasie spielen lassen. Und nicht einmal Hausaufgaben hatten sie, jetzt musste er sie unterhalten. Morgen würde er sich beschweren.

Kratin sprach mit einen Schulleiter und Kampfsportlehrer namens Franz. Was war das für ein ungebildeter Kerl? Und machtmissbrauchend war er auch. Als Schulleiter gönnte er den Schülern Ruhepausen und brachte ihnen das Denken bei. Nicht einmal nach IQ-Richtlinien sondern nach Kreativität und Arbeitsergebnisse benotete er. Da konnte selbst die langsamste Schnecke eine Eins bekommen. Unhaltbar. Das Land brauchte willige Untertanen.
Dann erfuhr er, dass dessen Frau Justizia Justizministerin geworden war. Durch die Wahl von deren Partei unter den selbsternannten Kriegern. Die Frau war unmöglich, hatte Mitleid mit Verbrechern. Sentimental wie Frauen halt waren. Deshalb sollten diese nur in Haus und Küche arbeiten, auf keinen Fall als Justizministerin oder Prostituierte, ein Grund mehr sie zu ächten.

Kratin mit seiner Familie landete nach einen Jahr auf der Straße. Unter anderem weil die Schulden nicht mehr kollektiviert wurden. Sie, die Hochwohlgeborenen, sollten sie alleine zahlen, die sogenannte „Umschuldung“. Unfassbar, ein Krieg wäre nötig gewesen. Seitdem die Unterschicht die Führung übernommen hatte, ging es mit ihm bergab. Nicht mal ausreisen konnte er, denn andere Staaten waren von alleine dem Beispiel gefolgt. Wut stieg in ihm auf. Der Unterschicht würde er ihren Platz zeigen, ganz unter, unter ihnen, den Hochwohlgeborenen. Ein Benzinkanister stand unbewacht herum. Er würde sich damit Molotowcocktails bauen, die Stadt damit auf seine Lage aufmerksam machen, die Flaschen könnte er sich schnell bei seinen Kindern besorgen. Welch bittere Ironie. Sie hatten zum Alkohol gegriffen. Keine Zukunft mehr, einfach nur vergessen. Er genoss das Gefühl auch und gesellte sich deshalb häufig zu ihnen. Aber nun zur Tat. Mit leisen Schritt schnappte er sich den Kanister, schaute sich verstohlen um. Niemand hatte ihn gesehen. Pech, dass die neuen Herrscher der Stadt die Kameras abmontiert hatten. Sicherheit durch Talent. Er lachte. Man sah ja wohin es führte. Er machte sich auf den Heimweg zur Brücke, die ihnen nebst Alkohol wenigstens ein wenig Wärme schenkte. Noch so ein Punkt. Warum wollte ihn niemand anstellen oder aufnehmen? Es waren doch alles Arschlöcher. Mittlerweile war er bei seiner neuen Heimat angekommen, weit reisen konnte er ohne einem Auto nicht und die gesamte Stadt war autofreie Zone. Mit Fahrrad fahren? Zu anstrengend.
Leere Flaschen standen in großer Anzahl neben seinen schlafenden Kindern, das Benzin ran gierig durch den schmalen Hals hinein. Stoff bräuchte er noch und ein Feuerzeug, beides besorgte er sich bei seinen Kindern. Es würde niemanden auffallen, dass deren Lumpen nun noch zerfetzter waren. Gesagt getan und seine Kinder schnarchten weiter. Ekelhaft ihr Atem.

