Eiskaltes Herz


Kaniban stieg in den Mitternachtszug wie immer. Noch nie war ihm irgendwas passiert als plötzlich von vorne ein markerschütternder Schrei erklang: „Scheiße, wir rasen in die Hölle!“
Dann war plötzlich alles hell erleuchtet von roten Licht, die Bremsen quietschten. Der Zug fuhr noch paar Meter, dann hielt er ruckend. Die Schienen waren wohl nicht guter Qualität, genau wie der Rest des Bahnhofs. Spinnenweben überall, die ursprüngliche Beleuchtung war völlig ausgefallen. Plötzlich öffneten sich die Türen. „Endstation Friedhof Brock. Aussteigen bitte.“, sagte eine kratzige Stimme durch. Die Tür zum Lokführer öffnete sich und gab eine hässliche, behaarte Kreatur frei. Sie ging aufrecht, obwohl sie eher einem Tier glich. Schreiend rannten die Menschen vor seinen Augen aus den Zug. Wie dumm von ihnen! Die Kreaturen wollten fressen ohne den Zug zu reinigen. Und der richtige Lokführer? Er konnte sich genau erinnern, dass es ein Mensch war, in dessen Zug er stieg. Wahrscheinlich irgendwo auf dem Weg entsorgt. Oder vielleicht hatte sich das Wesen getarnt.
„Aussteigen bitte!“, befahl das Wesen freundlich. Es stand direkt vor ihm. Wie fühlte sich dessen Fell an? Er ließ seine Hand vorsichtig über das Gesicht seines Gegenübers streichen. Wundervoll weich das Fell. Er wollte auch so eins.
„Steigen Sie jetzt bitte aus.“, wiederholte die Kreatur genervt. Das beste wäre nicht auszusteigen, aber dunkle Verlangen peinigten ihn.
„Ich mag dich. Komm verbringen wir die Nacht gemeinsam.“, säuselte er als Antwort. War er verrückt? Doch die Versuchung zu mehr ließ nicht nach.
„Arschloch!“, brüllte ihn das Wesen an und weckte ihn aus seiner Trance. Was war das bloß gewesen? Ein Hieb katapultierte ihn zu den anderen Menschen, einer Traube, die von muskulösen Männern bewacht wurde. Die Türen des Zuges schlossen sich, dann nahm dieser Fahrt auf und verschwand.
„Lasst uns fliehen!“, schrie jemand.
„Genau. Wir müssen uns auftrennen, damit wenigstens einer überlebt.“
Idioten. Den einen Überlebenden würden die Wesen liebend gerne laufen lassen, dafür dass sie leichtes Spiel mit den Rest hatten. Sollte er es dokumentieren? Er war Fotograf. Dann merkte er, dass der Hieb seine Kamera zerstört hatte.
Plötzlich fiel ein schwarzer Schatten mitten in die Traube. Schreiend spritzten sie auseinander. Hätten sie zusammengehalten, wäre das Wesen nicht annähernd so effizient mit den Töten. Zum Beispiel hätte es ausgereicht ihm die Arme festzuhalten und schon wäre es besiegbar gewesen. Warum dachte er nur, warum handelte er nicht? Wie gerne wäre er eines der Wesen. Wie eins der süßen Tier wollte er leben, nicht wie ein Sklave, ein Mensch. Er legte seine kaputte Kamera an den Boden, streckte seinen Rücken, holte einen Kugelschreiber hervor – seine Waffe. Dann fand er auf den Boden ein herumliegendes Taschenmesser – noch besser! Er rannte vorsichtig auf das Wesen zu. Es wollte gerade eine Frau mit seinen Krallen aufspießen als er es mit einen Stein bewarf.
„Komm her. Finde deinen Meister!“, schrie er es an. Das Monster raste auf ihn zu wie ein Stier, er sprang zur Seite, holte aus und traf es an der Kehle. Das Messer hinterließ eine rötliche Spur, dann klappte es ein, direkt auf seine Finger. Kaniban schrie vor Schmerzen auf, während das Vieh verdutzt seine Kehle betastete. Na warte! Dann eben der Kugelschreiber. Er zielte aufs Auge, doch das Biest hielt nicht still. So traf er es im katzenartigen Ohr. Das Wesen brüllte vor Schmerz.
Nun Schlag zwei, auch diesmal verfehlte er das Auge aufgrund einer Bewegung und traf stattdessen die Nase. Warum auch nicht? Hauptsache das Vieh litt. Plötzlich raubte ihm ein Hieb den Atem.
„Gut gekämpft.“, hörte er das Wesen sagen, dann ein Schlag auf seine Schläfe.

Es war höllisch kalt und wo war seine Kleidung? Er stand gegen den Widerstand von sackähnlichen Gegenständen auf und fand sich in einer Kühlkammer wieder. Man hatte die Menschen einfach nackt auf einen Haufen gestapelt – dabei hatte er das Glück einer der Untersten zu sein, die Oberen waren längst erfroren. Es gab auch noch andere Überlebende, aber jene waren zu verängstigt, als das sie nützlich sein könnten. Einige übergaben sich, als er die Knochen aus einer Leiche herausnahm, um daraus eine Waffe zu bauen. Er versteckte sich hinter der Eingangstür und wartete. Nichts. Sein Körper wurde binnen Minuten eiskalt, Durst peinigte ihn, aber keiner trat ein. Er brauchte Kleidung, er brauchte Wasser. Sein Blick fiel auf eine erfrorene Leiche. Warum nicht? Was hatte er noch zu verlieren? Die Würde? Aber hier brachte sie ihm wenig. Erst stach er die Leiche an, trank das Blut, dann schnitt er der Leiche mit seinen Knochenmesser die Haut von den Knochen. Möglichst dick, damit möglichst warm. Es wurde eine schön dicke Hose und ein schöner Mantel. Ein paar Gedärme blieben übrig, wie sollte er beispielsweise eine Niere verwerten? Er drehte sie in seiner Hand. Wie schmeckte die eigentlich? Warum auch nicht? Er biss hinein. Mehr! Ein zweiter, ein dritter Biss, bald war die Niere weg und weitere Organe stillten seinen unersättlichen Hunger.

