Reise durch das Schlaraffenland – ein Reisebericht


Die Straße wurde immer heller, immer greller bald waren wir da beim Schlaraffenland. Das gelobte und das verachtete Land der Wünsche. Uns empfing eine Art Mantel aus Bäumen, an denen Leichen von jungen Menschen hingen. War es eine Schutzmaßnahme an der Besucher scheiterten? Vor den Wald stand ein alter Mann, unschlüssig ob er ihn verlassen sollte. Wir gingen zu ihm und fragten was mit den Bäumen los sei.
„Ach, die hielten es nicht aus.“, krächzte er, „Wollt ihr eine Führung?“
„Klar, immer gerne.“
„Gut, dann kommt mit.“
Wir gingen durch den schaurigen Wald. Noch schauriger wurde uns zumute als eine hübsche junge Frau eine Leiche wiedererweckte.
„Komm Sohn. Ich geb dir alles was du willst, leb weiter.“
„Nein. Mutter. Nein!“
Schlingen wickelten sich um seine Beine, die ihn mit seiner Mutter verknüpften. Plötzlich flog er, wie auf einen Luftkissen, empor, dann zog ihn seine Mutter Richtung Inneres des Waldes.
„Tja, das ist die dunkle Seite des Schlaraffenlandes.“, kicherte der alte Mann, „Es geht weiter.“.
Der Wald endete in einer unendlichen Lichtung. Gleich an ihren Rändern tummelten sich nackte Liebespaare bestehend aus Mann oder Frau und Dutzende des anderen Geschlechts. Sie alle sahen perfekt aus wie nach den griechischen Körperidealen. Kein Wunder, wenn man sein Körper anpassen konnte. Und worauf, besser gesagt worin sie lagen. Ein wundervoller Garten der sich an sie schmiegte. Ein paar Meter mindestens sanken sie in den Rasen aus bunten Gräsern deren Halme in allerlei Köstlichkeiten endeten. Oder schillerndes Wasser, um nur einige der Milliarden unterschiedlichen Terrains aufzuzählen.
„Wollt ihr eine kleine Pause machen? Ich rufe euch mal welche.“, krächzte der Alte vorfreudig, „Ich schaue gerne den jungen Paaren zu.“
„Was ist mit den daraus resultierenden Kindern?“
„Keine Sorge, ohne Kinderwunsch gibt es hier keine. Genießt einfach.“
Es war schön, zu schön, aber das Glück währte nur knappe zwei Tage, obwohl sämtliche erquicklichen Terrains ausprobiert wurden. Ich hätte nie gedacht, dass man genug von Lust und Wonne bekommen konnte. Meinen Begleitern ging es ähnlich. Nachdem wir wieder gepackt hatten, folgten wir den Mann weiter. Mittlerweile kamen wir zu Paaren, die nur aus einen Mann und einer Frau bestanden. Eine schrie auf, weil der Mann sie aus Versehen kratzte.
„Die sind schon vernünftiger. Ihr müsst wissen, es sind beides echte Menschen, keine Geister in Menschenform, wie ich sie euch rief. Sie haben ihre Fehler, sie sind brutal.“
Ein Paar war schon ganz zerkratzt vom jeweiligen Partner. Andere einzelne bekleidete Individuen standen daneben und schauten über die Welt der Lust, Beobachter wie wir.
„Weiter geht’s.“
Mehr der Beobachter, mehr von diesen Paaren. Die Paare schliefen nun auf harten, stachligen Betonboden. Dann Arenen, in denen sich Männer und Frauen fetzten. Im wahrsten Sinn des Wortes. Kleidungs- und Hautfetzen flogen zusammen mit Blut durch die Gegend, Schreie schallten zu uns herüber.
„Die Sieger dürfen jeweils über den ihm Unterlegenen verfügen. Die werden so noch lange ihren Spaß haben.“, brummte der Mann.
„Wie können die noch Spaß haben?“, fragte eine Journalistin aus meinen Team entsetzt.
„Belohnung ist nun schwerer zu kriegen, zudem äußerst schmerzhaft. Lasst uns weitergehen. Ihr werdet die Hölle sehen.“
