Kranichflug


Die Sonne strahlte, tauchte die Straße in milder Wärme. Ein Mädchen spielte auf den Bordstein. Das neunjährige Mädchen schaute furchtvoll empor, als ein Röhren erklang. Düsenjäger, sie rannte Richtung Schutzkeller. Ihre Schühchen flogen wie der Wind, ein unachtsam verlegter Schlauch kam dazwischen, der sie stürzte. Ihr Köpfchen krachte auf eine Bordsteinkante.
Sie war ein Kranich, majestätische kreiste sie über der Stadt. Die Düsenjäger gaben einen wunderschönen Windschatten und wärmten mit ihren Abgasen. Unter ihr gingen Bomben hoch. Schöne Explosionen, bloß leider zerstörerisch. Häuser stürzten zusammen, die schöne Stadtkirche war nur noch ein Schuttberg. Dort irgendwo unten musste der Luftschutzbunker sein. Bauernhöfe und Felder rasten an ihr vorbei. Sie erblickte ein schönes, matschiges Feld. Wasser und Samen im Überfluss, doch auch viel Konkurrenz. Vorsichtig ging sie in den Landeanflug. Klappern von Storchen, die sie vertreiben wollten. Doch sie wand sich durch und fraß bei einen Schwarm Artgenossen.
„Anna, halte durch.“, schrien ihre Eltern durch eine Art Höhle. Sie schaute auf. Dunkelheit, Regen plätscherte durch ihr Gefängnis, ein zusammengestürztes Haus wie sie an den Trümmern erkannte. Das Haus hatte ein Freiraum über sie gebildet. Sie war von den Trümmern verschont geblieben, dennoch litt sie Schmerzen an Knien und Handfläche durch den Sturz. Sie begann zu weinen.
„Wir kommen, Schatz. Danke, dass du lebst.“
Langsam glitt sie wieder in ihre Träume ab.
Der Kranich flog mit den Wind, ein Röhren hinter ihn, Flugzeuge, die Bomber von vorhin. Sie hatten anscheinend nur eine große Schleife geflogen. Sie musste ihre Eltern warnen.
„Passt auf! Die Bomber kommen wieder.“, schrie sie mit ihrer kindlichen Stimme.
„Da hätten uns die Sirenen gewarnt. Schatz, du bist gleich frei.“
War es nur ein Albtraum? Sie öffnete die Augen. Durch ein schmales Loch sah sie in die Augen ihrer besorgten Mutter. Erleichtert seufzten beide auf. Bald war das Loch Bierdeckel groß. Ihre Eltern schauten entsetzt auf, etwas vibrierte, dann waren sie weg, tot, getroffen. Sie musste selbst graben, aber ihre Hände schmerzten höllisch. Mühsam grub sie eine Öffnung durch die ihr Köpfchen passte. Leichen überall, ihre Eltern waren splittergespickt, doch lebten noch.
„Schatz, grab weiter.“, befahl ihre Mutter. Sie grub und grub, schlief vor Erschöpfung ein.
Der Kranich flog durch den Nieselregen in die zerstörte Stadt. Es war grauenhaft wie zerstört sie war. Ein Ziegel fiel geräuschvoll von einen Dach. Langsam näherte sie sich der Straße in der sie lag. War der Kranich real? Oder nur ein schöner Traum? Die Straße, in der sie lag, war eine einzige Trümmerlandschaft in der ihre Eltern schmerzgekrümmter Haltung lagen, tot. Sie sahen schlimm aus. Der Kranich musste daran denken, dass er ebenso leicht enden konnte und wollte deshalb nicht durch das Loch zu ihr schlüpfen. Zu leicht gab es einen Ruck, der ihn zerquetschen würde.
Sie öffnete ihre Augen, streckte ihre Hände durch das Loch in die Freiheit. Etwas landete auf ihnen, der Kranich. Also kein Traum. Der Vogel pickte eifrig einige nervende Hautfetzen ab. Sie streichelte ihn im Gegenzug vorsichtig und entfernte anschließend Ungeziefer in seinem Gefieder. Morgen wäre sie frei und würde mit ihm den ganzen Tag verbringen. Doch erst einmal benötigten sie beide etwas Schlaf. Ein schönes warmes Gefühl durchfloss ihre Hand, während sie einschliefen.
Ein Brummen, dass sie durch seine Ohren vernahm, weckte sie. Neue Bomber in Anflug. Sie katapultierte ihn hoch in die Luft, wo er erschrocken in die regennasse Nacht hinweg flog. Würde der Schuttbunker standhalten? Sie verkroch sich tief in ihn und konzentrierte sich auf den Kranichflug, um die finsteren Gedanken zu vertreiben. Das Brummen drang nun auch in ihr menschliches Ohr.
Sie umkreiste neugierig das ankommende Flugzeug. Es war langsam und trug etwas unter seinen Bauch. Eine andere Bombenart? Atombombe, ja genau Atombombe, hatte ihr Vater dazu gesagt als er mit ihr die Bombenarten und ihre Gefahren durchging. Wie er ihr dabei durchs Haar streifte, nun war er tot und sie musste fliehen. Atombomben hatten riesigen Sprengradius, wusste sie. Die einzige Möglichkeit aus der Stadt ohne von der Bombe getroffen zu werden, war dem Flugzeug mit der gefährlichen Fracht zu folgen. Eine einfache Aufgabe. Es klickte, die Bombe fiel hinab auf die Trümmerstadt. Der Flieger beschleunigte, sie auch, doch der Jet war so schnell und ermüdete, im Gegensatz zu ihren Muskeln, nicht. Plötzlich flog das Flugzeug eine Kurve, es wollte das Schauspiel beobachten.
„Nicht in den Atomblitz schauen.“, hatte ihr Vater sie vor den gefährlichen Atomen gewarnt. Nur weg, weiter weg. Nicht zurückschauen. Ein weißer Lichtblitz erleuchtete kurz die ganze Umgebung, wie Blitzlicht, ein übergroßes Blitzlicht.
Schmerzen durchfuhren ihren gesamten menschlichen Körper. War da nicht irgendwas mit einer Atomerkrankung? Strahlenkrankheit genannt.
Ihre Augen öffneten sich, doch nichts als Schwarz. Ausgebrannt in ihren Höhlen, obwohl sie die Augen geschlossen gehabt hatte. Und ihre Haut – auch verbrannt. Ihr wurde übel.
Der Kranich wendete und flog ihr zur Hilfe. Es dauerte fast eine Ewigkeit bis er ihre Position wieder erreicht hatte. Sie sah durch seine Augen, dass das Loch fast wieder verschüttet war. Ihre Eltern waren nur noch Schatten auf den Trümmern. Ein letztes Mal die Hand ausstrecken und sich von ihren gefiederten Freund verabschieden. Mit eisernen Willen grub sie das Loch trotz höllischer Schmerzen wieder neu. Der Kranich setzte sich auf ihre Hand und kribbelte. Ein Röhren, nicht schon wieder. Sie holte den Kranich durch das Loch, küsste ihn zum Abschied und warf sie ihn durchs Loch zurück in den Himmel. Ihre Augen schlossen für immer, der Kranich flog hoch, flog in den Windschatten des umherkreisenden Jets. Die heißen Abgase trockneten ihr nasses Gefieder. Sie war nun der Kranich und zwar für immer. Das Flugzeug beendete seine Kurven. Auch sie musste weg, weg von Karthago. Im Windschatten flog sie Richtung neuer Heimat, der Welt. Was sie nun schützen würde, wäre ein strenger Naturschutz und die Tatsache, dass Tiere dem Menschen egal waren.

Ende

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