Es kam ihnen vor wie zwei Tage, es waren alle außer ihm tot, erfroren aus Unvernunft, als endlich jemand sich seinem Gefängnis näherte. Seine Sehnen spannten. Etwas knurrte vor der Tür. Hungrig, nicht wahr? Er auch. Schnell schlich er sich noch näher zur Tür. Sein Angriff musste sitzen. Ein Rad drehte knirschend. Fortunas Schicksalsrad drehte, schneller und schneller. Die massive Metalltür schwang auf, in ihr einige dieser Kreaturen. Er spürte sich abspringen, doch das war nur nebensächlich. Primärziel war die Halsschlagader einer der Kreaturen. Seine spitzen Eckzähne bissen sich tief in die schwache Haut seines Opfers und rissen beim weitersprinten ein beträchtliches Stück heraus. Wie gut, dass er zu den Menschen mit Biss gehörte. Dem zweiten Monster stieß er seine Knochenwaffe direkt ins Herz, wo sie stecken blieb. Drei weitere Monster warteten auf ihre Hinrichtung. Seine Nägel bohrten sich unter die Halsader eines Weiteren und erlaubten ihm diese rauszureißen.
Eine böse Ahnung, Rolle zur Seite, mehrere Hiebe über ihn. Sein Name war Kaniban. Sein Beruf war Fotograf, seine Berufung war tot und kalt.
Schritt nach hinten, Konterangriff mit herausgezogener Knochenwaffe. Nächster tot. Blieb nur noch einer. Er schnellte vor, verbiss sich in seine Lieblingsader, als ein Schlag beide Kontrahenten trennte. Kaniban schlitterte mit einen Fleischfetzen im Mund einige Meter über den Boden und wusste, dass es um den anderen geschehen war.
Sein Blick fiel auf seine Umwelt. Er befand sich in einen technisch aufgerüsteten Grottensystem. Rote Strahler beleuchteten sein ehemaliges Gefängnis. Die Kühlkammer wirkte völlig fehl am Platz, so klein war sie, so groß war die Höhle. Fehlte nur noch ein Ausgang. Doch wo? Seine Augen waren fehl für diese Aufgabe, so blieben nur noch Geruchs- und Hörsinn. Ganz schwach vernahm er das Rattern von fahrenden Zügen. Unter einen Tunnel also. Doch wo ging es nach oben? Er entdeckte einen Treppenvorsprung über sich. Geländerlos führte eine Treppe an der Wand entlang empor. Der Aufgang zu ihr befand sich direkt hinter der einsamen Kühlkammer. Was wenn er erwischt wurde. Er lauschte auf verräterische Geräusche. Außer den monotonen Summen der Kühlaggregate nichts. Ein vorsichtiger Blick zeigte ihm auch keine lebendige Seele. Die Luft war rein, doch wie lange noch? Er raste die Treppe hoch, versteckte sich in Gang und lauschte. Nichts. Der Gang endete an einer großen, schwarzen Stahltür, die wohl Neugierige abhalten sollte. Selbst einem äußerst neugierigen Bahnarbeiter wäre der Aufwand zu groß die Tür aufzubrechen. Dann entdeckte er eine Klinke, vorsichtig drückte er sie. Die Tür schwang quietschend auf. Tausende Augenpaare starrten auf ihn. Eines von ihnen gehörte den Anführer der Wolfsmenschen. Seine majestätische Aura und die vielen Narben brauchten keinen Körperschmuck, um dieses zu beweisen. So eklatant war er noch nie gescheitert. Der Rückweg war auch keine Option. Die Treppe war ein Präsentierteller. Es blieb nur der Weg der Konfrontation. Er betrat mit Würde den Raum. Krachend fiel die Tür ins Schloss. Freudiges Staunen breitete sich aus, der Anführer lächelte: „Na sowas, ein weiterer Teilnehmer. Schau dich ruhig ein bisschen um.“
Kaniban blickte schnell umher. Die Tür hatte auf dieser Seite keine Klinke, aber das war noch nicht das Schlimmste. Er hatte eine Arena betreten. In der Mitte ein Opferaltar auf marmorner Plattform, deren sieben Priester zu den einzigen bekleideten Wolfsmenschen gehörten.
„Verlierer werden geopfert. Bist du bereit?“, fragte der Anführer.
„Noch nicht. Warum bin ich nicht an der Oberfläche? Ich habe Züge gehört.“
„Wir locken unsere menschlichen Kombattanten mit Zuggeräuschen hierher. Jetzt bereit?“
„Noch nicht.“
Die Tribünen waren nicht allzu hoch. Er könnte hineinklettern und von dort fliehen. Aber da waren zu viele dieser Wolfsmenschen. Blieb der Altar. Er könnte die Priester mit in den Tod reißen. Klang gut. Bedächtig schritt er zu ihnen.
„Willst du noch ein Gebet sprechen?“, fragten sie fürsorglich. Ihre Kehlen waren ausgemacht, seine Zähne beißbereit, ja seine Waffe bereit in der Hand. Er schnellte vor, flog durch eine unsichtbare Macht einige Meter zurück. Die Zuschauer johlten vor Schadenfreude. Selbst die Priester grinsten.
„Meinst du, du bist der Erste?“, fragte der Anführer schmunzelnd, „In der Arena kämpfen auch Ungeheuer, die sich nicht an die Regeln halten. Nun bereit für die Säbelzahntiger?“
Er nickte beklommen. Ein Tor wurde scheppernd aufgezogen, in ihm zwei der uralten Schönheiten. Sie bäumten sich triumphierend auf, knurrten vor Hunger, am liebsten hätte er ihnen einen Wolfsmenschen zum essen gegeben, aber nun musste er sie umbringen. Die Viecher wichen seinen Blick, schlenderten als wären sie nicht an ihn interessiert. Ihr prüfender Blick verriet, ihre Absicht von hinten zu kommen. Warum nicht mal deren Wunsch nachkommen? Er drehte sich zur Tür. Kein einziges Geräusch kam von seinen Gegnern. Das war unmöglich! Schnell drehte er sich zurück. Die Wildkatzen, nur noch einige Meter von ihm entfernt, zuckten zusammen. Verdammte Schleicher! Wollten ihm von hinten die Kehle durchbeißen. Er würde das gleiche mit ihnen von vorne machen. Langsam näherte er sich ihnen. Sie wichen weder seinen Blick, noch seinen Schritten. Angst überkam ihn. Nur noch ein Meter, sie schnellten vor. Geistesgegenwärtig konnte er eine der Großkatzen wegkicken, doch die andere schaffte es in seinem Bein zu beißen. Mistvieh! Er setzte sich auf dessen Kopf. Es knackte, doch das Mistvieh wollte einfach nicht den Geist aufgeben. Plötzlich war der zweite Säbelzahntiger verschwunden. Verzweifelt schlug er den Kopf seines Angreifers immer wieder auf den Boden, doch der schmerzhafte Biss wollte sich einfach nicht lockern. Der zweite Säbelzahntiger musste ganz nah sein. Wahrscheinlich die Kehle als Ziel. Und dann kam er. Wie ein Schatten. Kaniban drehte seinen Oberkörper, packte den Kopf der prächtigen Katze, um ihn in den Staub zu schmettern. Anschließend warf er sich auf beide. Ok, er hatte sie nun. Wie sollte er sie jetzt umbringen? Applaus brandete auf. Die Priester kamen und nahmen sie ihn ab wie Kletten. Ein Zauberspruch, sein Bein verheilte. Seine Widersacher wurden auf den Opferaltar getragen, wo sie vergeblich sich gegen die Priester auflehnen versuchten. Ihr Leben endete mit einen Messer im Herzen. Ein Todesgurgeln, bläuliche Energien stiegen auf gen steinernen Himmel, wo sich, wie er bemerkte, ein tiefblauer Edelstein befand. Der Körper hingegen wurde ins Publikum geworfen, wo er binnen Sekunden gefressen wurde.
„Den nächsten Gegner bestimme ich.“, verkündete er der tobenden Menge. Er deutete auf den Anführer. Die gute Stimmung verebbte sofort.
„Willst du wirklich? Weißt du wie viele das vor dir versucht haben? Versaue bitte uns nicht den schönen Abend.“, antwortete der Geforderte.
„Dann eben…“, er deutete wild in die Masse, „irgendwer von euch. Wisst ihr? Ihr seid einfach zu killen. Ich entfloh eurer Kühlkammer nicht ohne Leichen zu schaffen.“
Sofort bildete sich eine Schlange von Kämpfern, der Erste sprang in die Arena. Es war ein eher kleinerer Wolfsmensch.
„Dein Gegner ist ungefähr 16 Jahre alt, etwa auf deiner Stufe. Bereit?“, fragte der Anführer.
„Ja.“
Sie stürmten aufeinander zu, wollten beide die Halsschlagader treffen und trafen mit einen hässlichen Knirschen aufeinander. Kaniban sprang kampfbereit auf, sein Gegner blieb reglos liegen. Applaus. Er schaute den Priestern beim Aufsammeln seines Gegners zu. Es war zu einfach gewesen. Er drehte sich zur Menge. Es begann langsam Spaß zu machen. Er musste gähnen. Schön aber anstrengend. Plötzlich tippte ihm etwas auf die Schulter. Der Jugendliche stand neben zwei toten Priestern.
„Offene Rechnung, verstehst du? Weiter geht’s.“
Der Wolfsmensch kämpfte nicht mehr so ungeschickt wie am Anfang. Gut durchdachte Schlagabfolgen setzen ihm zu. Kratzer zierten seine Brust, sein Gesicht. Er war ständig am zurückweichen. Seine Waffe hatte er beim Angriff der Säbelzahntiger verloren. Wie er sie vermissten, denn Fingernägel konnten sich nicht mit Krallen messen. Dann Ruhe. Irgendwo musste der Gegner eine Schwachstelle haben. Wie hatte er nochmal die Gegner vor der Kühlkammer getötet?
„Kurze Pause bitte. Ich habe schon mehrere Kämpfe hinter mir.“, bat er.
Zu seinem Erstaunen erfüllte man seinen Wunsch. Man gab ihm sogar ein eigenartiges Blutgetränk zum Schlürfen. Sofort fand er seine Kräfte wieder. Wie ein Tier musste er kämpfen. Bilder von einen Katzenmenschen gingen durch seinen Kopf. In Angedenken der Säbeltiger, würde er wie seine Feinde besiegen.
„Bereit?“, fragte er. Sein Gegner nickte. Das Spiel machte jetzt richtigen Spaß. Wie ein Flummi hüpfte er durch die Attacken seines Gegners, ohne aber selbst einen Treffer landen können. Dann sah er die Schwachstelle: Die ständig umherflitzenden Arme. Er duckte sich unter eine Attacke, schnappte mit beiden Händen eine der Hände. Die Krallen standen schön nach vorne, schnell bog er sie nach hinten. Es knackte hässlich als sie brachen, dann hatte er sie in der Hand. Sein Gegner betrachtete verwundert und tränend seine blutende Hand, während er einen Schritt an Distanz gewann. Fehler, warum sollte er denn stoppen? Der Angriff überraschte seinen Feind, ja selbst die Exekution konnte er selbst durchführen, einen Biss in die Kehle.
Der Applaus hielt sich diesmal in Grenzen. Kein Wunder bei den Verlusten. Die Tür, aus welcher er kam, öffnete sich. In ihr, seine Liebe unter den Wolfsmenschen. Sie winkte ihm freudig. Jetzt verstand er. Alles hing von Kampftalent ab. Warum auch nicht? Eine Pause täte ihm gut.