Das erste Molotow-Cocktail warf er mitten in einer Menschenmenge, das zweite in ein Kaufhaus. Brennende Menschen spritzten auseinander, der Feueralarm heulte, doch keine Panik brach aus. Ein Passant löschte schnell das Feuer im Kaufhaus, der Rest wälzte sich das Feuer aus und schaute ihn wütend an. Waren nur selbsternannte Krieger, warum fürchten?
„Hey Arschlöcher, wieso habt ihr mich auf die Straße abgeschoben und die Schulden überlassen?“
„Weil du ein Arschloch bist.“
„Ich verbitte mir diesen Ton.“
Es formierte sich ein Menschenkreis um ihn. Immer mehr Zuschauer kamen und verstopften sämtliche Fluchtmöglichkeiten. Na gut, dann würde er sich eben einen Weg bahnen. Er zündete ein weiteres Molotow-Cocktail und warf es in die Menge. Einer fing es auf und warf es zurück. Flammen züngelten um ihn, Schmerzen in ihn. Verdammtes Arschloch.
„Warum rennt ihr nicht?“, keuchte er schmerzerfüllt, auf den Boden wälzend. Das Feuer erlosch, die Schmerzen blieben.
„Sehen wir feige aus? Wir sind Krieger! Los auf ihn.“
„Haltet ein. Ihr seid doch gute Christen.“
„Christen? Nie gewesen. Gottgewollt arm und unfrei? Man sieht das Gegenteil, wir haben dafür gekämpft. Freiheit muss mit Blut verteidigt werden.“
„Du aber bist ein Jude.“, Kratin deutete schweißnass auf einen alten Klassenkamerad, von dem er wusste, dass er jüdisch war.
„Jude? Nie gewesen.“
„Irgendwelche Gläubigen?“, ein verzweifeltes Aufstöhnen.
Die Masse schüttelte den Kopf. Ein Jugendlicher schnauzte ihn an: „Warst du nicht mal ein großer Verfechter der Todesstrafe?“
„Nein.“, log er. Sicher wussten es die Anderen. Angst weitete seine Augen.
„Sicher. Du hast meine Kumpels umgebracht. Tötet diese Schlange!“
Messer wurden in ihn gerammt. Er sah nur des Blutes Rot, dann nichts, nie mehr.

Ende

Nachwort: Diese Geschichte ist ziemlich heftig. Ich hoffe es stößt sich niemand daran.

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Wirtschaft – eine Geschichte des Grauens


Es begann ganz harmlos mit Kaffee. Die Menschen tranken es immer mehr, immer mehr als die Arbeitsbedingungen immer schlechter wurden. Bis sie schließlich zu Leistungsmittel übergingen, da die Konkurrenz Kaffee trank und sie besser sein mussten. Anfang waren es harmlose Medikamente, dann schuf ein ruchloser Wissenschaftler Leistungsdrogen. So knirschten die Zahnräder und niemand nahm es wahr. Man merkte nur, dass es seit den Leistungsmedikamenten mehr Tote gab. Und man fand heraus: die Mörder nahmen keine Drogen, tranken noch nicht einmal Kaffee, waren schlecht in der Schule.
Nach einigen Jahren fand ein Wissenschaftler die Antwort: die ungedopten Kinder hatten keine Chance, weil in den Leistungsberechnungen die Gedopten eingeflossen waren.
So schnell er konnte, wandte er sich an die Öffentlichkeit. Mit viel Eile trug er sein Anliegen vor, doch am Ende des Vortrages klappte er zusammen. Die Zuschauer sahen entsetzt wie ein maskierter Attentäter aus den Saal floh und dann sahen sie sich an. Sie waren nur wenige hundert. Man würde sie jagen, würden sie nichts unternehmen, weil Profit von großen Konzernen auf dem Spiel stand. Nach kurzer Beratung gründeten sie Kommunen, um sich von der Gesellschaft zu möglichst separieren. Kein Attentäter wäre wahnsinnig genug dort einzudringen. Jeder kannte jeden und Besucher wurden genauestens überwacht.
Währenddessen wuchsen drei Firmen durch die Entwicklung von Leistungsdrogen, der Rest dieser Branche starb aus oder wurde aufgekauft.
Dann kam der große Sprung nach vorne: genetische Verbesserungen. An der Spitze der Forschung: die großen Drei. Schnell wurde der Patentschutz des Leben aufgehoben, die Würde des Menschen vergessen. Es gab nun fast ausschließlich proprietäre genetische Verbesserungen. Mit Ausnahme von einer kleinen Minderheit auf den Markt, die von den Kommunen zu kommen schien. Diese hüteten sich ins Leistungsgeschäft einzusteigen, da Konkurrenz von den großen drei Firmen ausgelöscht würde und konzentrierten sich auf ihr nacktes Überleben. Natürlich gab es auch Leistungsverbesserungen und anderen Mainstream, aber das alles wurde im Geheimen innerhalb der Kommunen praktiziert. Und plötzlich verschwand auch der kleine Marktanteil, alle Öffentlichkeitsarbeit der Kommunen wurde eingestellt.
Den Großen war es recht, da nun die kleine Konkurrenz auch verschwand. Zwar gab es einige hundert Übertritte in die Kommunen, aber mit Einschüchterung und Gesetzen wurden es auch weniger, stoppte vollständig. Dabei hätte jemand das Kreischen der Zahnräder vernehmen müssen.
Die Produktion wurde auf eine Dreiklassengesellschaft umgestellt. Die Reichen konnten sich die Mittel für die besten Arbeitsplätze leisten, die Mittleren konnten sich gerade mal Bürojobs erkaufen, während die Untersten Mittel für Arbeiten wie als Müllmann gegen einen Schwur von Treu und Gehorsam gegenüber dem Staat bekamen. Der Rest verreckte auf der Straße oder floh in die Kommunen.
Plötzlich gab es barbarische Berichte über diese: Arenen wären dort, in denen Menschen ihren Geist aushauchten. Die großen Drei waren froh, dass die Gesellschaft verängstigt war, so mussten sie sich die Hände nicht schmutzig machen. Ja, selbst die Verkürzung der Lebenszeit auf die produktiven 50 Jahre und die Eliminierung der Arbeitsunfähigen nahmen die unteren Schichten ohne Widerrede hin.

