Biest


Moderne Kurzgeschichten – eine Szene, nur eine Szene. Wie soll ich damit anfangen? Ok.
Es war eine wunderschöne Blumenwiese. Die Blumen rauchten im Wind. Sonnenblumen streckten ihr Hälse nach der warmen Sonne.
Wie langweilig, vor allem so simple. Ich bevorzuge Kurzgeschichten mit Handlung. Ich könnte aus meinen Erlebnisrepertoire schöpfen. Nun aber zurück.
Und auf der Blumenwiese da stand ein blühender Apfelbaum. Darunter lag ein Pärchen, das von der verbotenen Frucht kostete.
Und da kroch leise zischelnd die Schlang aus ihrem herrlichen Baumwipfelversteck. Die beiden Liebenden waren zu sehr abgelenkt, als die Schlange, hübsch geringelt, zu bemerken, die unter der abgestreiften Kleidung Richtung ihrer nackter Haut kroch. Es waren zwei Bisse und –
Nein, zu viel Handlung! Außerdem passt das nicht in Schema F des Herzschmerzes. Das Liebespaar muss sich trennen.
Da lag also das Liebespaar unter den Baum, die Schlange schaute zischelnd vom Wipfel zu, ohne sich herabzulassen, als der Mann seiner Geliebten anvertraute, dass er in wenigen Tagen an Krebs sterben würde. In ihrer Not schaute die schöne Frau empor und entdeckte die gefährlich glänzende Schlange unter den Blütentraum. Sie sagte zu ihren Geliebten: „Wir gehen gemeinsam.“ und die Schlange biss beide.
Nein, wieder zu viel Handlung. Wo ist die gute alte Kurzgeschichte mit Handlung? Ich möchte keine Szene voller Zärtlichkeiten, ich will Blut! Ich will Edgar Allan Poe!
Zärtlich liebkost mein Skalpell die Brust meines Opfers und hinterlässt eine blutige Spur. Das Opfer schreit und zappelt. Ich stoße mein Messer tiefer. Ach da vergaß ich glatt. Musste es nicht bei Edgar Allan Poe einen besonderen Anlass zum Mord geben? Ja, mein Hunger war kein guter Anlass nach Poe. Es musste was Verrücktes sein.
Es war das abstoßendes Überlegenheitsgefühl meines Opfers, ja das musste es gewesen sein. Es rühmte seine Art, den Menschen, mit Taten von brillianten Denkern. Doch hielten die Denker, aus Angst vor dem Missbrauch ihrer Arbeit, ihr Wissen geheim. Alles nur wegen Menschen wie meinem Opfer…
Ich stoße mein Messer in die Brust meines zappelndes Opfers. Und nochmal Ah, schön wie das warme Blut meine nackten Knie, Füße liebkost. Dann, vorsichtig, schneide ich ein Loch in die Brust, stemme sie ein Stück weit mit meinen blutverschmierten Händen auf und greife mir, das noch immer pochende, Herz. Es leckt aus mehreren Stellen, mehr als nur die abgerissenen Venen, ich muss aufpassen, dass ich meine Kleidung nicht dreckig mache. Blut spritzt als ich in die verbotene Frucht des Lebens beiße.
Ein nachdenkender Kannibale, der sein Opfer frisst – eine perfekte Szene für eine moderne Kurzgeschichte.

End

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