Nahezu jeder Knochen schmerzte als er die Arena betrat. Er hatte Wolfmenschen völlig unterschätzt. Wie sie ihm im Bett durchgewalkt hat, außerdem traf ihm der Schwanz eines frei herumlaufenden Drachen. Warum war er nicht geflohen? Ruhm und Ehre als Fotograf waren für ihn unmöglich. Die Menschen interessierten sich mehr für Lebendiges. Er hätte Filme drehen sollen. Nun aber blieb nur der Kampf. Wen nun? Er ließ sich überraschen. Das Tor ging auf. Ein Drache, doppelt so groß wie er, watschelte in aufrechten Gang heraus. Eiserne Klauen waren an Flügel und Füßen befestigt. Fast süß. Aber man durfte seine Gegner nicht unterschätzen. Vorsichtig musterte er die gebogenen Krallen des Untiers. Wie diese durch die Holzspäne wühlten. Verdammt Holzspäne!
„Bereit?“
Er nickte. Sofort spie der Drache Feuer auf ihn. Er wich aus, doch das Holz am Boden entzündete sich. Verzweifelt versuchte er einen holzfreien Raum zu schaffen, doch die andauernden Angriffe des Drachen zwangen ihn immer wieder auf den brennenden Boden zurück. Es reichte! Der Drachen würde bezahlen. Ungeachtet des Schmerzes rannte über die rauchigen Feuerfelder zum Drachen. Seitenstechen, Keuchen. Verdammtes Feuer, verdammter Rauch! Der Drache entpuppte sich als Rauchklon von jenen. Genarrt, auch noch das. Wo ging es zurück zu seiner feuerfreien Zone? Jetzt auch noch die Orientierung. Plötzlich regnete es Wasser. Zischend erlosch das Feuer mit heftigen Rauchschwaden. Auch diese wurden wie durch Zauberhand entfernt.
„Ich hoffe jeder ist mit meiner Entscheidung einverstanden.“, verkündete der Anführer, „Irgendein Trottel hat Drachen und Holzspäne gemischt.“
Der Drachen hingegen hockte wie ein begossener Pudel auf der anderen Seite der Arena. Na warte! Kaniban sprintete nun problemlos zum Drachen, doch dieser flog einfach empor in die Luft. Er schwor sich nie wieder gegen Drachen zu kämpfen. Die Sache stank zum Himmel. Wuusch. Gerade noch schaffte er es den Drachenfeuer von oben auszuweichen. Wenigstens entzündete sich der Boden nicht mehr, dafür war sein Gegner für ihn unantastbar. Gab es keine Möglichkeit ihn runterzuholen? Ärger stieg in ihm auf.
„Was soll das?“, schrie er ins Publikum, „Ich kann ihn ja nicht einmal berühren.“
„Warte. Runter kommen sie immer.“
Aber derweil müsste er tanzen. Feuerfontäne links, rechts, Krallenhiebe, die ihn köpfen würden. Schweiß brach aus ihm aus. Wies sollte er diesen Kampf überleben? Wenn der Drache runterkam, wäre er zu sehr geschwächt. Dieses Getränk…, doch auch der Drache würde sich erholen dürfen. Etwas blinkte weißlich vor ihm. Seine Waffe. Na warte Drache! Eine Rolle unter dessen Krallenhieb, ein schneller Sprint, schon war er bewaffnet. Fernkampf konnte er nun auch. Eine seltsame Ruhe überkam ihn, als er auf das Herz zielte, seine Waffe warf. Wie ein Pfeil durchpflügte sie die Luft, um an den Schuppen abzuprallen, wenigsten fiel sie ihm direkt zu Füßen. Aber irgendwo musste der Drache eine Schwachstelle haben. Die Flügel sahen vielversprechend aus. Nur dünne, schuppenbedeckte Haut.
Diesmal durchbohrte das Geschoss die Haut, der Drache taumelte blutend in der Luft, bevor er sich mit einen gewaltigen letzten Satz seiner Flügel aus der Luft neben ihm katapultierte. Die Pulsader pulsierte kräftig. Er biss hinein und traf auf schmerzenden Stein. Wieso musste der Drache auch dort so starke Schuppen haben?
Auf einmal befand er sich in der Flügelklaue des Drachen. Langsam und gemächlich, Schritt für Schritt watschelte der Drache auf den Opferaltar zu. Er versuchte an die Waffe in den Flügel ranzukommen, doch der Drache achtete bedacht darauf, ihn mehrere Meter vom Körper und den verletzten Flügel, entfernt zu halten, schließlich hatte dieser einen riesigen Schwanz zum Ausbalancieren. Sanft wurde er auf den Opferaltar absetzt, vom den seine Füße nicht entkommen vermochten. Magische Fußfesseln.
„Löst die Fußfesseln, ich will weiterkämpfen.“, keuchte Kaniban.
„Geht nicht. Zauber deines Gegners. Das musst du schon selbst, aber versprich dir keinen Erfolg, du der keine Magie beherrscht.“, die Priester zuckten mit der Schulter.
Warum war er nicht geflohen, als es noch nicht zu spät war? Warum musste er weiterkämpfen? Kein Gott der Welt hatte es ihm befohlen.
Ein letztes Aufbegehren startete er noch:
„Das ist unfair! Wie soll jemand einen Drachen besiegen?“
Der Anführer grinste, sprang in den Ring. Sofort erzitterte der Drache, dem nun das Ende schlug. Binnen Sekunden hatte sich der Anführer auf den Drachen aufgeschwungen, weitere Sekunden später war der Drache blind, die Flügel gebrochen, der Kehlkopf zerstört. Nicht einmal ein Flämmchen konnte der Drache mehr schießen.
„Es geht noch schneller mit Magie. Aber die beherrscht du nicht.“, verkündete der Anführer stolz.
„Leg dich hin.“, forderten die Priester.
„Lasst mich noch ein letztes Gebet sprechen.“
Wieder wurde sein Wunsch akzeptiert. Er sah vor seinen inneren Auge, wilde Säbeltiger streifen, ja die Welt der Dinosaurier.
Weiter ging es zu dem was er als Wolfsmenschen kannte. Es waren Anhänger eines Blutkults, welcher Wölfe anbetete. Der Grund warum er alles sah, war, dass der Altar das Wissen aller seiner Opfer gespeichert hatte. Vorsichtig dachte er an Katzenmenschen – Wendigos. Eine Möglichkeit einer zu werden hatte er schon erfüllt, er hatte Menschen und Wolfmenschen gefressen. Er fasste auf sein Herz, es pochte wild. Schade, hatte nicht funktioniert. Es blieb noch die Möglichkeit des Traumes einer zu werden, doch sein inneres Auge sperrte. Schweiß lief ihm die Stirn hinab Zeit für das Gebet:
„Oh Herr der Finsternis
Oh Herr von Feuer und Eis
Erkalte mein Herz
dein Reich soll es schlagen
dein Recht soll es verkünden“
Sein Herz schlug immer noch. Langsamer, aber es schlug. Sein Blick wanderte hoch zum Edelstein über seinen Kopf. Er lief spitz zu, die Spitze war direkt auf den Altar gerichtet. Es musste das Zentrum der Macht sein. Vielleicht konnte er fliehen. Verzweifelt riss er an seiner Fußfessel, doch sie war unbarmherzig, wie elastischer Kleber. Warum hatte der Drache jenes nicht in der Arena eingesetzt? Sein Blick fiel auf die Späne. Er konnte nicht.
„Endlich bereit?“, fragte ein Priester genervt.
„Ja.“, antwortete er trocken. Was machte sein Tod noch für einen Unterschied? Er gehörte weder hierher noch zurück in die Menschenwelt. Sein Herz war gespalten. Er legte sich aufs Altar, einer der Priester hob den Dolch. Todesangst durchfuhr ihn.
„Moment.“
Er schloss die Augen, versuchte seine Angst zu bekämpfen. Ein Windhauch des herabfahrenden Dolchs streifte seine Seele, Panikschweiß brach aus. Etwas berührte seine Brust. Es war geschehen. Klink. Der Dolch war durch seine Brust, doch komischerweise verspürte er keinen Schmerz. Klink. Wieder berührte etwas seine Brust, nein sogar sein Herz. Und warum war sein Schweiß so kalt und zugleich so heiß?
Er öffnete seine Augen, sah in die Verängstigten der Priester. Roter Feuerschein spiegelte sich in ihnen, als würden seine Augen brennen.
