Der Aufstieg der Verbrecher


Es war einmal eine Stadt in dem die Menschen keine Straftaten mehr verübten. Das letzte Auftreten einer solchen lag einige Jahre zurück. Die Polizei wurde zu einen Helfer der Bevölkerung in kleineren Missgeschicken und als solcher auch hoch geachtet.
Eines Tages gab es eine Gasexplosion, die mehrere Menschen in den Tod riss. Der Schuldige war schnell gefunden: ein kleines Kind hatte sich in dem Kontrollzentrum des Gaswerks verirrt.
Die Mutter war schrecklich entsetzt als sie erfuhr was ihr Kind angestellt hatte, entschuldigte sich und versprach besser auf es aufzupassen. Man wollte das kontrollieren und warf wütend prüfende Blicke auf Kind und Mutter.
Dann brach ein Baugerüst inmitten eines starken Sturm zusammen und erschlug ein, darunter verstecktes, jugendliches Liebespaar. Keiner sah es, keine Zeugen waren anwesend, denn erst am nächsten Tag, als der Sturm vorbei war, trauten sich die Menschen wieder auf die Straße, sahen die Toten und riefen entsetzt: „Wir brauchen bessere Kontrollen.“
Und so beschloss man neue Gesetze einzuführen. Die Rohre von Baugerüsten mussten nun dünner sein, damit sie niemanden mehr erschlagen konnten. Zudem wurde das Schlafen außerhalb von offiziellen Schlafstellen verboten.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren gab es jetzt Demonstrationen. Eine von Hochhausbauherren, die nun nicht mehr so hoch bauen konnten und eine der Camper und der Jugend.
„Wir bekennen uns schuldig.“, verkündete der Sprecher der Jugendlichen, „Unsere toten Altersgenossen waren unvorsichtig. Es ist nicht gerecht, dass andere dafür bestraft werden.“
„Er hat Recht. Wieso sollten wir wegen der Unvorsicht Einiger leiden?“, schrien die Camper und die Bauherren im Chor.
„Tut mir leid. Das Gesetz ist nun Gesetz. Und nun geht.“, verkündete der Bürgermeister. Die Demonstranten verzogen sich enttäuscht von ihrer Stellung. Es wurde eine harte Nacht.
Die Bauherren entließen einige Arbeiter, welche zum ersten Mal in ihren Leben Sorgen verspürten. Sie bekämpften diese mit Alkohol, was Vandalismus und Prügeleien zur Folge hatte. Die überraschten Polizisten schafften es mit Müh und Not die Unruhestifter festzunehmen.
Die Camper wiederum zogen enttäuscht weg von der Stadt, was Einkommenseinbußen zur Folge haben würde.
Die Jugendlichen hingegen waren relativ ruhig. Sie bestatteten ihre toten Kameraden mit viel Tränen. Einige jugendliche Liebespaare gingen nach der Bestattung zu offiziellen Schlafstellen: ihren Bett
Am nächsten Morgen war die Stadt entsetzt. Mehr Kontrollen forderte sie. Die Eltern waren ein Schritt weiter. Sie wollten den Sittenverfall unter der Jugend stoppen. Eine Stunde später wurden strenge Gesetze zur Ausweisung von Kriminellen und zur Regulation von Sex erlassen. Die Stadt leerte sich. Jugendliche flohen in rauen Massen, während die verhafteten Arbeitslosen hinausgeworfen wurden. Und sie waren nicht alleine. Die Bauunternehmer bauten noch ihre Gerüste ab, dann waren auch sie, ein paar Stunden später, mit den restlichen Arbeitern verschwunden.
Totenstille trat in der Stadt ein. Trostlose Skelette von unfertigen Hochhäusern ragten in den Himmel. Die Bewohner der Stadt waren schockiert über den Bevölkerungsverlust und verboten den verbliebenen Jugendlichen den Ausgang, sowie Kommunikation mit der Außenwelt, um wenigstens diese zu behalten. Einige Tage später wurden die Jugendlichen, mit stabilen, metallenen Peilsenderarmringen versehen, in die Freiheit der Stadt entlassen.
Es stank den verbliebenen Jugendlichen enorm, dass sie nicht zu den Schnellen gehörten, die merkten was hier geschah. Sie wollten sich versammeln und Entschlüsse fassen, doch wurden bei Häufung von GPS-Sendern immer wieder auseinander getrieben. Sklavenringe wurden die GPS-Geräte von ihnen spöttisch genannt.
Ein kluger Jugendlicher hatte die Idee, die GPS-Geräte durch Starkstrom zu zerstören. Er kletterte dazu auf einen Starkstrommasten, erdete den Sklavenring mit einen langen Draht und hielt ihn an einen der Starkstromdrähte.
Es knackte, es knisterte im Armring, als plötzlich eine Hand seinen Fuß packte und wegzog.
Er fiel, hielt sich an einen der Starkstromdrähte fest. Seine Hand verkrampfte, doch die Erdung schützte ihn vor weiteren Schaden.
„Du wirst dein schönes, teures Gerät nicht zerstören!“, schrie seine Mutter und riss zu ihren Unglück den nackten Draht aus dem Boden. Sofort sprang ein Funke auf sie über. Ein Schrei, dann fiel sie, es knirschte. Der Jugendliche ließ sich fallen, fiel weich auf der Leiche seiner Mutter und floh hinaus in die Welt.
Seitdem blieben in der Stadt die Lichter aus. Elektrizität wurde verboten, die Fabriken wanderten ab.