„Die Arenen waren nur eine temporäre Lösung der Kommunen zur Handhabung der Ströme von Flüchtlingen. Sie wurde inzwischen eingestellt.“, vermerkte ein Ethnologe zehn Jahre später, als er sich der Erforschung der weißen Kommunenflecken widmete. „Die Eingeborenen leben arm, haben jedoch unendlichen Reichtum durch Feldfrüchte.“
Echte Feldfrüchte war inzwischen eine Kost für Millionäre geworden. Auch bemerkte er ein paar genetische Veränderungen. Viele waren mit einer schwarzen Lederhaut bedeckt, andere hatten Chamäleonschuppenhaut. Außerdem aßen sie nur sehr wenig, meist nur in seinen Beisein. Einige Geräte entdeckte er, aber ihre Form war so abartig, dass deren Funktionen ihm unverständlich blieben. Kaum veröffentlichte er seine Arbeiten, wurden Werbewände um die Kommunen hochgezogen. Am nächsten Tag zierten die Werbewände den Sockel der Kommunen. Man hatte sie auch angehoben. Verärgert erhöhten die Marketingagenturen erneut ihre Wände. Am nächsten Tag waren sie eingerissen, signiert mit: „Wir brauchen nichts.“
„Schadensersatz“, schrien die Agenturen, „Ihr habt uns Sonne gestohlen“, verteidigten sich die Kommunen. Der Rechtsstreit wurde mit etwas Salat und Baustopp beigelegt, doch die Agenturen gaben nicht auf. Vertreter wurden in Massen hineingesendet, kamen vollbepackt wieder raus.
„Die haben alles.“, stammelten sie verlegen.
„Dann nehmen wir es ihnen. Wozu gibt es sonst Patente?“, schrien die Agenturen fuchsteufelswild und wandten sich an die großen Drei. Die Zahnräder hielten mit letzter Kraft die Stellung, während Ächzen und Stöhnen unüberhörbar schienen. Polizisten wurden gesendet, die massenhaft Patentverletzungen feststellten. Triumphierend trug ein Polizisten eine Maschine aus einer Kommune als plötzlich etwas von hinten ihn erstach. Das war das Titelblatt, einen weiteren „mutigen“ Polizisten gab es nicht.
Anklage wegen Patentverletzungen und Mord sollten zumindest Waren von den Kommunen zu den gierigen Spekulanten treiben, wenn auch der Überfall nicht geklappt hat. Außerdem musste ja die Witwe des toten Polizisten entschädigt werden.
Auch diesmal fügten sich die Kommunen, doch nur halbherzig. Die Reichen, die, statt ihrer üblichen Lebensmittelpaste, von den teuren Gemüse kosteten, bekamen schrecklichen Durchfall.
„Unser Essen ist ungenießbar. Lasst uns in Ruhe! Wir wollen euch nicht!“, schrien die Kommunen per Funk in die Welt. Die Antwort: Krieg. Panzer verwüsteten die Felder, Soldaten durchsuchten, die hastig geräumten Gebäude. Keine Spur von Leben, außer kleine Gänge, die tief in den Untergrund führten. Soldaten drangen in Strömen in sie ein, drangen tiefer und tiefer in die Unterwelt. Plötzlich zischte es, sie bekamen keine Luft mehr. Ein Brausen, ein Tösen, Feuer schoss ihnen entgegen. Sie hatten die Abgastunnel, von Kommunenraumschiffen gestürmt, welche sich nun mit Grazie gen Himmel erhoben.
„Auf das sich die Menschheit selbst auslöscht.“, braune Gläser der Kommunenmitglieder klirrten feierlich. Sie hatten nicht vor den nahenden Krieg militärisch zu verhindern, dazu waren sie zu friedfertig. Sie wollten aber auch nicht ausgelöscht oder versklavt werden.
Die Zahnräder krachten auseinander und mit ihr die Maschine, wozu die menschliche Gesellschaft sich degradiert hatte. Chaos und Krieg tobten sieben Jahre lang, dann wurde es still, totenstill. Die Erde war verwüstet, gar schwarz vor atomaren Feuern. Nur kleine, grüne Triebe triumphierten über dem Massaker des Menschen.