Vorsichtig näherte er einen Finger seinem Auge, näher, näher. Eigentlich müsste er es jetzt berühren können, doch noch weiter konnte er den Finger reinstecken ohne auf irgendetwas zu treffen, stattdessen sah er das Innere des Fingers. Nett. Seine Kräfte mussten getestet werden. Zuerst einmal der Drachenzauber – ein Wisch und er war weg, dann die Priester, ein härteres Kaliber. Ihre gebündelten Zauberkünste waren nahezu dem seinen ebenbürdig, so musste er mogeln. Er nutzte die Macht des Kristalles für eine derartig heftigen Vampirismuszauber, dass die Körper der Priester sofort zu Staub zerfielen. Gestohlene Lebens- und Zauberkraft durchflutete seinen durstigen Körper. Macht! Nun brauchte er nur noch einen Zaubergehilfen. Sein Blick fiel auf den Drachen. Mächtig und elegant. Kalt und zugleich warm. Ein Freund der Magie. Er hatte sich entschieden. Seine Zauber brachen die Barriere in tausend Eisplitter, die ihn in Form einer schwebenden Kugel verfolgten. Ein weiterer Zauber heilte den Drachen, bevor er ihn: „Willst du mein Partner sein?“, fragte und ihm vorsichtig die Hand hinstreckte. Der Drache öffnete sein Maul, doch statt Zähne oder ein Flämmchen kam eine raue Zunge, die ihm seine Hand leckte. Plötzlich blieben seine Fingernägel hängen. Ein Ruck, ein Schmerz, sie waren draußen. Unter ihnen herrliche Tigerkrallen.
„Danke.“
Kaniban riss sich die Nägel seiner zweiten Hand aus, bevor er sie an den Anführer testete. Tiefe Furchen rissen sie, perfekt.
„Du willst kämpfen?“, staunte der Anführer.
„Ja, such dir einen Gefährten. Wir werden im Team kämpfen.“
„Nein Einzelkampf. So sind die Regeln.“
Das war seine Schwäche, bemerkte Kaniban. Mochte sein, dass er alleine stark war, aber der Anführer war eben kein guter Teamspieler.
„Na gut mein Drache kämpft. Moment.“
Er verzauberte seinen Drachen. Zauber eins erhöhte die Geschwindigkeit, Zauber zwei die Stärke und Zauber drei verlieh den Drachen die Reibung von Eis.
„Los geht’s. Bereit?“, fragte er den Anführer und verschwand von der Arena auf die Marmorplattform. Eigentlich ging da noch mehr. Das nasse Holz gab das Wasser ab, welches er zu ewigen Eis gefrieren ließ.
Der Anführer nickte grinsend. Sofort schoss eine bläuliche Stichflamme aus dem Rachen seines Drachen. Rauschen eines Bunsenbrenners erfüllte den Raum. Der Anführer wäre bei einen Treffer sofort tot gewesen, doch zum Glück wich er aus. Das machte die Sache noch lustiger. Die trockene Holzspäne entzündete sich sofort, die Asche des vorherigen Feuers wirkte als Brandbeschleuniger. Binnen Sekunden stand die Arena in rauschenden Flammen. Ein Zauber des Anführers ließ die brennenden Scheite auffliegen und als glühende Geschosse gegen ihn fliegen. Er wehrte mit seinen Eisplittern ab und lachte sein knöchernes Lachen. Was für ein Idiot, musste jetzt tanzen gehen. Doch soweit kam es nicht. Der Anführer schlitterte grinsend an ihm vorbei. Ein Windzauber trieb ihn Kurs Drache an, sprang auf ihn. Oh das konnte lustig werden. Das Publikum musste lachen als der Anführer abrutschte und mit verdatterten Gesichtsausdruck auf den Boden plumpste. Und dann traf ihn eine Klaue des Drachen. Bis ans andere Ende der Arena flog er, knallte mit den Kopf gegen die Wand. Das Lächeln war ihm vergangen. Ihre Augen trafen sich. Blanker Hass, erkannte Kaniban. Und so war es nicht überraschend, als der Anführer hinter ihm erschien und ihn angriff. Er, der Hexer, sollte sterben, damit die Zauber einfacher beziehungsweise überhaupt von den Schwächling gebrochen werden konnten. Nicht mit ihm. Er hatte sie nun beide herausgefordert.
Lächelnd parierte Kaniban die Schläge seines Angreifers. Endlich hatte er die Kraft dazu. Dann schnappte er sich beide Arme, hielt den Angreifer fest und brüllte: „Feuer!“
Alles wurde blau, alles wurde heiß, nach einigen Sekunden endete die Flamme. In seinen Armen, der Anführer tot, verkohlt bis auf die Knochen.
Das Publikum schwieg ehrfurchtsvoll geschockt. Kaniban musste zugeben, das zwei gegen eins war ein bisschen unfair gewesen, der Angriff gegen ihn Hexer allerdings auch. Nach den Regeln der Wolfkultisten wäre er nun ihr Anführer, doch dieses Angebot würde er ausschlagen, so verlockend es war. Sein Drache wollte Freiheit, spürte er und die würde er ihm schenken. „Brenn uns ein Loch.“, befahl er seinen Drachen gedanklich. Dieser hob nickend den Kopf. Die Decke glühte in der Stichflamme seines Drachen, heiße Lava tropfte auf die Zuschauer, welche sich schreiend mit Zaubern schützten, jeder für sich, die Schwachen sollten untergehen.
„Armselig. Habt ihr nicht die Konsequenzen eures Systems durchdacht? Ein System in dem Schwache eliminiert wird, ist selbst schwach, da es unlebenswerte Schwachheit gebiert.“
Vollmondschein fiel ein.
„Lebt wohl.“, er schwang sich auf seinen Drachen, dessen mächtige Schwingen die Haare der Wolfsmenschen flattern ließen. Langsam hoben sie von der Erde ab, immer schneller, doch wacklig. Der Drache hatte nie gelernt jemanden zu fliegen. Allerdings lernte er schnell. Als sie das Loch erreichten, war sein Flug nicht mehr zittrig.
Ein Ruck, des Drachens Schwinge war gegen einen Felsen geknallt.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Kaniban vorsichtig.
„Nein.“, der Drache war beschämt. Ehrgeizig schlugen seine Flügel, gaben ihnen einen mächtigen Schub hinaus in die Freiheit. Eine Gruppe Menschen standen am Krater in der Straße und schauten ehrfürchtig zu. Bis einige Polizisten sie zwei anschnauzten: „Was glauben Sie was Sie hier machen? Zerstören fremdes Eigentum und behindern den Verkehr.“
Wie engstirnig, wie primitiv. Da waren selbst die Wolfsmenschen noch weiter.
„Wir wollten in die Freiheit entfliehen. Streiten Sie sich bitte mit den Wolfsmenschen da unten.“, und sie flogen weiter in die Höhe. Einfach nicht ärgern, einfach nicht aufregen. Bald küssten niedrige Wolken ihre Gesichter. Endlich Freiheit. Sie stiegen weiter. Immer dichter wurden die Wolken. Wie dichte Waschlappen leckten sie ihre Gesichter, dann Sonne sie waren durch. Über den Wolken schien die Freiheit grenzenlos zu sein. Bis ein fauchendes Geräusch ihre Zweisamkeit störte.
Ein Kampfgeschwader nahm Kurs auf sie. Oder taten diese das wirklich? Was hatten sie den verbrochen, außer kein Mensch zu sein. Mal sehen was die Piloten einander zu sagen hatten. Ein einfacher Zauber erlaubte es ihm mitzuhören.
„Ziel in Sicht. Lasst sie nicht über ausländischen Luftraum! Sie sind zu wertvoll, um mit der Welt geteilt zu werden.“, befahl eine Bodenstation.
„UFO-Fangroutine, z10-2 ausführen.“
Weitere Flugzeuge erschienen, diesmal von vorne. Es reichte!
Er ließ die Triebwerke vereisen. Die Flugzeuge stürzten wie untergehende Schiffe. Den Bug voraus ins kalte tosende Meer. Die Piloten retteten sich mit Fallschirmen, doch wie lange? Sein Drache fraß eines der segelnden Wesen, er hingegen entflammte den Rest. Fallschirm futsch, Ersatzschirm futsch, die Gesichter vor Schmerzen verzerrt.
Wamms. Der Fallschirm des Opfers seines Drachen schlug ihm ins Gesicht, bevor er weiter gen Boden flatterte. Endlich Freiheit, endlich Ruhe.