Wir kamen an seltsamen Peitschweiden vorbei, die ihre Kunden auspeitschten, dann an Plutonium gefasste Seen in denen krebsrote Menschen planschten, schwammen, kämpften. Der Dampf, der daraus, aufgrund der hohen Zerfallwärme, aufstieg, allein verbrannte uns fast die Lungen. Zum Glück waren wir im Schlaraffenland, wo Krebs ein Fremdwort war.
Dachten wir wirklich das wäre schlimm? Wir hatten noch nicht die darauf folgende Höllenseite gesehen. In ihr war das Vorankommen mühsam und alles andere als erquicklich. Der Dampf des Sees war nichts gegen den Rauch der hier herrschte. Man fühlte sich schlapp, erbärmlich, dennoch gab es hier einige Menschen in der Einöde. Meist in größeren, gedrängten Gruppen, die aussahen als würden sie eine Sauna genießen. Bei näheren Hinsehen schwammen sie gegen einen reißenden Lavasog. Eingesaugte kamen über einen Lavafluss wieder zur Oberfläche, Minuten später. Sicher kein Spaß keine Luft zu bekommen und stattdessen diese Lava zu atmen. Einmal badeten wir zum Test in einen der höllischen Flüsse aus Lava. Die Pein war unerträglich, sodass wir schleunigst aus der Lava rasten. Sprachlos mussten wir uns mitanschauen wie sich Leute auf Steinkrallen aufspießten und vor Schmerz lachten. Viel zu sagen gibt es nicht über die seltsame Welt, weil sie zu brutal war. Wir kamen irgendwann tatsächlich zu einen Höllenzugang, einer tiefen Schlucht. Und die Seelen kreischten, im Gegensatz zur christlichen Vorstellung, nicht, sondern lachten vor Schmerzen.
Der alte Mann schmunzelte: „Ich weiß jetzt was Leben bedeutet: Schmerz und Vernunft. Ich gehe kein Risiko mehr ein, dass ich in den Himmel komme, wo man mir das Hirn mit Glückseligkeit rauspustet. Lebt wohl.“
Er sprang hinab in den Abgrund. Wir hörten sein krächzendes Kichern, wir hörten die höllischen Folterknechte ihn bearbeiten. Seine Entscheidung, nicht unsere. Ein paar Fotos, dann machten wir uns auf den Rückweg. Die giftigen Dämpfe schwanden, die Seen kamen, vorbei an den verbissenen Liebespaaren, einen sehnsüchtigen Blick auf die Glückseligen. Ein paar von ihnen standen auf, zogen sich an, gingen Richtung Hölle oder kamen mit uns Richtung Wald. Der Wald war düster von jener Seite aus betrachtet. Zum Glück lag es aber nur an der Verblendung durch die Glückseligkeit. Langsam normalisierte sich der Wald, wurde nur in einen leichten Schatten gehüllt. Es war schön wie der Wald rauschte, wir konnten ihn richtig genießen. Bis zu jenen Zeitpunkt als wir die Leichen hängen sahen. Wir sahen sie weil sich einige unserer Begleiter dazuhängten. Aber die Abhilfe war einfach, wir ließen die Bäume die Leichen essen. Endlich kamen wir vom Wald auf die Straße, die uns hierher geführt hatte. Sie glühte nicht mehr, sie war aus puren Stein auf denen zahlreiche schwachleuchtende Fußspuren zu sehen waren. Wahrscheinlich hatten diese uns geblendet und so die Illusion einer leuchtenden Straße vermittelt. Es war nun die Zeit Richtung Heimat aufzubrechen. Langsam entfernten wir uns vom Schlaraffenland, es tat zwar in der Seele weh, aber niemand von uns wollte dahin je wieder zurück. Auch die anderen Mitreisenden nicht. Unsere Reise endete an einem Portal, das überall hinführte. Reisen war hier gratis, warum also den Fußweg? Wir landeten sanft in unserer Redaktion.

Ende

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