Ende

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Die Armee der Idioten


Es war einmal eine Affenart namens homo sapiens. Schon ihre Verwandten, die Schimpansen, gebärdeten sich aggressiv, doch ihr Verhalten trieb dieses auf die Spitze. Sie setzten sich zur Wehr, gegen fremde Meinungen und andere Länder. Sie zerschossen deshalb die Anonymität, sodass bald jeder nackt war. Ihre Landesbrüder wurden durch ihre Hände vernichtet, weil sie andere Meinungen äußerten oder kriminalisierte Handlungen begangen. Das Ausland verbreitete und praktizierte diese immer noch. Unvorstellbar, weshalb sie vernichtet werden mussten. Stolze arbeitsfähige Männer und Frauen zogen in den Krieg. Sie beschossen sich aufs Ärgste, weil nur ihre Meinung die Richtige war. Bomben wurden eingesetzt, alles in die Luft gejagt. Zerzaust kämpften sie weiter für ihre Ideologie. Schwarze Wolken bedeckten den Himmel, plötzlich ging ihnen die Nahrung aus. Sie mussten vor Hunger kapitulieren, welcher sie in ihre Heimat zurücktrieb. Doch dort fanden sie nur Leichen. Der Boden war zu verwüstet, der Himmel zu düster für Landwirtschaft. Hunger zwang sie dazu Leichen zu fressen, doch sie waren zu viele hungrige Individuen. Kannibalismus an Lebenden flammte auf. Man kämpfte um sein Leben. Der Stärkere fraß den Verlierer. Immer weniger Menschen, noch wenige, einer alleine. Dieser überlebte einen Tag, dann folgte er den anderen in den Tod.
Bakterien schlüpften aus den Mägen ihrer toten Wirte. Sie tauschten mit ihren wildlebenden Artverwandten Erbgut. Fremde Informationen flossen durch ihr Cytoplasma, passten sie an ihre unwirtliche Umgebung an. Sie wuchsen und wuchsen. Immer mehr Bakterien bevölkerten die Erde. Riesige Kolonien bildeten sich. Langsam verzogen die Wolken und gaben den Blick auf die Sonne frei. Photosynthese begann erneut. Und so belebten die Bakterien die Erde wieder, glücklich bis ans Ende der Erdtage.

Ende

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