Wie viele Menschen hatten es schon vor ihr versucht? Oder hatten das Pech der beiden Jagdzügen zum Opfer zu fallen? Sie konnte die unzähligen, abgenagten Skelette nicht mehr zählen. Zum Glück war sie weder Mensch noch bewaffnet, wenn man von ihren Krallen absah. Mit diesen hatte sie den großen Zauberer Kaniban vor seiner Verwandlung massiert. Gerne hätte sie ihn als Liebhaber behalten, doch er bevorzugte nun seinen Drachen Morgenglanz. Vielleicht würde er von seinen Labor auf den Zauberberg herabsteigen und sich für ihre Seite entscheiden. Er musste, schließlich hatte er den Krieg provoziert. Er hatte ihren Kult den Menschen offenbart. Zunächst verlief alles friedlich, sogar friedlicher als zuvor. Nicht mehr Verlierer, sondern Verbrecher wurden geopfert. Verbrecher beider Seite, die Menschen lieferten den Großteil.
Dann eskalierten ihre Wertevorstellungen. Der Staat wollte sein Recht bei ihnen durchsetzen, sie dagegen unabhängig bleiben.
Zunächst sollte ihr neuer Anführer gegen deren antreten – Hinrichtung. Tausende Soldaten gegen ihn, deren Anführer nicht einmal anwesend. Feige Schweine! Immerhin starben drei Soldaten.
Dann der dritte Anführer in einen Jahr. Krieg war sein Verlangen, wie das seines Volkes. Hatten sie zuvor ohne Waffe gekämpft so kämpften sie nun mit Verzauberten. Verstaubte Kampfzauber wurden dem Wissenskristall und den Bibliotheken entlockt, doch auch ihre Gegner waren zäh. Atomraketen, mechanische Soldaten, Fluggeräte und Verstärkung durch nahezu dem Rest der Welt. Nur einige kleine Länder der Menschen nahmen nicht an den Weltkrieg teil.
Eine mächtige Burg aus Eis türmte sich aus den Schneesturm vor ihr auf. Aus einem der Schornsteine schoss grüner Rauch – das Labor. Was für eine Verschwendung. So wenige der Räume wurden benutzt. Ein kleiner Weg führte zu einen mächtigen Tor, der einzige Zugang zur Festung.
Vorsichtig klopfte sie mit den eiskalten Türklopfer in Form eines Drachenkopfes ans Tor. Ein klirrender Donnerhall antwortete ihr. Was für mächtige Magie.
„Schön dich zu sehen. Was willst du?“
Ein schwebendes Auge mit Kanibans Stimme begutachtete sie. Seine Worte gaben ihr Hoffnung, die Hoffnung, dass ihre Liebe nicht tot war, nur eingefroren.
„Deine Hilfe. Ich geb dir alles.“
„Um was geht es? Ach, lass mich raten: ich soll die Menschen für euch vernichten.“
„Richtig.“
„Und für was? Für Mord und Totschlag. Verschwinde!“
„Die Arenen sind alternativlos. Wir sind unsterblich, wir müssen sterben, aber ich will nicht. Bitte hat dir den das Kämpfen kein Spaß gemacht?“
Kanibans Ton wurde versöhnlicher: „Es ist falsch. Und wir haben eine Wahl.“
Er hatte das Desaster zu verantworten und nun tötete er sie durch Egoismus.
„Weißt du den Grund für den Krieg zwischen uns und den Menschen?“, ihre Stimme überschlug sich vor Wut, „Du hast unsere Welt dem Feinde geöffnet, du hast die Menschenleben auf deinem Gewissen.“
„Möge dir mein Segen genügen.“
Ihr Leben war am Verwirken.
„Bitte. Ich sterbe. Ich habe einen…“
Sie wachte auf den Opferaltar auf.
„Dein Deal hat nicht funktioniert.“, einer der Priester zückte seine Augenbraue, der Anführer den Dolch, das ihr Herz durchbohren würde.
„Weiter!“, forderte sie erstarkt. Sie sprang auf, mitten in den herabfahrenen, gestoppten Dolch. Tief bohrte er sich in ihr Herz.
„Entschuldigung.“, murmelte der Anführer. So starb sie nun. Durch einen Unfall. Schade, dass sie nicht noch eine Nacht mit Kaniban verbringen konnte, stattdessen mit den Rücken auf den Altar niederlag. Schwach, sie war schwach.
„Ich lass dich nicht leiden.“, sagte jemand.
Das Messer durchdrang erneut ihr Herz. Der letzte Blick auf den Kristall an der Decke wurde trübe. Dann stieg ihre Seele empor ins wutverzerrte Gesicht von Kaniban.