Zerlumpt waren sie nun alle. Kein Geld mehr. Alle arbeitslos, bis auf Polizei und Bürgermeister, welche nun täglich die meuternde Massen unter Kontrolle hielten und fliehende Jugendliche gewaltsam zurückholten. Sie waren die Einzigen mit Strom, was sie für ihre Überwachung auch brauchten. Neid blühte, alles Schöne wurde bei Diebstählen beschädigt, Fabriken und andere Bauten als Schutt verwertet.
Einer der Arbeitslosen floh, floh hinaus in die Welt und fand die Jugend und fand sein Leben in deren Armee wieder.
„Wir werden die Stadt zurückerobern und wieder zu einen Paradies machen.“, pries man ihm an.
Gesagt getan. Einen Monat später eroberten sie die Stadt zurück. Provisorische Galgen säumten die Straßen, an ihnen hingen alle über 25. Kein Kompromiss mit jungen Kritikern wurde gemacht, sie wurden verstoßen, wenn nicht gar umgebracht. Motto wurde: „Freiheit durch Gleichheit“. Nie wieder sollten Andersdenkende ihre Stadt mit verrückten Ideen verwüsten. Die Bauunternehmer kamen zurück, die Fabriken wurden wiederaufgebaut, nur einer blieb fern: der Jugendliche, der sein GPS-Gerät zerstörte.
Gerüchten zufolge hatte er sich eine Firma aufgebaut.
So lebte die Jugend einige Jahre glücklich. Hinrichtungen von Andersdenkenden lagen einige Zeit zurück, selbst die Zahl der Verstoßenen pro Jahr ging zurück.
Eines Tages kam ein reicher Mann in die Stadt. Sie erkannten ihn sofort als den Jugendlichen, der den Strom stoppte. Eigentlich wollten sie ihn als Helden feiern, doch er war anders. Sofort formierten sich Mobs um ihn, doch er blieb still, er wartete. Mittlerweile hatte sich die ganze Stadt um ihn versammelt. Jetzt sprach er: „Merkt ihr nicht, dass ihr versagt habt? Gleichheit ist nicht Freiheit. Ihr wollt mich loswerden, weil ich anders bin.“
Die erwachsenen Jugendlichen traf es wie ein Schlag. Nur einer bewahrte die Ruhe:
„Seht ihr? Die Anderen sind Schlangen in Worten. Tötet ihn!“
„Und was bringt es? Wieder und wieder werden wir zerstören. Wir sind Bestien.“, entgegnete ein anderer Bewohner.
„Schlange!“, zischte die tobende Masse, der Eine grinste zufrieden, als plötzlich tausende Messer seinen Körper durchbohrten. Es war sein letztes Grinsen, denn die Bewohner wurden erwachsen. Sie erwachten aus ihren Traum vom Paradies und schauten hoffnungsvoll ihren heimgekehrten Kameraden an.
„Meine Lösung ist die Abkehr von der Menschlichkeit.“, er riss sich die Haut vom Gesicht, darunter die eines Reptils, „Folgt mir oder lebt wohl.“
Die Erwachsenen sahen traurig mit an wie ein Großteil ihrer Kinder den Heimkehrer an der Kleidung packten, aber sie wussten: Was sie nicht vermochten, das würden jene schaffen. Der Heimkehrer gab jeden ein Bonbon, ein letztes „Lebwohl“, gefolgt von einen Lichtblitz, sie waren fort. Die Erwachsenen weinten, alle, ob Mann oder Frau, denn Scham und Reue brannten tief in ihren harmoniebesessenen Seelen.
Eine Frau warf plötzlich wütend einen Taschenspiegel auf den Boden, nachdem sie sich darin gesehen hatte. Sie ertrug ihr Anlitz nicht mehr, ein Phänomen, das nach und nach auf die Stadt übergriff. Bald war die Stadt spiegellos, doch keiner empfand Glück, weil sie wussten: Immer wieder würden sie morden, denn sie waren alle Verbrecher, obwohl es keine gab, denn sie kriminalisierten sich.

End

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