Der Schrei war so markerschütternd, dass Menschen, wie Wolfsmenschen die Waffen fallen ließen. Alle magischen Barrieren wurden durch eine sanfte, kalte Druckwelle weggefegt, alle Zauber verpufften im Wind. Dann ertönte der Himmel in feuerfarbenen Wogen. Ein Drache und sein zürnender Reiter brausten über das Schlachtfeld nahe dem Zauberberg, einen schneeumstürmten Gletscher inmitten der gemäßigten Breiten, während brennende Flugzeuge wie Steine abschmierten.
Und dann traf der wütende Gott mit seines Drachen Feuer die Armeen. Nicht allzu stark, denn sie sollten leiden. Besonders in Fahrzeugen versteckte Menschen traf es hart, Plastik schmolz, um sich mit der brandblasenüberdeckten Haut zu verbinden. Und wieder fuhr er hinab um zu garen. Die Schreie wurden Musik des Teufels, während jener die Erdplatten unter den Armeen in Flammensäulen aufzureißen schien. Lebewesen, die von den Flammen getroffen wurden, waren sofort Asche.

Nie würde der Gott den Sündern verzeihen, es sei den Osiris würde wiedergeboren. Die wölfischen Zuschauer legten vorsichtig den zerstörten Leib zusammen, einer spuckte das fehlende Auge aus, und schauten ängstlich empor zum Loch im Dach der Arena. Sie beteten sogar Kaniban an, bauten ihre stärksten Zauberbarrieren auf. Doch das alles nützte ihnen nichts. Der anbrausende Gott sprang vom Drachen, vereinigte sich unter einen unendlich hellen Lichtblitz mit der Leiche. Die Zuschauer der Liebenden wurden eiskalter Staub, welche noch im Zerfall, die unvergängliche Schönheit der Beiden bewunderten, dann verwirbelten die machtvollen Schlägen der Drachenflügel sie. Vom Auge des sterbenden dritten Anführers sprang noch eine Träne.

Triumphierendes Feuer eines zweiten Drachen wendete die Schlacht. Panzer schmolzen wie Butter, Schreie gellten von den Insassen als flüssiges Metall ihre geschundenen Körper peinigte. Nicht viele starben deshalb, doch die Menschen außerhalb eines Schutzes hatten es dreckiger, wenn auch kürzer. Ihre Haut löste sich wabelnd unter der Hitze, ihre Augen platzten und Schmerzen überall selbst im Körper. Die nächste Sekunde waren sie tot. Der Drache setzte erneut zum Angriff an, so schnell sie konnten, rannten Menschen gen Heimat. Formationen wurden aufgelöst, Waffen und Ausrüstung liegen gelassen. Der Drache ließ ab, überließ es den Wolfsmenschenhorden, welche mit triumphierenden Gebrüll den fliehenden menschlichen Soldaten folgten. Wie Schafe wurde ein Soldat nach den anderen gerissen, bis die Armee stark dezimiert die Schwelle einer Stadt betrat. Der eine Drachenreiter verkrampfte sich vor Anstrengung, als er den Boden aufbrechen ließ und glühende Lavafontänen die Stadt verschlangen. Da ergaben sich die Soldaten der Gnade der Wölfe.

Wolosira zufolge, zerteilte Kanibans Herz sich aus Liebe, um sie, seine Freundin, wiederzubeleben. Sie war der einzige Kontakt zu Kaniban und selbst eine imposante Erscheinung, die selbst den neuen Anführer im Schatten stellte. Deswegen widmeten die Wolfsmenschen ihnen zwei riesige Statue, die binnen Stunden mit Hilfe von Menschensklaven errichtet wurden. Menschensklaven gab es zu Haufen, denn viele Menschen liefen über, um den Tod zu entgehen. Entweder kämpften sie anschließend in der Arena und wurden – wenn sie überlebten – vollwertige Mitglieder, was hauptsächlich Soldaten versuchten oder verkrümelten sich in die Sklaverei, den Weg der Masse.
Sklaven konnten sich nicht vor den Krieg drücken. Sie mussten Latrinen reinigen, magische Barrieren aufbauen. Es gab nicht wenige, die ihre Entscheidung überdachten und als vollwertige Mitglieder zurück in die Schlacht rannten. Verluste gab es kaum, denn die Front der Feinde war gebrochen. Nur einige Amateure versuchten sie in die Luft jagen und wurden dafür von den übergelaufenen Soldaten auf magischen Feuern gegrillt. Bald besaßen sie den ganzen Kontinent, den Rest der Welt konnten die Menschen ihretwegen behalten. Statt Menschen wurden nun Schafe gezüchtet und gefressen, die Wildnis von ihnen und ihren Zoo besiedelt. Es war genug für alle da, selbst für gefräßige Drachen.
Doch es gab keinen Frieden. Permanent wurden Dronen und Atomraketen geschickt, die mit Höllenlärm an den magischen Barrieren abprallten.

Kaniban schritt gemächlich durch seine Festung. Überall auf den Gängen begegneten ihn Früchte seiner Forschung. Was für ein Jammer, wenn diese Unikate bleiben würden. Eine Atomrakete explodierte lautstark am magischen Schild über ihm. Wolosira hatte Recht. Er musste zurückkehren. Weltfern zu leben brachte nichts. Aber warum? Die Menschen waren zwar Bestien, aber sie hatten ihm nichts getan. Außerdem schmeckten sie zu gut, als dass er sie auslöschen würde. Für eine Ausrottung würde ihre ausgearteten Gesetze sprechen. Statt Vernunft Gesetz, was Freibrief für alle möglichen Untaten war. Ein dumpfer Knall erklang von einer kollidierten Drone. So wie hier. Alle Menschchen hielten sich brav an die Regeln der Oberen. Doch wollten sie wirklich den Schrecken des Krieges? Bei seinen Raubzügen auf benachbarte Kontinente hatte er nicht das Gefühl gehabt. Wie sie schrien, wie sie abstritten was mit den Krieg zu tun zu haben. Pech, dass er und Morgenglanz nur hungrig waren.
Etwas erwachte in ihm, ein nie gekanntes Gefühl von Hass. Sein stummes Eisherz begann zu vibririeren, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Plötzlich gaben seine Beine nach bevor eine ungekannte Macht die Kontrolle darüber übernahm.
Sein Körper marschierte, obwohl er versuchte den Wahnsinn zu stoppen. Der Wahnsinn breitete sich rasend aus. Konnte er noch seine Arme zum Festhalten benutzen, entglitten sie seiner Kontrolle. Sein Mund wollte schreien, doch rief nur nach Wolosira. Was wenn das Monster in ihm sie ermordete? Die Realität entglitt.

Er fand sich in einer längst vergessenen Erinnerung wieder. Es war ein schöner Tag auf dem Heimweg von der Schule. Schwarze Fetzen von Angst wirbelten in seinem Kopf. Er hatte versagt. Seine Noten waren nicht gut genug. Außerdem hielten die anderen Schüler ihn für ein Spinner. Er drehte sich mit seiner Kamera zu der Schule um und knipste ein Foto, dass er später nachbearbeiten würde. Weiter ging sein Weg durch die glücklich schwatzenden Menschenmassen eines Gehwegs. Wie seine Mitmenschen sich amüsierten. Dann tauchte er aus und war alleine. Ein weiteres Foto.
Zuhause schaltete er seinen Computer an und lud die Fotos hinauf.
Das Bild von der Schule wurde schwarz-weiß. Es sah so gut aus, vorallem kamen die fernen düsteren Wolken hinter ihr zur Geltung. Und die Menschenmasse zierte die Schule als Schatten. Er speicherte, schaffte es noch den Computer herunterzufahren, bevor er weinend zusammenbrach. Eine abgefallene Reißzwecke bohrte sich in seine Hand. Er schrie vor Wut auf, riss sie raus und warf sie gegen die Wand, wo sie erstaunlicherweise stecken blieb.
Blut tropfte, er schaute interessiert eine Stunde zu. Anschließend legte er sich ins Bett und schlief. Warum hatte niemand ihn gehört? Sein Schrei war laut gewesen.
Die Wunde wurde zu eine Beule. Es waren die Chemikalien seiner Pinnwand. Doch wo war seine Familie? Niemand bemerkte seine Wunden, alle waren sie zu sehr beschäftigt sich gegenseitig zu unterhalten. Es reichte! Er agierte, anstatt zu reagieren. Er brach in deren Gesprächen ein und wurde verärgert rausgeworfen. Dann ging er zu einen Arzt um sich die Wunde untersuchen zu lassen. Er wurde rausgeworfen. Man wollte seine Eltern sehen, denn ein Zehnjähriger konnte schlecht die hohe Rechnung bezahlen.
So wandte er sich mit der Wunde an Lehrer, doch sie hatten keine Zeit. Zuletzt versuchte er mit seinen Eltern über die Wunde ins Gespräch zu kommen, aber diese wollten schlafen. Frustriert tat er es ihnen gleich.
Seine Wunde war am nächsten Tag verheilt, doch er konnte das Gefühl nicht lassen, dass sie immer noch existierte. Als er von der Schule kam, ergänzte er das Bild um einen roten Ton , bevor er im Sitz einschlief.
Am nächsten Tag hatte er einen Verweis, wegen Amoklaufgefahr. Sein Bruder hatte das Bild heimlich veröffentlicht. Es wäre nicht schlimm gewesen, hätte er wenigstens einen Ansprechpartner gefunden, doch der Verweis war sein einziger Begleiter.
Zuhause lachte ihn sein Bruder aus, das letzte Mal. Ein irrsinniger Hass hatte ihn erpackt, doch er hielt stand und beugte sich der Schmach. Man wollte ihn nur aussortieren, aber würde dem widerstehen. Doch kaum war die Standpauke zu Ende war es, als hätte sich etwas in ihm entzweit.
Seitdem hatte er auch keine Probleme mehr mit Menschen.
Plötzlich befand er sich in seinem verhängnisvollen Bild. Die Schatten schienen zu höhnen, immer größer wurden sie. Und dann sprach eine helle Stimme mit ihm:
„Ich bin das Feuer, dass in deine Seele brennt.“
Das Feuer loderte stärker.
„Und ich dein Eisherz.“, verkündete eine dunkle Stimme
Wolosiras Abbild verabschiedete sich von ihm.
„Habe ich nicht deine Freundin wiederbelebt? Habe ich nicht dein nacktes Leben gerettet? Nun bezahle! Töte sie, die widerlichen Kreaturen, die mich einsperrten!“
„Warum? Sie schmecken lecker. Ich werde ein Teufel tun und Kaviar wie sie für irgendeine Macht auslöschen.“
„Ach komm. Bitte setz‘ ein Zeichen für mich.“
„Na gut. Dann wollen wir mal.“
Kaniban spürte seine Seele sich vereinen. Die Welt wurde in seinen Augen immer klarer.
Er war aus der Reihe getanzt und einen eigenen Willen entwickelt, ein Sakrileg. Das ganze menschliche Gesetzeswerk zielte darauf ab den Einzelnen zu entmündigen. Wozu sonst die vielen Regeln? Alles! Alles sollte gelenkt werden. Wer sich daran nicht hielt, wurde verstoßen. Rache! Selbst sein eigener Körper hatte ihn verdrängt und hatte seine Freunde, die Wolfsmenschen, verraten. Hass überflutete ihn. Schlachtenlärm drang in sein erwachendes Gehirn. Er würde dem Menschenfeind nehmen was ihm zweimal durch ihn geraubt wurde: eine Heimat.

Feuer tanzte um seinem eisigen Körper, in seiner Hand ein flammendes Schwert. Morgenglanz ging in den Sturzflug über.
„Alles ok?“, fragte sein Drache ihn telepathisch.
„Ja, ich bin zurück. Mit voller Macht!“
Feuer schoss aus seinen Mund. Immer schneller raste der Erdboden auf ihn zu.
„Bist du sicher, dass du es mit den Menschen alleine aufnehmen kannst?“
Er blickte sich um. Nur er und sein Drache.
„Ja. Ich werde das Herz der verlogenen Bestien durchbohren. Genieß das Schauspiel Morgenglanz.“
Immer näher kam die Stadt mit den Regierungsgebäude. Die gläserne Kuppel schimmerte wundervoll in der Abenddämmerung, als er absprang und mit blutrot glänzenden Scherben die Kuppel durchstieß. Er landete genau vor den Redner. Kanibans Blicke kreuzten sich kurz mit denen der verängstigten Schlange, dann enthauptete er diese. Die anderen Politiker standen auf und wollten fliehen, doch sein Schwert war unbarmherzig. Selbst aus der großen Distanz zerschnitten seine Hiebe die Politiker. Einer schaffte es tatsächlich die Tür zu durchqueren. Nützt euch nichts, Schlangen! Feuerwogen brachen aus seinen Körper, zischten vernichtend über den Boden. Wie Tiere suchten sie selbstständig ihre Opfer. Er meditierte für den mächtigen Zauber. Die Welt verschwamm in feuerroten Energieströmen, die es nun zu entfesseln galt. Ein kleiner magischer Stoß aus seinen Körper ließ die Luft brennen, ein Weiterer entbändigte das Feuer. Die satten Feuerwogen kehrten zu ihm zurück und gaben ihre Energien an das entfesselte Feuer. Er ward Kern einer rauschenden Feuerexplosion. Der Boden, er löste sich in Dampf und stieg in einer Säule gen Himmel, das hungrige Feuer, entfesselt verwandelte sich in hungrige Tiger auf der Suche nach Menschenfleisch. Woge für Woge löste es sich von der Flammensäule. Und war eine von ihnen satt, so teilte sie sich in drei. Der ganze Kontinent würde brennen. Bald bestand die Flammensäule nur noch aus aufsteigenden Dämpfen, die langsam aufstiegen und Kaniban freigaben. Kein Feuer tanzte mehr um ihn, doch in seinen Augen glänzte die Wildheit der Natur.
„Wundervoller Zauber. Gratuliere!“, rief Morgenglanz.
„Danke. Hol mich bitte ab. Ich will den Menschen brennen sehen!“
Er hatte seine Heimat gefunden und keiner würde sie ihm mehr nehmen.

Ende

Wer „Midnight Meat Train“ gesehen hat wird am Anfang Ähnlichkeiten feststellen. Hat mich inspiriert der Film^^.

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